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Aus: Ausgabe vom 15.03.2019, Seite 10 / Feuilleton
Oper

Lebendiger Kerzenleuchter

Kinderreime, heideggerisch gefärbt – in Jörg Widmanns »Babylon« an der Staatsoper Berlin gibt es wunderbare Kostüme
Von Maximilian Schäffer
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Schöner singen zu Glasharmonikapfiffen, Konserventönen und bayerischen Defiliermärschen

»Kümmere dich nicht darum, ob ich mir in etwas Gesagtem widerspreche. Höre mir in diesem Moment zu und ignoriere die Vergangenheit. Wenn du die Vergangenheit ignorierst, gibt es keinen Widerspruch. Wenn du sie nicht ignorierst, gibt es Widerspruch.« Osho

Meine erste Begegnung mit Peter Sloterdijk hatte ich durchs Fernsehen. Als ich in jugendlichen Jahren begann, mich für die Vergeistigung meiner Person zu interessieren, zeichnete ich einmal neugierig eine Fernsehsendung mit dem Namen »Das philosophische Quartett« auf. Im ZDF lief diese Zusammenkunft hirnischer Größen des Deutschtums im Zweimonatsrhythmus bis 2012. Neben Rüdiger Safranski (der mir bis dahin völlig unbekannt war) saß dort ein Mann, von dem es hieß, er sei der wohl größte lebende Philosoph unseres Heimatlandes. Eine teigige Gestalt in zu engem Sakko mit wallend blondem Vokuhila und einer Kurzatmigkeit wie Nietzsche geilend am Pferd: Das musste Peter Sloterdijk sein. Mein Philosophiestudium brach ich schnell ab und von seinen Schriften las ich nur die in der Zeitung erschienenen wie »Die Revolution der gebenden Hand« (2009). Ich schrieb ihn schnell als aufgeblasenen Denker der Mächtigen ab und war froh, nie eines seiner Bücher in die Hand genommen zu haben.

Umso erstaunter war ich, als ich letztes Jahr herausfand, dass dieser bräsige Anwalt der Leistungsgesellschaft sich einst als glühender Anhänger des indischen Gurus »Bhagwan« Shree Rajneesh, später »Osho« genannt, verstand. Zwei Jahre lang (1978–1980) hüpfte Sloterdijk in dessen Aschram im indischen Pune in roten Gewändern herum, hyperventilierte in dynamischer Meditation, übte sich in begrenzt freier Liebe und materialistischer Bedürfnislosigkeit.

Sloterdijk, ständiger Wandler zwischen Babel und dem geheiligten Land, durfte entsprechende Erfahrungen bereits 2012 zum Libretto verarbeiten. Für Jörg Widmanns zweite Oper »Babylon« schrieb er einen Text, der bibel- und shakespeareschwanger tönt und inhaltlich aus mesopotamischer Mythologie und Kaballa schöpft. Um es mit seinen eigenen, dem Programmheft entnommenen Worten zu erklären: »Das Axiom der Überlegungen, heideggerisch gefärbt, besteht in der atmosphärischen Auslegung des In-der-Welt-Seins als Mixtum compositum aus Vertrautheit und Unvertrautheit. Solche Komposita bilden die ›Mischkrüge‹, in denen die ontologischen Stimmungen angesetzt werden.«

Dieser einst in München uraufgeführte Mischkrug läuft seit vergangenem Samstag in neuer Fassung an der Berliner Staatsoper. Die Kürzungen hätten ruhig noch umfangreicher ausfallen können, weil der dreistündigen, astralreisenden Handlung um Euphrat und Tigris höchstens der Skorpionsmensch selbst folgen kann. Letzterer trägt ein wunderbares Kostüm, das an H. R. Gigers »Alien« erinnert. Weitere Figuren sind ein lebendiger Kerzenleuchter und Pinhead aus dem Film »Hellraiser«. Sofern man der Narration entsagt, sieht und hört man hübsche Bilder zu imposant komponierter Musik aus Glasharmonikapfiffen, Kinderreimen, Konserventönen und bayerischen Defiliermärschen. Peter Sloterdijk hat vorsorglich erklärt, dass »Sprachverwirrung« das eigentliche Thema sei.

Nächste Aufführungen: 20., 22., 24. März

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