Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 27.11.2019, Seite 8 / Feuilleton
Filmemacher Peter Lilienthal

»›Kämpft darum, die Freiheit zu bewahren‹, sagte er uns«

Zum 90. Geburtstag des deutsch-uruguayischen Filmemachers Peter Lilienthal. Ein Gespräch mit Wolfgang Ebeling und Albrecht Girle
Interview: Wolfgang Pomrehn
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Peter Lilienthal bei der Verleihung des 20. Europäischen Filmpreises in Berlin (1.12.2007)

Der deutsch-uruguayische Filmemacher Peter Lilienthal wird am heutigen Mittwoch 90 Jahre alt. In Uruguays Hauptstadt Montevideo gab es aus diesem Anlass letzte Woche eine Retrospektive seines Werks. Was wurde gezeigt?

Wolfgang Ebeling: Zu sehen waren zum Beispiel »Es herrscht Ruhe im Land« (1976, jW) – ein Film mit starken Bezügen zu den damaligen Diktaturen in Uruguay und Chile –, »Das Autogramm« (1984, jW) – ein Film, der sich mit der Diktatur in Argentinien auseinandersetzt – oder »David« (1979, jW). Letzterer war der erste Spielfilm, der in Westdeutschland den Holocaust thematisierte.

Wie kamen Sie auf die Idee, eine Retrospektive in Montevideo zu organisieren?

Albrecht Girle: Lilienthal kam im Alter von neun Jahren als Kind jüdisch-deutscher Eltern nach Uruguay und hat hier den Holocaust überlebt. In den 1950ern drehte er im Cine-Klub der Universität sozialkritische Kurzfilme, bevor er in Westdeutschland ein einflussreicher Regisseur wurde. Doch seine Arbeiten sind in Uruguay und im übrigen Lateinamerika kaum bekannt. Das lag vermutlich auch daran, dass Lilienthal in Deutschland in Vergessenheit geraten war. Obwohl er als einer der Schöpfer des Neuen Deutschen Films anzusehen ist, wurden seine Werke in alle Winde verstreut. Er hatte zum Beispiel das Format des Fernsehspiels mitentwickelt. Außerdem war er Mitbegründer und erster Direktor der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Westberlin.

Dass sein Werk so aus dem öffentlichen Leben verschwunden ist, scheint auch mit seiner politischen Einstellung zusammenzuhängen: mit seinem Widerstand gegen staatliche Gewalt, gegen den Abbau sozialer und demokratischer Rechte.

War es schwer, seine Filme zu bekommen?

A. G.: Ja, aber wir hatten eine wunderbare Zusammenarbeit mit der Deutschen Kinemathek in Berlin. Diese hat Lilienthals Filme nach und nach ausgegraben, teils mühselig restauriert und digitalisiert. Wir mussten dann noch für die spanischen Untertitel sorgen.

Wie reagierte das Publikum auf die Filme?

A. G.: Viele waren überrascht und haben gefragt: Warum ist ein solches Werk so unbekannt? Gut, dass die Filme gerade jetzt wiederentdeckt werden, wo sie angesichts der jüngsten Entwicklung eine so beklemmende Aktualität haben.

W. E.: Diese ist wirklich kaum zu übersehen. Wir haben auch den Film »Der Radfahrer von San Christobál« (1987, jW) gezeigt, der in Chile spielt und dort auch gedreht wurde. Die junge chilenische Filmemacherin Isidora Gálvez hat 30 Jahre später am Ort der Dreharbeiten eine Dokumentation gedreht, die wir ebenfalls gezeigt haben. In der Diskussion hat sie sehr konkret über die aktuellen Auseinandersetzungen in dem Land berichtet.

A. G.: Das war das tragende Thema unserer Abschlussveranstaltung, die das Motto »Ficción y Realidad«, also »Film und Wirklichkeit«, hatte. Dabei hat Gálvez unter anderem Ausschnitte aus einem anderen Lilienthal-Film namens »La Victoria« (1973, jW) gezeigt. Sie wies darauf hin, wie sehr sich der Kampf gegen den Abbau sozialer und demokratischer Rechte damals und heute ähnelt und dass zum Teil an denselben Stellen wie zu Beginn der 1970er heute wieder Barrikaden gebaut werden.

Auch für Uruguay stellt sich nach der Wahl vor einem Monat die Frage nach der Aktualität.

A. G.: Auch das hat in den Diskussionen eine Rolle gespielt. Die Parteienlandschaft verschiebt sich nach rechts. Es wird eine neue, extrem antidemokratische rechte Partei ins Parlament einziehen und mit den Konservativen zusammenarbeiten. In diesem Zusammenhang ist das filmische Werk von Peter Lilienthal ein Appell: Achtet auf die Anfänge. Achtet darauf, was passiert, wenn, soziale und demokratische Rechte ausgehöhlt werden, wenn die Rechten in die Parlamente einziehen. Am Ende werdet ihr die Rechnung zahlen müssen, und die wird hoch sein.

W. E.: »Kämpft darum, die Freiheit zu bewahren«, sagte Peter Lilienthal in den Gesprächen mit uns.

Wolfgang Ebeling und Albrecht Girle sind Mitarbeiter des uruguayisch-deutschen Kulturzentrums »Casa Bertolt Brecht« in Montevideo

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