Aus: Ausgabe vom 11.12.2018, Seite 16 / Sport

Besser als die Nationalhymne

Dramatisches Finale: River Plate dreht das Spiel und gewinnt die Copa Libertadores

Von Leonhard Furtwängler
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Kann man sich schöner freuen? Die Spieler von River Plate feierten ihren Copa-Sieg selbst noch vor leeren Rängen

Es ist der vorläufige Schlusspunkt unter einer an Dramatik, Drastik und Symbolik überreichen Geschichte, wie sie nur der Fußball schreibt, und wohl nur der lateinamerikanische – nach einem emotionalen Spiel hat River Plate Buenos Aires die Copa Libertadores gewonnen. Es ist ein Titel für die Ewigkeit, wurde er doch gegen die Erzrivalen aus der eigenen Stadt erkämpft, die Boca Juniors.

Im fernen Madrid gewann der Traditionsklub am Sonntag das Final-Rückspiel des südamerikanischen Pendants der Champions League gegen den Stadtrivalen Boca Juniors 3:1 (1:1, 0:1) nach Verlängerung und sicherte sich damit zum vierten Mal den Titel. Das Hinspiel im Boca-Stadion La Bombonera war am 11. November 2:2 ausgegangen. Mit Rivers Sieg ging eines der denkwürdigsten, aber auch beschämendsten Finals der Copa-Historie zu Ende. Das ursprünglich für den 24. November angesetzte Rückspiel im Stadion von River Plate war wegen Krawallen abgesagt worden. Vermeintliche River-Anhänger hatten den Boca-Mannschaftsbus kurz vor der Ankunft im Monumental-Stadion mit Steinen beworfen und mehrere Spieler verletzt, die nicht hätten antreten können. Anschließend kam es zu Straßenschlachten zwischen enttäuschten Fans und der erst überforderten, dann hart vorgehenden Polizei. Daraufhin war das Superclásico-Rückspiel ins 10.000 Kilometer entfernte Madrid verlegt worden, wo immerhin 250.000 Argentinier leben. 80.000 Anhänger aus beiden Lagern sorgten im Estadio Bernabeu für eine hitzige Atmosphäre. 4.000 Sicherheitskräfte, darunter 2.000 Polizisten, sorgten in der spanischen Hauptstadt dafür, dass es zu keinen Zusammenstößen zwischen den verfeindeten Fanlagern kam.

Als Rivers Gonzalo Martínez gegen Ende der Verlängerung (120.+2) den Ball zum 3:1-Endstand ins leere Tor schoss, traf er Boca ins Mark. Seit dem Platzverweis des kolumbianischen Mittelfeldstrategen Wilmar Barrios (92.) in Unterzahl, hatte die Mannschaft noch einmal alles nach vorne geworfen, selbst Torhüter Esteban Andrada versuchte im gegnerischen Strafraum mitzuhelfen, sein Team ins Elfmeterschießen zu retten. Dabei hatte es zunächst gut ausgesehen für die »Xeneizes«: River hatte zwar mehr Ballbesitz, wurde aber von dem gefährlich konternden Boca verunsichert. Schon in der elften Minute hätte »Xeneizes«-Kapitän Pablo Pérez nach einem Eckball fast das 1:0 erziehlt, in der 30. Minute verfehlte Nahitan Nández in bester Position den Ball nur knapp. Kurz vor der Pause (44.) ließ Dario Ismael Benedetto nach einem perfekten Steilpass von Nández seinen Gegenspieler aussteigen und traf sicher zur Führung. Ansehnlich war das Spiel dennoch nicht: Boca ließ den Gegner kommen und verstrickte ihn in viele intensive Zweikämpfe. Atlético Madrids argentinischer Trainer Diego Simeone, selbst beileibe kein großer Verfechter des körperlos-eleganten Spiels, kommentierte zur Halbzeit: »Das Beste war bislang die Nationalhymne.«

Das sollte sich ändern, drehte doch River in der zweiten Halbzeit gehörig, kam besser ins Spiel und durch Ignacio Fernández zur ersten Großchance (49.). Der nach einem Zusammenprall von Lucas Pratto mit Boca-Torhüter Andrada (57.) fällige Elfmeterpfiff blieb aus, dennoch ließ das Team nicht locker. Und wurde belohnt: Elf Minuten später traf Pratto nach flüssiger Kombination und Zuspiel von Fernández zum Ausgleich. Die Nickeligkeiten nahmen anschließend noch zu, weitere Großchancen blieben aus. So ging es in die 30minütige Verlängerung. Die Gelb-Rote Karte für Schlüsselspieler Barrios bedeutete dann fast schon die Vorentscheidung. River konnte den Ball laufen lassen, schnürte die Boca Juniors am Strafraum ein. Auf den wunderschönen Fernschuss von Juan Quintero (108.) fanden sie keine Antwort mehr.

Dass das Finale überhaupt erst in Madrid über die Bühne gehen konnte, wurde am Samstag endgültig entschieden. Der Internationale Sportgerichtshof (CAS) hatte da einen Eilantrag der Boca Juniors auf Absetzung des Finalrückspiels abgelehnt. Wie das Gericht mitteilte, soll über einen weiteren Antrag des unterlegenen Vereins, den Finalgegner zu disqualifizieren, zu einem späteren Zeitpunkt befunden werden. Der südamerikanische Verband Conmebol hatte zuvor River Plate mit einer Geldstrafe von 400.000 US-Dollar belegt. Außerdem muss das Team die ersten zwei Partien im nächsten Jahr vor leeren Rängen spielen.


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