Aus: Ausgabe vom 08.01.2018, Seite 8 / Ansichten

Kims Knopf

Korea-Konflikt

Von Rainer Werning
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Ein Mann verfolgt am 15. September in Seoul Fernsehberichte über die Raketentests Nordkoreas

Wäre die aktuelle Sicherheitslage auf der Koreanischen Halbinsel nicht so prekär, könnte man meinen, der jüngste Schlagabtausch zwischen Mister Trump und dem Genossen Kim gleiche einer Rivalität zweier aufgedrehter Steiff-Teddybären darüber, wer denn nun den größeren Knopf im Ohr hat. Hatte der nordkoreanische Machthaber Kim Jong Un in seiner Neujahrsansprache darauf hingewiesen, dass sein »Atomwaffenknopf immer auf meinem Schreibtisch« sei, twitterte der Mann im Weißen Haus flugs retour. »Würde jemand aus seinem verarmten und ausgehungerten Regime ihn bitte darüber informieren«, so Trump, »dass auch ich einen Atomwaffenknopf habe. Der ist nicht nur größer, sondern funktioniert auch.«

Während in den sogenannten Leitmedien im Westen hervorgehoben wurde, Kim Jong Un halte unerbittlich an seiner atomaren Bedrohungsstrategie fest, fiel die Interpretation seiner Neujahrsansprache in beiden Koreas gänzlich anders aus. Kim feierte darin zwar sein Land und die Fortschritte, die es in seinem Atomprogramm als dem angemessenen Schutz vor einem US-Angriff gemacht habe. Bedeutsamer indes war die an die Regierung in Seoul gerichtete Botschaft, nach einer mehr als zweijährigen Pause wieder bilaterale Gespräche auf hochrangiger Ebene führen zu wollen.

Wenn sich am morgigen Dienstag die Chefunterhändler Pjöngjangs und Seouls im Grenzort Panmunjom treffen, stehen nicht nur die Teilnahme Nordkoreas an den Olympischen Winterspielen und die Verbesserung der beidseitigen Beziehungen auf der Agenda. Es geht vielmehr darum, jene Entspannungssignale weiterzuverfolgen, die bis dato dreimal ausgesandt wurden. In den Jahren 1972, 1991 und 2000 hatte man jeweils eine enge innerkoreanische Kooperation beschworen, die letztlich konterkariert wurde. 1972 verhängte das südkoreanische Regime landesweit das Kriegsrecht, während 1991 Pjöngjang eine »ideologische Kontaminierung« im Zuge von Gorbatschows Glasnostpolitik witterte und kurzerhand seine Kader aus der früheren Sowjetunion und osteuropäischen Ländern nach Hause zurückbeorderte. Mitte Juni 2000 fand dann in Pjöngjang der erste innerkoreanische Gipfel statt. Anlässlich dieses wahrlich historischen Treffens vereinbarten der Gastgeber Kim Jong Il – der zwischenzeitlich verstorbene Vater von Kim Jong Un – und Südkoreas Staatschef Kim Dae Jung in ihrer »Nord-Süd-Erklärung« die bis dato engste bilaterale Zusammenarbeit. Diese wurde Anfang 2001 jäh zunichte gemacht, als der neue US-Präsident George W. Bush Kim Dae Jungs Nordkorea-Kurs – in Seoul damals »Sonnenscheinpolitik« genannt – als »naiv« abkanzelte und Nordkorea ein Jahr später nebst Iran und Irak als Teil seiner ominösen »Achse des Bösen« brandmarkte. Man darf gespannt sein, mit welchen Mitteln Washington dem jetzt reaktivierten innerkoreanischen Dialog in die Parade fährt. Im Augenblick jedenfalls sitzt Genosse Kim am größeren Knopf.

Rainer Werning ist u. a. Koautor des im Februar in der Edition Berolina (Berlin) erscheinenden Buches »Brennpunkt Nordkorea«.


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