Aus: Ausgabe vom 16.10.2017, Seite 8 / Ausland

»Es ist ein Akt der politischen Selbstermächtigung«

Mexiko: Beim Wiederaufbau nach den Erdbeben sollten mehr ­traditionelle Baustoffe genutzt werden. Gespräch mit Enrique Ortiz Flores

Interview: Torge Löding
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»In vielen Orten gibt es kleine Ziegeleien. Bei denen sind die von der Regierung verteilten Kreditkarten nicht gültig. Doch statt die großen Supermarktketten zu fördern, sollten Baumaterialien bei diesen lokalen Herstellern erworben werden.« – Enrique Ortiz Flores, Vorsitzender der »Habitat International Coalition« in Mexiko

In der vergangenen Woche hat »Habitat International Coalition«, HIC, ein neues Netzwerk mit alten und neuen Verbündeten, darunter auch Universitäten, ein demokratisches und verantwortungsbewusstes Wiederaufbauprojekt in Mexiko ins Leben gerufen. Wie ist denn die Lage nach den schweren Erdbeben?

Zur Ruhe gekommen ist das Land in keinerlei Hinsicht. Zum einen gibt es immer noch Nachbeben, die Menschen stresst das, und viele haben Angst. Die Lage in der Hauptstadt und in den anderen acht betroffenen Bundesstaaten, insbesondere Oaxaca, Chiapas und Morelos, ist sehr unterschiedlich. Es sind Hunderte Menschen gestorben und sehr viel mehr wohnungslos geworden. Viele tausend Häuser sind eingestürzt oder unbewohnbar geworden. Alleine in den Bundesstaaten Oaxaca und Chiapas wurden mehr als 121.000 Gebäude zerstört, vielerorts geht den Menschen das Trinkwasser aus. Und es gibt ein politisches Kräftemessen, die Regierung drängt beim Wiederaufbau zur Eile, damit das Thema bei den Wahlen im Juni 2018 aus der Welt ist.

Mit dem Netzwerk wollen Sie politisch Einfluss nehmen.

Der viel wichtigere Teil unserer Arbeit ist es, den Gemeinden – und in den Bundesstaaten sind das sehr viele mit indigener Bevölkerung – beratend zur Seite zu stehen. Weder führen wir den Wiederaufbau durch, noch koordinieren wir ihn. Wir machen das Angebot, dass zum Beispiel unsere Architekten ihr Wissen in Workshops weitergeben. Für den Wiederaufbau steht die Regierung in der Verpflichtung und muss die nötigen Ressourcen zur Verfügung stellen. Aber in ihrer derzeitigen Praxis ist das nur ein Auftragsbeschaffungsprogramm für ihre Freunde in der Wirtschaft.

Wie läuft das ab?

Der Wiederaufbau soll nur mit Zement gemacht werden. Die Regierung verteilt Kreditkarten an die Betroffenen, mit denen sie in Supermärkten beispielsweise Baustoffe erwerben können. Wir fordern die Regierung auf, diese Praxis zu beenden und auf die Bedürfnisse der Menschen einzugehen.

Wie soll das funktionieren?

In vielen Orten gibt es kleine Ziegeleien. Bei denen sind die von der Regierung verteilten Kreditkarten nicht gültig. Doch statt die großen Supermarktketten zu fördern, sollten Baumaterialien bei diesen lokalen Herstellern erworben werden. Das wäre ein positiver Impuls für die lokale Wirtschaft. Beim Wiederaufbau schlagen wir zudem vor, jetzt nicht alles mit Beton zu machen, sondern umweltfreundlich mit traditionellen Baustoffen zu arbeiten. Wir organisieren Workshops, in denen traditionelle und sichere Bauweisen erklärt werden.

Gar nicht im Sinne der Regierenden ist ein anderer Aspekt: Wenn die Menschen jetzt zusammenkommen und gemeinsam, von unten, den Wiederaufbau ihrer Orte oder Stadtteile planen, dann ist das auch ein Akt der politischen Selbstermächtigung, eine Erfahrung mit direkter Demokratie, der eine Bedrohung für das korrupte System darstellt. Vor 32 Jahren entstanden daraus soziale Bewegungen, welche die politische Landschaft in Mexiko veränderten.

Sie sprechen »sichere Bauweisen« an, zeigen die Zerstörungen insbesondere in Mexiko-Stadt, dass nicht gelernt wurde aus dem Erdbeben von 1985?

Die Bauvorschriften, die nach dem verheerenden Beben erlassen wurden, sollten die Gebäude mindestens sicher machen für Erdbeben der Stärke acht. Die Tatsache, dass auch neue Gebäude einstürzten, zeigt uns, dass sie nicht umgesetzt wurden. Kapitalistische Gier und Profitsucht ist der Grund dafür. Wir haben auch neue Erkenntnisse gewonnen, z. B. gibt es einen Streifen von Nord nach Süd durch die Stadt, an dem besonders viele Gebäude zerstört wurden. Hierbei handelt es sich um den ehemaligen Uferstreifen des großen zugeschütteten Sees, auf dem die spanischen Kolonialisten Mexiko-Stadt aufbauten.

Jenseits der Angst und des Schreckens ist es mir aber wichtig zu betonen, dass eine unglaubliche Welle der Solidarität vor allem Mexiko-Stadt erfasst hat. Es ist beeindruckend, wie vor allem junge Menschen sich in unabhängigen Brigaden organisiert und selbständig Hilfe geleistet haben.

Der Träger des nationalen Preises für Architektur Enrique Ortiz Flores ist Vorsitzender der »Habitat International Coalition« in Mexiko und unterstützt die Anstrengungen zum Wiederaufbau nach den schweren Erdbeben im September


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