Aus: Ausgabe vom 04.02.2017, Seite 3 / Schwerpunkt

Gegen die Oligarchie

Venezuelas Präsident Maduro schwört die Streitkräfte auf die Ideen von Ezequiel Zamora ein

Von André Scheer
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Angehörige der Bolivarischen Miliz bei der Parade am Mittwoch in Caracas

Mit einer Militärparade in Caracas hat Venezuela am Mittwoch (Ortszeit) den 200. Jahrestag der Geburt von Ezequiel Zamora begangen. Der am 1. Februar 1817 geborene »General des freien Volkes« hatte im Bürgerkrieg 1859 bis 1863 eine Bauernarmee befehligt, die der Oligarchie der Großgrundbesitzer schwere Niederlagen zufügte. Das Programm der »Föderalen Revolution«, für die auch Zamora eintrat, umfasste unter anderem die Abschaffung der Sklaverei und der Todesstrafe, Presse- und Redefreiheit sowie die Durchführung allgemeiner, direkter und geheimer Wahlen.

Für ähnliche Ziele trete die Volksbewegung in Venezuela bis heute ein, sagte der Politologe Ismael Cejas Armas, der aktuell als Botschaftsrat in der diplomatischen Vertretung seines Landes in Berlin arbeitet, am Donnerstag abend bei einer Veranstaltung in Berlin. Auch Hugo Chávez, der Venezuela von 1999 bis zu seinem Tod 2013 regierte, stützte sich auf diese Ideale. Neben dem als Befreier von der spanischen Kolonialherrschaft verehrten Simón Bolívar und dessen Lehrer Simón Rodríguez zählte Chávez auch Zamora zu den »drei Wurzeln« seiner revolutionären Ideologie.

Chávez' Nachfolger als Staatschef, Nicolás Maduro, ordnete bei der Parade am Mittwoch als Oberbefehlshaber der Bolivarischen Nationalen Streitkräfte (FANB) an, dass diese »zamoristisch und antioligarchisch« sein müssten und rief die Bevölkerung auf, sich an diesem Sonnabend an den Feierlichkeiten zum 25. Jahrestag des von Chávez am 4. Februar 1992 geführten Aufstandes gegen die damalige sozialdemokratische Regierung zu beteiligen. Die Rebellion wird von der regierenden Vereinten Sozialistischen Partei Venezuelas (PSUV) als eigentlicher Beginn der »Bolivarischen Revolution« angesehen, auch wenn Chávez erst 1998 zum Präsidenten gewählt wurde.

Der revolutionäre Prozess habe Venezuela seit 1999 »vollkommen verändert«, erklärte der bekannte venezolanische Publizist Luis Britto García im Dezember gegenüber der mexikanischen Zeitschrift Proceso. »Mehr als 64 Prozent aller Einnahmen fließen in Bildung, Gesundheitsversorgung und Wohnungsbau. Die Armut, die bei mehr als 40 Prozent lag, ist auf unter 24 Prozent zurückgegangen, die kritische Armut von 16 auf vier Prozent. Es wurden 16 neue Universitäten gegründet, weil es vorher für ein Land mit 30 Millionen Menschen nicht genügend gab. Venezuela gehört in Lateinamerika zu den fünf Ländern mit den meisten Lesern von Büchern. Das Bruttoinlandsprodukt hat sich verdreifacht, während die Erwerbslosigkeit auf nur noch sechs Prozent zurückgegangen ist.«

Britto übt jedoch auch Kritik an der Politik der Regierung. In einem am 7. Januar unter der Überschrift »Vorsätze für das neue Jahr« veröffentlichten Beitrag auf seinem Blog im Internet forderte er, »das Haus zu säubern, um zu verhindern, dass es von innen heraus zerstört wird«. Er benannte zahlreiche Fälle von ökonomischer Inkompetenz und Bürokratismus, gegen die vorgegangen werden müsse, und kritisierte zudem die Tendenz, die »Arbeit unter den Massen« durch »Inszenierungen in den Medien« zu ersetzen.

Tatsächlich ist die Mobilisierungsfähigkeit der PSUV in den vergangenen Jahren spürbar zurückgegangen, auch wenn sie nach wie vor Tausende zu Kundgebungen auf die Straße bringen kann. Venezuelas Botschafter in Berlin, Orlando Maniglia Ferreira, überrascht das nicht. Man müsse berücksichtigen, dass das Land im vergangenen Jahr wegen des eingebrochenen Erdölpreises einen Rückgang der Staatseinnahmen um 87 Prozent verkraften musste, sagte er bei der Veranstaltung am Donnerstag. Zudem sei man mit einer schweren Dürre konfrontiert gewesen, durch die ein Kollaps der sich in erster Linie auf Wasserkraftwerke stützenden Energieversorgung drohte. Die rechte Opposition habe Anfang vergangenen Jahres das Ziel ausgegeben, Maduro bis Juni 2016 zu stürzen. Das sei ihr nicht gelungen. Nun gehe es darum, die Festigung des Friedens und die Konsolidierung der Wirtschaft voranzutreiben.

Zur Person: Ezequiel Zamora

Ezequiel Zamora wurde am 1. Februar 1817 in Cúa nahe der heutigen Hauptstadt Caracas geboren. Der »General des freien Volkes« gehörte zu den wichtigsten Protagonisten des Bürgerkrieges, der 1859 zwischen Liberalen und Konservativen begann und fünf Jahre dauerte. Hintergrund des Konflikts war die Forderung der Liberalen, die noch aus Kolonialzeiten stammende soziale Ordnung im Interesse der verarmten Massen zu ändern. Dem widersetzten sich die Konservativen, die die Interessen der Großgrundbesitzer vertraten.

Am 21. Februar 1859 verkündete Tirso Salaverría in Coro das »Manifest der Föderation«, in dem unter anderem die endgültige Abschaffung der Sklaverei und freie Wahlen verlangt wurden. Zwei Tage später kehrte Zamora zusammen mit Gefolgsleuten aus dem Exil zurück, in das er wegen seiner liberalen Ansichten gezwungen worden war, und beteiligte sich in Coro an der Bildung einer provisorischen Regierung für Venezuela.

Unter der Führung Zamoras, dessen Kampfrufe »Freier Boden und freie Menschen« sowie »Schrecken der Oligarchie« lauteten, gelangen der Bauernarmee der Liberalen mehrere wichtige Siege gegen die Truppen der Konservativen. Am 10. Januar 1860 wurde Zamora jedoch von einer feindlichen Kugel getroffen und getötet. Bis heute gibt es Spekulationen, ob die »eigene« Seite für seinen Tod verantwortlich war, denn Caudillos wie Juan Crisóstomo Falcón und Antonio Guzmán Blanco war das von Zamora verfolgte Ziel einer sozialen Revolution ein Dorn im Auge.

Mehr als zwölf Jahre nach seinem Tod, am 13. November 1872, wurden die sterblichen Überreste Zamoras in den Panteón Nacional, die Ruhmeshalle Venezuelas, überführt. (scha)

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