Aus: Ausgabe vom 14.09.2017, Seite 8 / Abgeschrieben

Offener Brief an Air-Berlin-Konzernleitung

In einem offenen Brief an Oliver Iffert, Betriebsdirektor bei Air Berlin, erhob ein Flugkapitän am Dienstag schwere Vorwürfe gegen die Konzernleitung. In dem Schreiben heißt es:

Sehr geehrter Herr Iffert,

ich möchte Ihre »Interne Mitteilung« vom heutigen Tag nicht unkommentiert stehen lassen. Nein, es ist nicht der heutige Tag, der ein schlechtes Licht auf das Unternehmen wirft. Wie kommen Sie denn auf so eine nicht haltbare Schlussfolgerung? Ist Ihnen denn entgangen, dass trotz des aufopferungsvollen Einsatzes der Mitarbeiter der Air Berlin das Unternehmen Jahr für Jahr immer weiter in die Verschuldung rutschte? Wissen Sie nicht, dass die Mitarbeiter neben ihrer vertraglich geschuldeten Leistung bereit waren, die viel zitierte Extra-Meile zu gehen; haben Sie verdrängt, dass die Mitarbeiter in vielerlei Hinsicht Verzicht übten, in der Hoffnung auf Besserung; haben Sie schon vergessen, dass die Mitarbeiter bereitwillig unpopuläre Maßnahmen zur Restrukturierung der Airline mittrugen? All das waren die Beschäftigten bereit zu erdulden, weil ihnen vom Führungspersonal versprochen wurde, dass so die Wende erreicht werden könne. Die Beschäftigten der Air Berlin haben für ihr Unternehmen gekämpft und Großartiges geleistet. Kein vernunftbegabter Mensch hat heute einen Zweifel mehr daran, dass der dunkle Schatten, der sich über die Jahre immer bedrohlicher auf die Air Berlin legte, nicht den Beschäftigten (…), sondern einzig und allein der unterirdischen Leistung des Managements geschuldet war. Wer jetzt mit dem Finger auf das Cockpitpersonal zeigt, versucht nur vom eigenen Versagen für die gegenwärtige Misere abzulenken!

Ihr Mitgefühl für die belastende Situation, in der sich die Beschäftigten befinden, in allen Ehren. Doch dafür können sich die Beschäftigten nichts kaufen. In den Tagen der Insolvenz habe die Belegschaft die richtige Antwort darauf gegeben, wie man am Besten mit der Situation umgehen könne, so schreiben Sie, und vermeiden eine Antwort darauf, wie sich dieser Einsatz für die Betroffenen auszahlen wird. Ihnen ist es nur wichtig, den Flugbetrieb möglichst reibungslos bis zum Tag X weiterzuführen und ändern so ganz nebenbei den Zuschnitt des Unternehmens. Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass die Änderung des Zuschnitts in der laufenden Phase mit allen Bietern abgesprochen wurde. Nichts geschieht im Moment aus Zufall. Alles folgt einem Plan. Man kann erahnen, wer die Fäden in der Hand hält. Streckenrechte, Slots, Flugzeuge, alles scheint für ein geordnetes Verfahren vorbereitet zu sein. Nur die Belegschaft lässt man im Unklaren über ihre wirtschaftliche und berufliche Zukunft. Im Unklaren deshalb, um die Verunsicherung durch das Schüren von Existenzängsten auf ein Maximum zu treiben. Ziel dieser Vorgehensweise ist offensichtlich, sich vertraglicher »Altlasten« zu entledigen, um auf diese Weise die Bedingungen des gesamten tarifierten Cockpitpersonals in Deutschland in der Nach-Air- Berlin-Ära erheblich unter Druck zu bringen. Ob gewollt oder nicht, Sie machen sich zum Handlanger bei der Demontage eines Berufsstandes, dem Sie selber angehören. (…)

Mit freundlichen Grüßen

Hans Albrecht

Kapitän bei Air Berlin

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