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Aus: Ausgabe vom 18.06.2019, Seite 12 / Thema
Jürgen Habermas

Hohn bei Hofe

Am heutigen Dienstag wird der Philosoph Jürgen Habermas 90 Jahre alt. Die schon ausgesprochenen Glückwünsche fielen zurückhaltend aus
Von Arnold Schölzel
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Am rechten Platze, schon etwas zur Seite gedrängt: Jürgen Habermas (rechts) mit dem damaligen französischen Präsidentschaftskandidaten Emmanuel Macron und Sigmar Gabriel, da noch deutscher Außenminister, am 16. März 2017 in der Hertie School of Governance in Berlin

Zum 80. Geburtstag des Philosophen Habermas heute vor zehn Jahren titelte Die Zeit »Weltmacht Habermas«. Am vergangenen Donnerstag hieß es auf Seite eins der Wochenzeitung zum 90.: »Der Weltverbesserer« – das war fast schon beleidigend, vor allem aber Zeugnis vom Ende einer Inszenierung, die Habermas verkörpert: Sie besagt, dass Bundesrepublik, »Zivilgesellschaft« und Politik der »Zurückhaltung« eins sind. Habermas hat Aufstieg und Niedergang dieses Selbst- und Propagandabildes des rekonstruierten deutschen Imperialismus als Sozialphilosoph und öffentlich sich äußernder Intellektueller seit mehr als 65 Jahren begleitet mit zeitweise weltweitem Echo. Seine abnehmende Wirkung hängt nicht mit seinem Alter zusammen, sondern damit, dass die Bundesrepublik in Europa und der Welt seit dem Anschluss der DDR eine neue, aggressivere Rolle spielt. Die von ihr ausgehende und inzwischen auf die EU übertragene Politik folgt der Devise: Je schwächer der Sozial-, desto stärker der Kriegsstaat. Wer im Innern gesetzlich vorgegebene Gemeinnützigkeit im Wohnungswesen abschafft, Bahn, Wasser und Krankenhäuser, überhaupt Güter des Gemeinwohls privatisiert, der schafft bewusst mehr Ungleichheit, Armut und frühen Tod. Nach außen, lehrt die Erfahrung, geht er hemmungslos über Leichen. Dazu gehört auch, sei hier eingefügt, nicht nur der »normale« Sozialdarwinismus mit »Eigenverantwortung« als Leitvokabel, sondern auch die Wiederbelebung faschistischer Ideologie. Das schließt die staatliche Aufpäppelung und Organisation von Terrortrupps ein. Diese Gesellschaft hat sich zur imperialistischen Kenntlichkeit verändert.

Eine Zäsur in diesem Prozess war der NATO-Angriffskrieg gegen Jugoslawien 1999, an dem sich die von Gerhard Schröder (SPD) und Joseph Fischer (Die Grünen) geführte Bundesregierung beteiligte. Fischer war in den 80er Jahren und Anfang der 90er als hessischer Minister häufiger Gesprächspartner von Habermas. Diese »humanitäre Intervention«, »nicht Krieg« (Schröder) wurde wie üblich mit grotesken Lügen vorbereitet. Das »Nie wieder Auschwitz!«, das Fischer ins Feld führte, zeigte einen Grad der Demagogie, der seit 1945 nicht wieder erreicht worden war – die »Begründungen« der USA für ihre Kriege gegen Korea, Vietnam oder den Irak ausgenommen.

Habermas hatte zwar bereits »Desert Storm«, wie die USA ihren Krieg gegen den Irak 1991 bezeichnet hatten, begrüßt, allerdings nicht im Stil einer anderen Geistesgröße der BRD, des Dichters Hans Magnus Enzensberger. Der hatte im Staatschef des Irak, Saddam Hussein, einen »Wiedergänger Hitlers« ausgemacht. Habermas veröffentlichte am 15. Februar 1991 in der Zeit einen Text, in dem er lediglich die Art und Weise kritisierte, mit der die von den USA im UN-­Sicherheitsrat ergaunerte völkerrechtliche Legitimation für »Desert Storm« verwirklicht wurde. Der Anschluss der DDR war gerade vollzogen und auch damit begründet worden, nun breche ein Zeitalter an, in dem die Welt eine »Friedensdividende« einstreichen werde. Habermas verwendete nicht diese Vokabel, schrieb aber nicht minder großsprecherisch von der »Obsoleszenz des Krieges als einer Kategorie der Weltgeschichte«. Immerhin war er noch der Auffassung: »Das Ziel der Abschaffung des Krieges ist ein Gebot der Vernunft.« Den richtigen Satz entwertete er allerdings sofort, indem er behauptete: »Es kann schlimmere Übel geben als den Krieg.« Die Ungeheuerlichkeit ging damals unter, zumal Habermas der deutschen Regierung eine »Politik der Zurückhaltung« empfahl, es sei denn, es gehe um den Schutz Israels.

»Zivile Nachkriegsmentalität«

1999 erklärte Habermas die Obsoleszenz der Zurückhaltung. Am 29. April 1999, die Bundesluftwaffe bombardierte gemeinsam mit den NATO-Verbündeten bereits mehr als einen Monat Städte und Dörfer, Chemieanlagen und Kraftwerke Jugoslawiens, erschien in der Zeit ein Beitrag von ihm, in dem es hieß: »Mit dem ersten Kampfeinsatz der Bundeswehr ging die lange Periode einer Zurückhaltung zu Ende, die sich den zivilen Zügen der deutschen Nachkriegsmentalität eingeprägt hat. Es ist Krieg. Gewiss, die ›Luftschläge‹ der Allianz wollen etwas anderes sein als ein Krieg der traditionellen Art. Tatsächlich haben die ›chirurgische Präzision‹ der Luftangriffe und die programmatische Schonung der Zivilisten einen hohen legitimatorischen Stellenwert.«

Habermas selbst hatte schon einmal besser gewusst, was die Remilitarisierung der BRD in den 50er Jahren bedeutete: Die Armee war der Grund, den Staat aus der Taufe zu heben, nicht umgekehrt. Die »zivile Nachkriegsmentalität« war in Wirklichkeit die Ablehnung von Aufrüstung und Krieg durch die Mehrheit der westdeutschen Bevölkerung. Das hat sich auch nach dem Untergang der Sowjetunion nicht geändert. Habermas behauptete nun 1999: »Während des Golfkrieges ist noch die Rhetorik des Ernstfalls, die Beschwörung von staatlichem Pathos, von Würde, Tragik und männlicher Reife gegen eine lautstarke Friedensbewegung aufgefahren worden. Von beidem ist nicht viel übriggeblieben.« Das war ein Verdienst der SPD-Grünen-Regierung. Sie waren die einzigen politischen Kräfte, die verhindern konnten, dass es, wie die FAZ einige Monate später schrieb, während der NATO-Bombardierung zu »bürgerkriegsähnlichen Zuständen« in der BRD kam. Die »humanitäre Intervention« zur angeblichen Abwendung von Menschheitsverbrechen allerdings war nichts anderes als die Fortsetzung der »Rhetorik des Ernstfalls« mit besonders verlogenen Mitteln. An dieser Propagandakulisse bastelte Habermas auf seine Weise mit. Er interpretierte den Kosovo-Krieg als »Sprung auf dem Weg des klassischen Völkerrechts der Staaten zum kosmopolitischen Recht einer Weltbürgergesellschaft«. In Demagogie hatte Habermas damit mindestens zu Fischer aufgeschlossen. Nur die Rhetorik rügte er. In die Verlautbarungen der Bundesregierung habe sich »ein gewisser schriller Ton, ein Overkill an fragwürdigen geschichtlichen Parallelen« eingeschlichen. Habermas’ Verweis auf einen Sankt-Nimmerleins-Tag, an dem an Stelle souveräner Staaten und des Völkerrechts eine »weltweite demokratische Rechtsordnung« eingerichtet sei, stand dem offiziellen Zynismus in nichts nach. Charakteristisch dafür waren Irrsinnssätze wie: »Fragen der Verhältnismäßigkeit sind schwierig zu entscheiden. Hätte die NATO die Zerstörung des staatlichen Rundfunks nicht eine halbe Stunde vorher ankündigen sollen?« Und: »Jedes Kind, das auf der Flucht stirbt, zerrt an unseren Nerven.«

Geopolitische oder andere Interessen spielten laut Habermas bei diesem Krieg keine Rolle. Der »ideologiekritische Verdacht« finde keine Nahrung: »Für Politiker, denen die globale Ökonomie innenpolitisch wenig Spielraum lässt, mag ja außenpolitische Kraftmeierei eine Chance bieten. Aber weder das den USA zugeschriebene Motiv der Sicherung und Erweiterung von Einflusssphären noch das der NATO zugeschriebene Motiv der Rollenfindung, nicht einmal das der ›Festung Europa‹ zugeschriebene Motiv der vorbeugenden Abwehr von Einwanderungswellen erklären den Entschluss zu einem so schwerwiegenden, riskanten und kostspieligen Eingriff.« Heute steht fest: Die EU schuf sich mit dem Kosovo ein Protektorat, von dem aus sie den westlichen Balkan beherrscht, das daher bei der Abwehr von Einwanderung gute Dienste leistet. Die USA unterhalten dort seit 1999 mit »Camp Bondsteel« die zweitgrößte Militärbasis in Europa, einen unsinkbaren Flugzeugträger mit mehr als 7.000 Soldaten, von dem aus das Schwarze Meer, die russische Küste, der Nahe Osten und Nordafrika schnell erreichbar sind.

Glorifizierung der Vereinigten Staaten war der Hintergrund der Habermasschen Argumentation. In seinen Worten: »Die USA haben in einer von der UNO nur schwach reglementierten Staatenwelt die Ordnungsaufgaben einer Supermacht übernommen.« Allen Ernstes formulierte er: »Dabei fungieren Menschenrechte für die Bewertung politischer Ziele als moralische Wertorientierungen.« Vietnamkrieg und der Umgang mit dem »eigenen ›Hinterhof‹« hätten zwar immer wieder gezeigt, dass sich die Vereinigten Staaten nicht daran hielten. Aber, zitierte er den Soziologen und in Vorwärtsideologie gleichgesinnten Ulrich Beck, die »neue Mischform von humanitärer Selbstlosigkeit und imperialer Machtlogik« habe nun mal in den USA Tradition.

Das war für echte Liberale zuviel. Auf Habermas antwortete damals z. B. der Rechtsphilosoph Reinhard Merkel am 12. Mai 1999 in der Zeit: »Dieser Krieg ist illegal, illegitim und, unbeschadet seiner hohen moralischen Zielsetzung, moralisch verwerflich.« Die Bombenangriffe stünden »außerhalb jeder Möglichkeit der Rechtfertigung«. Denn »das ›Weltbürgerrecht‹ der einen auf Heimat wird durchgesetzt, indem man das der anderen auf Leben vernichtet«. In der FAZ argumentierte der Jurist Dieter Simon analog am 18. Juni 1999, am 70. Geburtstag von Habermas: »Der Missionseifer des aufklärerischen Universalismus verschließt optimistisch die Augen vor der ›Ungeheuerlichkeit des Krieges als Elementarverbrechen‹ (Thomas Bernhard).«

Es waren Beiträge wie der zum Kosovo-Krieg, die den 2018 verstorbenen italienischen Philosophen Domenico Losurdo veranlassten, Habermas zur »imperialen Linken« zu zählen, die sich der westlichen Politik unterordne. Losurdo unterschied davon eine andere Linke, die »mehr oder weniger konsequent und mehr oder weniger klarsichtig an der Verteidigung der sozialen und ökonomischen Rechte arbeitet«. Die Dialektik: Habermas erweckte im Laufe seines Lebens immer wieder den Anschein, er gehöre zu letzterer. In dieser Hinsicht verläuft seine Biographie parallel auch zur Geschichte der SPD. So wie diese im neusten Deutschland fast funktionslos geworden ist, wurde es auch Habermas. Die Vokabel »Weltverbesserer« ist so gesehen Spott der Herrschenden für einen, der ausgedient hat, Hohn bei Hofe.

Heideggers Einfluss

Dabei begann die Karriere von Habermas aufsehenerregend und scheinbar auf linker, antifaschistischer Seite, als allerdings nicht ganz vollständiger Bruch mit dem die Bundesrepublik beherrschenden »Verdrängungsantikommunismus« (Habermas). Als Student in Bonn schickte er im Juli 1953 dem damaligen FAZ-Mitherausgeber Karl Korn einen wutentbrannten Text über die »Einführung in die Metaphysik« zu, die der Philosoph Martin Heidegger (1889–1976) kurz zuvor herausgegeben hatte. Korn druckte den Artikel am 25. Juli 1953 in der Beilage »Bilder und Zeiten« ab und gab ihm einen Titel, für den er eine Wendung aus dem letzten Satz des Textes verwendete: »Mit Heidegger gegen Heidegger denken«. Der Band enthielt eine Vorlesung aus dem Jahr 1935. Habermas war empört, weil Heidegger dort unkommentiert einen Satz aus jenem Jahr veröffentlichte, in dem er mit Bezug auf den Nazifaschismus von der »inneren Wahrheit und Größe dieser Bewegung« sprach.

Habermas erklärte zu Recht, dass sich Heideggers offenbar unveränderte politische Haltung »aus dem Zusammenhang der Vorlesung« ergebe. Demnach entscheidet sich »das Schicksal der Erde in Europa«, genauer: »im Herzen des Volkes, das seine Mitte ausmacht und das den ›schärfsten Zangendruck‹ erfährt«. Habermas: »Verstehen wir recht: In der politischen Situation von 1935, in der sich die Doppelfrontbildung Deutschlands gegen Ost und West abzeichnet, sieht Heidegger den Reflex einer seinsgeschichtlichen Lage, der sich seit über zweitausend Jahren vorbereitet hat und nun dem deutschen Volk eine weltgeschichtliche Mission überantwortet.« Habermas sieht richtig: Heideggers Interpretation des von ihm in die »Volksgemeinschaft« verlegten »Seins« schlägt unmittelbar in den Drang des Philosophieprofessors um, den Führer führen zu wollen. Denn Europa und damit Deutschland liegt nach Ansicht des »Fundamentalontologen« in einer großen Zange zwischen Russland und Amerika: In beiden herrsche »›dieselbe trostlose Raserei der entfesselten Technik und der bodenlosen Organisation des Normalmenschen‹, für den Zeit nur noch Schnelligkeit bedeutet«. Wer sich an heutige Traktate über die angebliche deutsche Selbstabschaffung oder an »Umvolkung« erinnert fühlt, liegt nicht falsch. Offene Kapitalismusapologetik läuft seit mehr als 200 Jahren immer wieder auf »Volk ohne Raum«-Parolen hinaus.

Indirekte, rational wirkende Kapitalismusrechtfertigung, die den Kern des Habermasschen Werks ausmacht, steht der Heideggers allerdings kaum nach. Wer wie Habermas das Ende von Krieg einer »Weltbürgergesellschaft« zuweist, während gleichzeitig Uran- und Streubomben fallen und gezielt Chemiewerke für eine Art Gaskrieg zerstört werden, der kann nicht naiv genannt werden. Und seine Wirkung auf Studenten, die in bezug auf Heidegger 1953 seine Hauptsorge war, dürfte ungleich größer gewesen sein. Habermas musste sich nicht anpassen, seine politische Haltung war die Basis seines theoretischen Werks.

Letzteres war zudem stärker von Heidegger geprägt, als die Anhänger von Habermas wahrhaben wollen. Das heben dessen konservative Kritiker immer wieder genüsslich hervor. Es gilt für den Technikbegriff ebenso wie für Termini, die durch Habermas Mode wurden, wie in den 80er Jahren das Begriffspaar »System und Lebenswelt«.

Die Konfrontation von Habermas mit dem Marxismus bei gleichzeitigem Kokettieren mit dessen Terminologie war so zwangsläufig. Sein Haupteinwand gegen Marx lautete: Er folge einem »szientistischen« Missverständnis, indem er sich an den Naturwissenschaften ausrichte. Daraus folgte etwa die These, Marx operiere wider besseres Wissen mit einem instrumentell verkürzten Begriff von Arbeit, bei dem »der materialistische Begriff der Synthesis von Mensch und Natur auf den kategorialen Rahmen der Produktion eingeschränkt ist«. Und: »Hätte Marx Interaktion mit Arbeit nicht unter dem Titel der gesellschaftlichen Praxis zusammengeworfen, hätte er statt dessen den materialistischen Begriff der Synthesis auf die Leistungen instrumentalen und Verknüpfungen kommunikativen Handelns gleichermaßen bezogen, dann wäre die Idee einer Wissenschaft vom Menschen nicht durch die Identifikation mit Naturwissenschaft verdunkelt worden.« Angesichts des Begriffs vom Menschen bei Marx als eines gesellschaftlich produzierenden Wesens, klingt das absurd, war aber erfolgreich. In dem Sammelband »Erkenntnis und Interesse« von 1968, in dem das Zitierte veröffentlicht wurde, findet sich auch die Forderung, Aufgabe von Sozialkritik sei, die Differenz zwischen tatsächlicher und dem notwendigen Grad von Unterdrückung, der sich aus materiellen Ursachen ergebe, in einer Gesellschaft zu Bewusstsein zu bringen. Das Ziel sei dabei, dass »die Geltung jeder politisch folgenreichen Norm von einem in herrschaftsfreier Kommunikation erzielten Konsensus abhängig gemacht wird.«

Der Spiegel kommentierte das nach Erscheinen der Taschenbuchausgabe 1973 unter der Überschrift »Immer reden« als Abkehr von der marxistischen Orthodoxie. Habermas reagierte mit einem Leserbrief, in dem es hieß: »Man qualifiziert sich nicht durch Glaubensbekenntnisse gegenüber einem Autor, dessen Hauptwerk ein rundes Jahrhundert zurückliegt, als Marxist. Indem Sie das nahelegen, folgen sie einträchtig den landesüblichen Stereotypen und denen der DKP.«

Marxistische Kritik

Das war in seiner Schnoddrigkeit repräsentativ für die Art, mit der Habermas auf Kritik west- oder ostdeutscher Marxisten reagierte. Hier sei als Beispiel eine Analyse von Erich Hahn angeführt. Der verfasste 1970 nach einer Konferenz »Die Frankfurter Schule im Lichte des Marxismus« aus Anlass des 100. Geburtstages Lenins in Frankfurt am Main ein Vorwort zum Sammelband mit den Konferenzbeiträgen und wies dort darauf hin, nicht wenige junge Intellektuelle seien durch die Aufnahme bestimmter Gedankengänge der Frankfurter Schule, also auch durch Habermas, »zu ihrer kritischen und ablehnenden Haltung gegenüber der Realität der imperialistischen Gesellschaftsordnung gelangt«. Je mehr sich aber diese Bewegung entfaltet habe und auf Widerstand des Machtapparats gestoßen sei, desto deutlicher sei »die Brüchigkeit und Unvollkommenheit ihrer konzeptionellen theoretischen Grundlagen zutage« getreten.

Auf der Konferenz hatte Hahn ausgeführt, Habermas habe sich programmatisch von der Analyse der Produktionsverhältnisse des staatsmonopolistischen Herrschaftssystems abgewandt, aber nicht im Ergebnis einer adäquaten Analyse der wirklichen Entwicklungstendenzen. Er sehe so zwar das hohe Entwicklungsniveau der Technik, die wachsende Macht des Staates und der Manipulation, die Durchsetzung des geistigen Lebens mit Brutalität, Unsicherheit, Defekten in den zwischenmenschlichen Beziehungen, den schwindenden Einfluss humanistischer Ideen, die wachsende Sinnleere und Unsicherheit des menschlichen Lebens – »Was er nicht vermag, ist dies als Existenzbedingungen einer überlebten Klassenherrschaft wahrzuhaben.«

Dem Kommentar zum theoretischen Konzept ist fast 50 Jahre danach wenig hinzuzufügen. Dessen Brüchigkeit und Inkonsistenz verstärkte sich eher in seinem Hauptwerk von 1981, der »Theorie des kommunikativen Handelns«. Größer wurde offenbar auch die spaltende Wirkung unter Intellektuellen der sozialistischen Länder. Aus dem Habermasschen Gemischtwarenladen konnte sich jeder bedienen. Dazu trug sein Nimbus als früherer Verteidiger linker Bewegungen bei: Habermas war Gegner der Remilitarisierung, Unterstützer des Ostermarsches, Gegner des Vietnamkrieges, nach der Ermordung von Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 Koreferent auf einer Protesttagung mit Rudi Dutschke. Im sogenannten Deutschen Herbst 1977, nach dem Tod der RAF-Gefangenen im Gefängnis Stuttgart-Stammheim, warf ihm der Historiker Golo Mann vor, er habe von Beginn an die Erscheinungen des Terrorismus bagatellisiert.

Heiligsprechung der BRD

Ähnliche Attacken hatte Habermas spätestens nach dem Anschluss der DDR, den er »nachholende Revolution« taufte, nicht mehr zu befürchten. Seine Heiligsprechung des politischen und gesellschaftlichen Systems der Bundesrepublik, dem er eine »Fundamentalliberalisierung« bescheinigte, wurde endlich anerkannt. Im Herbst 1991 erklärte er in einem Brief an Christa Wolf: »Die Westorientierung hat keine Verkrümmung der deutschen Seele bedeutet, sondern die Einübung in den aufrechten Gang.« Die DDR sei dagegen durch den Missbrauch fortschrittlicher Ideen charakterisiert.

Die Bejahung einer deutschen Beteiligung am Angriffskrieg von 1999 war insofern konsequent. Der herrschaftsfreie Diskurs erwies seine Wahrheit in der Herstellung eines neuen nationalen Konsenses, dessen Inhalt eine neue Art von weltgeschichtlicher Mission der Deutschen, diesmal gemeinsam mit den US-Amerikanern, ist. Habermas hat diese Variante des Mythos von der »unersetzlichen Nation« seit 1999 auf EU-Europa ausgedehnt. Beispielhaft dafür ist ein am 31. Mai 2003, zur Zeit des völkerrechtswidrigen Irak-Kriegs der USA, Großbritanniens und ihrer »Koalition der Willigen«, in der FAZ veröffentlichter Text, den auch der französische Philosoph Jacques Derrida unterschrieb. Darin heißt es: »Europa muss sein Gewicht auf internationaler Ebene und im Rahmen der UN in die Waagschale werfen, um den hegemonialen Unilateralismus der Vereinigten Staaten auszubalancieren.« Die Wirklichkeit: Bei jedem weiteren Krieg des Westens seither – gegen Libyen, Syrien, die Ukraine sowie im NATO-Aufmarsch gegen Russland – demonstrierten EU und NATO-Partner weitgehend bedingungslose Gefolgschaft.

In einem neuen Werk wendet sich Habermas, wie einer Verlagsmitteilung kürzlich zu entnehmen war, dem Glauben und seinem Verhältnis zum Wissen zu. Not lehrt beten.

Debatte

  • Beitrag von Harald F. aus Köln (17. Juni 2019 um 23:08 Uhr)
    Es freut mich, dass dieser eigentliche Wendehals Habermas inzwischen so bedeutungslos geworden ist wie die SPD. Ach, wie lange habe ich mich von der Frankfurter Schule einseifen lassen. Nun erleben wir ihren endgültigen Niedergang; und das ist wunderbar. Habermas als verspotteter Hofnarr, sehr schön, Herr Schölzel. – Ich gebe zu: ich war einst ein Verehrer von Adorno und Habermas, bin als dummer, 24jähriger Hessen-Kollegiat morgens früh um sechs Uhr von Wiesbaden nach Frankfurt geradelt (kein Geld für eine Fahrkarte), um in eine Vorlesung von Adorno zu kommen. Wie haben die Worte, erst von Adorno, dann von Habermas auf uns und mich gewirkt? War die Wirkung im reinsten Sinne aufklärerisch? Nein, sie war betörend und berauschend. Sie machten besoffen. Und ich brauchte lange, um diese Wirkung zu begreifen. – Immerhin: 1999, als die BRD-Luftwaffe die BR-Jugoslawien überfiel und Habermas das mit relativierenden und gestelzten Worten rechtfertigte, war ich endgültig mit ihm »fertig«, diesem Apologeten des westlichen Imperialismus.

    Nun verzehrt er immer noch seine Professorenpension und ist überhaupt nicht weiser und selbstkritischer geworden. Schade. Was für ein Aufwand für ein verfehltes Leben.

    Harald Friese, 77 Jahre, Köln
  • Beitrag von Josie M. aus Jülich (18. Juni 2019 um 17:48 Uhr)
    Dank an Arnold Schölzel für diese brillante Abrechnung mit dem »Wendehals« Jürgen Habermas!

    Am Ende bestätigt Habermas mit seinem Opportunismus nur noch den Meilenstein der Dialektik von Karl Marx, wonach »das Sein das Bewusstsein bestimmt«.

    Ein Professor, der seinen Lehrstuhl in einem kapitalistischen System behalten will, kann wahrscheinlich nicht anders denken und handeln. Martin Heidegger lässt grüßen.

    Trotzdem bestand die »Frankfurter Schule« ja nicht nur aus Jürgen Habermas, und ich halte sie in ihrem damaligen antiautoritären Anspruch für einen seinerzeit ermutigenden Ansporn, das herrschende System und das unselige und noch reichlich präsente Erbe der Nazis in Frage zu stellen, trotz der berechtigten Kritik eines Erich Hahn, der meinte, je mehr sich diese Bewegung entfaltet habe und auf Widerstand des Machtapparates gestoßen sei, desto deutlicher sei »die Brüchigkeit und Unvollkommenheit ihrer konzeptionellen theoretischen Grundlagen zutage« getreten.
    Wenn auch Habermas leider für viele ehemalige ’68er in seiner Rolle rückwärts das aktuell prominenteste Beispiel ist, so ist doch beispielsweise die Kritik eines Herbert Marcuse an der Heidegger-Philosophie nach wie vor berechtigt.

    Nun können wir Alten nur noch auf eine ganzheitlicher angelegte Protestbewegung der Jugend hoffen, die ja unseren Planeten retten will.

    Josie Michel-Brüning, Wolfsburg-Vorsfelde

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