Gegen die Hetze
Von Irene Zugasti Hervás
Ich möchte die Gelegenheit nutzen und Canal Red kurz vorstellen. Canal Red verfügt über zwei Studios: eines in Madrid, das andere in Mexiko-Stadt. Wir haben ein ganz klares Ziel: Wir wollen das Kräfteverhältnis in der Medienlandschaft verändern, denn dieses führt uns in den Krieg. Wir lesen und hören es auf allen Kanälen und natürlich auch in den sozialen Medien, und die Tausenden von Schlagzeilen, die uns tagtäglich um die Ohren gehauen werden, vermelden im Grunde genommen immer dasselbe: dass der Krieg nicht zu vermeiden sei, dass wir uns auf den Krieg vorbereiten müssten. Wir glauben, dass wir als Kommunikationsmedien dem etwas entgegensetzen müssen, insbesondere auch denen, die von solchen Nachrichten profitieren.
Wir müssen aber auch über die Medienlandschaft und ihre Struktur sprechen. Denn wir machen bei Canal Red in gewisser Weise Journalismus für Journalisten. Man muss sich vor Augen führen, dass viele Journalistinnen und Journalisten Teil einer Strategie sind, uns erneut in den Krieg zu führen. Das liegt auch an dem großen Kapital, das hinter den meisten Medienhäusern und -konzernen steht. Aber das zeigt sich nicht nur in Lateinamerika, sondern überall und ganz besonders in Europa, das sich erneut der Barbarei zu verschreiben droht.
Wir greifen bei Canal Red die Kriegshetze, die wir erleben, auf und versuchen, ihr etwas entgegenzusetzen. Wir haben uns gefragt: Was ist jetzt zu tun? Die Antwort lautet: Wir müssen gegen das Kriegsregime vorgehen, denn das Kapital hat entschieden, in den Krieg zu ziehen, um die westliche Hegemonie aufrechtzuerhalten. Und dafür brauchen wir Medien, Medien wie die junge Welt oder eben uns.
Canal Red wurde 2023 gegründet. Wir sind also noch ein junges Projekt. Aber seitdem ist viel passiert, die politische Situation ist geradezu eskaliert. Heute verkünden die NATO-Staaten ganz offen, dass Opfer gebracht werden müssten für den Krieg und es dafür natürlich auch Sozialkürzungen brauche. Wir hören, was das politische Spitzenpersonal von sich gibt. Die Außenbeauftragte der EU, Kaja Kallas, hat gesagt, dass nach Russland China dran sei. Der französische Präsident hat vor zwei Monaten versichert, dass Frankreich seine Söhne und Töchter in den Krieg schicken werde. Man müsse zur Not Opfer bringen für ein höheres Ziel. Der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz hat darüber gesprochen, dass wir schrecklichere Kriege erleben werden als unsere Großväter. Man sieht also, der Diskurs ist ganz eindeutig und es ist ganz sicher kein Diskurs der Verteidigung.
Neben der öffentlichen Meinung gibt es auch eine veröffentlichte Meinung. Meistens weichen sie nicht voneinander ab. Nur bei revolutionären Umbrüchen erleben wir, dass sich die öffentliche Meinung von der veröffentlichten Meinung unterscheidet. In der Regel folgt die öffentliche Meinung der veröffentlichten Meinung, und es erscheint eben nur das, was die Verleger, die hinter den großen Medienhäusern stehen, hören wollen. Sie sind diejenigen, die uns sagen: Wir müssen einsehen, dass die Wiederaufrüstung alternativlos ist.
Die Linke, wir wissen es, ist in keinem besonders guten Zustand. Man kann viel darüber debattieren, woran das liegt und warum wir mit unseren antimilitaristischen Positionen nicht wirklich durchdringen. Aber es ist eben nicht nur unser Scheitern. Es ist nicht so, dass wir nicht wüssten, wie wir gegen den Krieg argumentieren, es ist vielmehr so, dass wir mit sehr geringen, ja mit kleinsten Möglichkeiten gegen riesige Waffensysteme kämpfen müssen. Wir stellen das jeden Tag aufs Neue fest, wenn wir die Zeitungen aufschlagen und die Schlagzeilen lesen.
Medialer Ansturm
Besonders effektiv ist es, mit Feindbildern zu arbeiten, so dass der Eindruck entsteht, das eigene Vorgehen, also die Aufrüstung und der Krieg, seien unvermeidbar. Früher im »Kalten Krieg« waren es die Kommunisten, dann im »Krieg gegen den Terror« die Islamisten, heute sind es vor allem die Russen. Man hört es auf allen Kanälen: Sie wollen uns angreifen. Wollen sie das wirklich? Wer fragt, macht sich schon verdächtig – und damit potentiell strafbar.
Oder wie soll man das nennen, wenn in Deutschland ein linker Journalist auf der Grundlage von EU-Sanktionen mundtot gemacht und dessen bürgerliche Existenz vernichtet wird? Der Betreiber des mittlerweile aufgelösten Medienportals red, Hüseyin Doğru, landete im vergangenen Sommer auf einer Sanktionsliste der EU, weil er angeblich von Russland finanziert werde und im Auftrag Moskaus Desinformation betreibe. Belege dafür hat die EU nicht vorgelegt. Statt dessen wurden Doğru ohne jedes Urteil eines Richters einfach per Beschluss das Konto und die Krankenversicherung gekündigt. Das sind erhebliche Eingriffe in die bürgerlichen Grundrechte. Das Ziel ist die Disziplinierung von kritischem Journalismus. All die Stimmen, die kritisch über den Krieg in der Ukraine jenseits der herrschenden Meinung berichten, sollen zum Schweigen gebracht werden. Übrig bleiben soll ein Journalismus, der sich in den engen Bahnen der Staatsräson bewegt.
Die BBC hat beispielsweise eine interne Direktive erlassen, die den Kolleginnen und Kollegen dort vorschreibt, im Falle der völkerrechtswidrigen Verschleppung Nicolás Maduros durch die USA nicht von einer Entführung, sondern lediglich von einer Gefangennahme zu sprechen. Das ist eine Art der Disziplinierung, die viele Medien in Europa mittlerweile akzeptieren.
Das ist nicht der Journalismus, den wir wollen. Wir wollen einen kritischen Journalismus, der marxistisch und antiimperialistisch ist. Der bürgerliche Journalismus verschleiert oft Hintergründe und dekontextualisiert. Systematisch werden diplomatische Lösungen von Konflikten negiert. Es geht nicht darum, ob es einen Krieg mit Russland geben werde, sondern nur noch darum, wann dieser stattfindet. Wir bei Canal Red haben uns statt dessen dem Frieden und der sozialen Gerechtigkeit verschrieben. Wir beziehen eine klare Position. Es heißt, wir seien naiv oder utopistisch, manchmal werden wir auch als terroristisch und gefährlich gebrandmarkt.
Wichtig ist, dass wir uns nicht marginalisieren lassen. Dafür bedarf es des Austauschs und der Zusammenarbeit. Wir müssen uns gegenseitig unterstützen, um eine Alternative bieten zu können, um die großen Medienkartelle zu bekämpfen. Wir dürfen keine Angst davor haben, uns zu zeigen und zu sagen, wer wir sind und was wir wollen. Und wir müssen dabei durchaus offensiv sein. Wir sind gegen den Krieg. Wir sind Pazifistinnen, natürlich sind wir das. Aber Pazifistin zu sein, bedeutet nicht, friedlich oder geduldig zu sein. Dafür ist in diesen Zeiten keine Zeit.
Irene Zugasti Hervás ist Journalistin bei Canal Red
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