Aus: Ausgabe vom 19.05.2017, Seite 10 / Feuilleton

Die Mittel der Frau in Hellblau

Betrachtungen zum neuen französischen Präsidentenehepaar

Von Sabine Kebir
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In der Beziehung immer die Bestimmerin: Madame Macron

Wer von links-feministischer Kulturhegemonie träumt, erhält vom neuen französischen Präsidentenehepaar eine Lektion darüber, worin der Unterschied zwischen Träumen und Tun liegt. Die Macrons erzählen der Öffentlichkeit eine äußerst romantische Geschichte ihrer Beziehung, die einer lang währenden Liebe zwischen einem noch jungen Mann und einer extrem älteren Frau. 24 Jahre Altersunterschied, das wäre im umgekehrten Fall nicht wirklich ungewöhnlich, wird mittlerweile aber sozial weniger akzeptiert, insbesondere mit dem Argument, dass man noch nie vom umgekehrten Fall gehört hätte. Zwar kommt es vor, dass junge Männer erheblich ältere, sozial abgesicherte Witwen heiraten, aber mit der Beständigkeit solcher Verbindungen ist es naturgemäß nicht weit her. Die Macrons hingegen können auf eine bereits jahrzehntelang bestehende Beziehung zurückschauen, die 2007 in die Ehe mündete. In ihr soll Madame immer die Bestimmerin gewesen sein – nur in einem nicht: was den Beginn der Beziehung betrifft. Denn hier darf der sozial immer stärker geächtete Verdacht des Missbrauchs eines Schutzbefohlenen gar nicht erst aufkommen. Es war also der fünfzehnjährige Schüler Emmanuel, der in der Französischlehrerin am Jesuitengymnasium in Amiens eine ebenso schöne wie souveräne und sicher auch geistvolle Intellektuelle bewunderte und in seinem Wunsch, sie zu besitzen und schließlich auch zu heiraten, einfach nicht locker ließ. Und eine Lehrende soll Brigitte, Spross einer in Amiens ansässigen Chocolatier-Dynastie, die auch auf »Macarons« spezialisiert ist, für ihn bis heute geblieben sein; angeblich konsultiert er sie zu allem und jedem. Dass weibliche Intelligenz für Macron unverzichtbar ist, wird auch durch die publik gemachte Geschichte suggeriert, nach der sich das Kind Emmanuel oft unter der Obhut seiner Großmutter befand und von ihr nicht nur im Lernen unterstützt, sondern intensiv in klassische Lektüre eingeführt wurde. Was noch dem Pubertierenden so gut gefiel, dass er ganz zur Oma zog.

Die offizielle Biographie des neuen Präsidenten, der ja in seiner Wahlkampagne immer betont hat, weder »rechts« noch »links« zu sein, hält einiges für Leute bereit, die sich eher konservativ situieren. Aus einem atheistischen Elternhaus stammend, hat der zwölfjährige Emmanuel demnach seine Taufe durchgesetzt und ist seitdem guter Katholik. Sein politisches Programm besteht vor allem in der radikalen »Verschlankung« des Sozialstaats nach deutschem Vorbild, trägt also eine eindeutig rechte Handschrift.

Aber die Aufwertung der reifen, sehr reifen, ja sogar alten Frau gehört fest ins Programm dieses Präsidenten. Das ist bei ihm keine Worthülse, er kann es als gelebtes Leben präsentieren. Was daran echt und was nur Fassade ist, spielt für die Wirkung, die davon ausgeht, keine Rolle. Denn es korrespondiert mit alten Träumen und Forderungen der Emanzipationsbewegungen, stellt also wieder einmal eine geglückte Diskurspiraterie der Rechten in linken und feministischen Gewässern dar. Noch einmal ist es die Rechte, die linke und auch feministische Kulturträume realisiert. Expräsident Hollande, der sich als Linker ausgab, fiel nichts Originelleres ein, als sich, je älter er wurde, immer jüngere Partnerinnen zuzulegen. Die letzte in den Élysée mitzunehmen, wagte er nicht mehr.

Ob die französische Republik auf Dauer mit einem Präsidenten zurechtkommt, der wesentliche Einflüsterungen von seiner nicht vom Volk gewählten Gattin erhält, mag die Zukunft zeigen. Das Ganze sieht auch ein bisschen aus wie eine Rückfall in eine Etappe des monarchischen Zeitalters, als Madame de Pompadour das Zepter Ludwigs XV. führte und nicht nur großen Einfluss auf die innenpolitischen Geschicke Frankreichs nahm, sondern auch auf die militärischen Unternehmungen.

Die »Mittel der Frau« sind ja äußerst vielfältig. Das Kostümchen, das Madame Brigitte am vergangenen Sonntag trug, als sie den Vorhof des Élysée durchschritt (eine Leihgabe des Luxuskonzerns LVMH, wie ihre Garderobe überhaupt), war von fast dem gleichen Hellbau wie das Gewand, das Mrs. Melania Trump bei der Amtseinführung ihres Donald trug. Womöglich war das ein Wink, dass Macron auf keinen Fall gewillt ist, in die Fußstapfen des Präsidenten De Gaulle zu treten, der Frankreich für Jahrzehnte aus der NATO herausgelöst hatte.

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