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Aus: Rosa & Karl, Beilage der jW vom 10.01.2026
Lenin in München

Als in München der Funke der Oktoberrevolution gezündet wurde

In der bayerischen Hauptstadt veröffentlichten Lenin und Genossen vor 125 Jahren mit der Iskra eine marxistische Zeitung für Russland. Von Carlos Gomes
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Unter dem Namen »Meyer« wohnte Lenin in seiner ersten Zeit in München in diesem Haus in der Kaiserstraße

München gilt eigentlich nicht als Erinnerungsort der Russischen Revolution. Und doch hat hier, im Schwabing der Jahrhundertwende, eine Gruppe russischer Emigranten um Wladimir Iljitsch Lenin mit der Herausgabe der Zeitung Iskra (Der Funke) einen entscheidenden Schritt hin zur Bildung einer organisierten und schlagkräftigen marxistischen Bewegung in Russland unternommen – vor genau 125 Jahren.

Nach drei Jahren in der sibirischen Verbannung plante Lenin die Gründung einer revolutionären Zeitung. Da er in Russland eine erneute Verhaftung fürchtete, wählte er das politische Exil. Als mögliche Aufenthaltsorte kamen Genf und München in Betracht. Nachdem ihm August Bebel die Unterstützung des örtlichen sozialdemokratischen Netzwerks in Aussicht gestellt hatte, fiel die Entscheidung auf die bayerische Hauptstadt.

Am 5. September 1900 traf der 30jährige Lenin in München ein und bezog ein ärmliches Hinterhauszimmer in der Kaiserstraße 53 (heute 46) beim sozialdemokratischen Gastwirt Georg Rittmeyer. Der polizeilichen Meldepflicht entzog er sich bewusst und richtete sich im Untergrund ein, um möglicher Überwachung zu entgehen. Unter dem Decknamen »Meyer« konnte er sich im vergleichsweise liberalen München unauffällig bewegen.

Von der ersten Stunde an widmete sich Lenin ganz der Organisation der Iskra, deren Name auf ein Gedicht des Dekabristen Alexander Odojewski aus dem Jahr 1825 anspielte: »Aus dem Funken wird die Flamme schlagen / sie wird die ganze Finsternis erhellen / und unsere Ketten, als schwere Last / werden vom russischen Volk abfallen.«

Die Redaktion bestand aus fünf weiteren Personen: den ebenfalls in München ansässigen Exilrussen Juli Martow, Alexander Potresow und Wera Sassulitsch sowie den aus der Schweiz mitwirkenden Georgi Plechanow und Pawel Axelrod. Offiziell gab es keine Hierarchie in der Gruppe, doch de facto fungierte Lenin als Chefredakteur und übernahm ebenfalls die technische Leitung des Unternehmens.

Angesichts der engen Zusammenarbeit der deutschen Geheimpolizei mit der zaristischen Ochrana war äußerste Vorsicht geboten. So hielt Lenin den Sitz der Redaktion geheim. In Briefen an Verwandte und Freunde, von denen er befürchtete, dass sie geöffnet und gelesen werden könnten, nannte er falsche Aufenthaltsorte wie Paris oder Prag. Diese Strategie verwirrte allerdings auch seine Ehefrau Nadeschda Krupskaja: Als sie Monate später nachziehen wollte, fuhr sie zunächst nach Prag – in der Erwartung, ihren Mann dort anzutreffen.

Lenin maß der Iskra eine Schlüsselrolle für die Vereinigung der russischen Arbeiterbewegung und die Herausbildung einer handlungsfähigen Partei bei. Tatsächlich enthielten einige Iskra-Artikel bereits zentrale Elemente des späteren ideologischen Fundaments der Bolschewiki.

Zunächst sah sich die Redaktion in München allerdings mit einem sehr praktischen Problem konfrontiert: Kurzfristig waren keine kyrillischen Lettern aufzutreiben. Für den Druck der ersten Ausgabe musste daher eine Alternative ermittelt werden. Fündig wurde man schließlich in Leipzig-Probstheida. Dort betrieb der Sozialdemokrat Hermann Rauh eine kleine Druckerei und erklärte sich bereit, auszuhelfen.

Mitte Dezember reiste Lenin für anderthalb Wochen nach Leipzig, um persönlich am Satz mitzuwirken. Obwohl die Vorbereitungen schon am 23. Dezember abgeschlossen waren – weshalb der Zeitungskopf »Dezember 1900« trägt –, erfolgte der Druck erst Anfang Januar 1901. Ab der zweiten Ausgabe übernahm die Münchener Druckerei von Maximus Ernst in der Senefelderstraße 4, unweit des Hauptbahnhofs, die Produktion. Die Auflage umfasste anfangs nur wenige hundert Exemplare, stieg jedoch bei späteren Ausgaben auf etwa 8.000, bevor die Iskra in Russland noch einmal tausendfach nachgedruckt wurde. Zudem wanderte die Zeitung von Hand zu Hand oder wurde in Arbeiterzirkeln vorgelesen, so dass ihre tatsächliche Reichweite die Auflagenzahl weit überstieg.

»Ich habe vielen Kollegen die Iskra gezeigt, die ganze Nummer ist zerlesen, und dabei ist sie so wertvoll«, schrieb ein russischer Arbeiter in einem im August 1901 veröffentlichten Leserbrief. »Wenn man das Heft liest, dann wird einem klar, warum die Gendarmen und die Polizei solche Furcht haben vor uns Arbeitern und vor den Intellektuellen, die uns vorangehen.«

Um den Schmuggel nach Russland zu erleichtern, wurde die Zeitung in kleiner Schrift und auf dünnem Zigarettenpapier gedruckt. Der Versand erwies sich jedoch als komplexe Herausforderung und verlangte einfallsreiche Lösungen, etwa Koffer mit doppeltem Boden oder Korsetts mit eingenähten Exemplaren, die Boten und Botinnen unter der Kleidung trugen. Diese Praxis galt als besonders sicher, da Leibesvisitationen im Zarenreich unüblich waren und nur mit Sondergenehmigung durchgeführt werden durften. Dennoch kam es gelegentlich vor, dass Lieferungen von der Ochrana abgefangen wurden.

Auch aufgrund der strikten Geheimhaltung seiner Tätigkeit ist von Lenins Privatleben in München nur wenig überliefert. Bekannt ist, dass er einen Großteil der Zeit arbeitend in seinem Zimmer verbrachte und regelmäßig die Königliche Hof- und Staatsbibliothek aufsuchte. Dort recherchierte er nicht nur zur Lage im Russischen Reich, sondern auch zu Eigentumsverhältnissen und sozialen Konflikten in ganz Europa.

Neben seiner intensiven Arbeit blieb Lenins Blick für die kleinen Details des Münchener Alltags nicht aus. Wenige Monate nach seiner Ankunft beklagte er in einem Brief an seine Mutter das dortige »Schmutzwetter«: »Eigentlich ist es überhaupt kein Winter, sondern ein recht hässlicher Herbst, sehr nass.« Mit dem Einbruch der Kälte im Januar machten sich bauliche Mängel bemerkbar: »Die Häuser sind hier überhaupt nicht für große Kälte eingerichtet, die Wände sind dünn, die Fenster werden nicht fest abgedichtet, sehr oft gibt es nicht einmal Winterfenster.« Gleichwohl bemühte er sich, seine Mutter zu beruhigen. Er werde in einer Pension, in der er seit dem Herbst regelmäßig einkehre, »gut beköstigt«. Gelegentlich besuchte er Biergärten und auch das berühmte Hofbräuhaus, wo er Fleischgerichte und gerne auch eine Maß zu sich nahm.

Im Februar berichtete Lenin von einigen Theaterbesuchen sowie einer Aufführung des Opernstücks »Die Jüdin«, das er schon Jahre zuvor in Kasan gesehen hatte. Auch mischte er sich in das bunte Treiben des Münchener Karnevals, dessen ausgelassene Szenerie er in einem Brief beschrieb: »kostümierte Umzüge durch die Straßen, allgemeines Narrentreiben, Wolken von Konfetti (kleine bunte Papierschnitzel), die man sich ins Gesicht wirft, Papierschlangen usw. usf.« Anerkennend hielt er fest: »Sie verstehen es hier, sich öffentlich, auf den Straßen zu amüsieren.«

Solche Vergnügungen blieben für Lenin jedoch eine Seltenheit. Wie seine Frau später erklärte, habe er es schon in früher Jugend verstanden, auf alles zu verzichten, was ihn hätte ablenken können.

Im April 1901 kam es zum langersehnten Nachzug Krupskajas, die kurz zuvor aus ihrer sibirischen Verbannung entlassen worden war. Das Ehepaar erhielt bulgarische Pässe auf den Namen Jordanoff und fand Unterkunft in einem Zimmer bei einer sechsköpfigen Arbeiterfamilie in der Schleißheimer Straße 106, wo es jedoch nur einen Monat verblieb. Daraufhin zog es in eine Dreizimmerwohnung in der Siegfriedstraße 14 (2. OG rechts) in Schwabing, ganz in der Nähe von Lenins erstem Wohnort. In diesen Räumen wurden auch Redaktion und Sekretariat der Iskra eingerichtet. Krupskaja übernahm fortan die Funktion der Redaktionssekretärin und kümmerte sich unter anderem um Korrespondenz und Vertrieb. Während ihres Aufenthalts in München verfasste sie zudem die Broschüre »Die arbeitende Frau«.

Dank der Unterstützung Krupskajas konnte sich Lenin intensiver auf seine Schreibtischarbeit konzentrieren. Krupskaja erinnert sich, wie sehr er in diesen Phasen auf Ruhe angewiesen war, und sie ihn deshalb bewusst nicht unterbrach. »Nachher, auf dem Spaziergang, erzählte er, worüber er gerade schrieb und nachdachte. Das wurde ihm ebenso zum Bedürfnis, wie sich seine Artikel leise vorzusprechen, bevor er sie zu Papier brachte.«

Für ihre Spaziergänge wählten sie nicht nur die gepflegten Bereiche des Englischen Gartens rund um den Monopteros, den Chinesischen Turm oder den Kleinhesseloher See, sondern gerne auch die etwas verwilderten Abschnitte der Isarauen, in denen deutlich weniger Menschen unterwegs waren.

Zeit zur Erkundung des sozialen und politischen Stadtlebens blieb kaum, wobei Lenin dies auch aus Sicherheitsbedenken mied. Rückblickend hielt Krupskaja fest: »Das lokale Leben fesselte unsere Aufmerksamkeit nur wenig. Wir nahmen lediglich als Beobachter daran teil.«

Nur mit wenigen Funktionären der deutschen Sozialdemokratie kam Lenin näher in Kontakt. Zu ihnen gehörte Alexander Parvus, den er mehrfach in dessen Wohnung in der Ungererstraße 80 aufsuchte – dort begegnete er erstmals Rosa Luxemburg. Der Arzt und Sozialdemokrat Carl Lehmann wiederum war der zentrale Vertrauensmann der Iskra-Redaktion; über seine Adresse in der Gabelsbergerstraße 20a (heute 46) wurde auch Lenins Post abgewickelt.

Eine weitere Ausnahme zur sozialen Isolation war die Teilnahme an der Münchener Maifeier, die jedoch zur Enttäuschung geriet. Wie Krupskaja schilderte, »zogen die deutschen Sozialdemokraten in ziemlich großen Kolonnen, mit Kind und Kegel und mit den üblichen Rettichen in der Tasche, schweigend im Eilmarsch durch die Stadt, um später in einem Vorstadtrestaurant Bier zu trinken. Es gab keinerlei Fahnen oder Plakate. An eine Demonstration zum Anlass des Weltfeiertages der Arbeiterklasse erinnerte diese ›Maifeier‹ in keiner Weise.« Und weiter: »Wir hatten an einer kampfesfreudigen Demonstration teilnehmen wollen und nicht an einer Demonstration mit polizeilicher Genehmigung.«

Auch wenn die Straßen Münchens nicht die erhoffte Stimmung boten, setzte die Gruppe um Lenin ihre Arbeit in der Stille der Redaktion unbeirrt fort. Ab dem Frühjahr 1901 wurde als theoretisch-wissenschaftliches Ergänzungsorgan zur Iskra die Zeitschrift Sarja (Morgenröte) herausgegeben. Sie erschien legal im Stuttgarter Dietz-Verlag; die Autoren publizierten jedoch unter Pseudonymen. Im Dezember zeichnete Wladimir Iljitsch Uljanow einen Artikel zur »Agrarfrage und den ›Marxkritikern‹« erstmals mit »Lenin«. Unter diesem Namen veröffentlichte er fortan regelmäßig und erwarb sich in Russland allmählich Anerkennung als revolutionärer Vordenker.

Parallel arbeitete er an der Broschüre »Was tun?«, die im März 1902 ebenfalls unter dem Decknamen »Lenin« erschien. Unter anderem fasste er darin einige der bereits in der Iskra vorgezeichneten Ideen zusammen und erläuterte die ideologischen Grundlagen einer marxistischen Kampfpartei. Die führende Rolle in einer künftigen sozialen Umwälzung könne seiner Ansicht nach nur eine Partei von Berufsrevolutionären erfüllen.

Die publizistische Arbeit der Redaktion erreichte ein wachsendes Publikum, zog jedoch zugleich die Aufmerksamkeit des Repressionsapparats auf sich. Im Frühjahr 1902 kam es zu einer Verhaftungswelle von Iskra-Agenten in Russland, und auch in München mehrten sich Hinweise, dass die Polizei den russischen Revolutionären auf der Spur war. Angesichts dieser Bedrohung beschloss die Redaktion, den Hauptsitz der Zeitung nach London zu verlegen – womit auch Lenins und Krupskajas Münchner Kapitel ein Ende fand.

Das Ehepaar verkaufte seine Wohnungseinrichtung für zwölf Mark und verließ die Stadt am 12. April 1902. »Die Münchner Zeit blieb für uns stets in angenehmer Erinnerung«, schrieb Krupskaja später. »Die darauffolgenden Jahre der Emigration waren für uns viel härter.«

In beiden deutschen Staaten sollten später Gedenkstätten in Erinnerung an diese bedeutende Phase in Lenins Biographie entstehen. In Leipzig-Probstheida eröffnete am 5. Mai 1956 ein kleines Museum – in jenem Gebäude, in dem die erste Ausgabe der Iskra gedruckt worden war. Die Ausstellung widmete sich dem illegalen Druck der Zeitung und ihrer Bedeutung für die Entstehung einer revolutionären Partei in Russland. Vor dem Gebäude wurde ein Gedenkstein mit Lenins Porträt aufgestellt. 1991, im Zuge des aufkommenden Denkmalsturms, wurde die Iskra-Gedenkstätte geschlossen und der Stein entfernt.

In München entstand wiederum am 29. April 1968 auf Beschluss des Kulturausschusses des Stadtrats das einzige westdeutsche Lenin-Denkmal. Ursprünglich war vorgesehen, eine vom Bildhauer Karl Oppenrieder gestaltete Gedenktafel mit einem Relief Lenins und einer zweisprachigen Inschrift auf Russisch und Deutsch am Haus in der Siegfriedstraße 14 anzubringen; die Eigentümer lehnten das Vorhaben jedoch ab. Schließlich entschied man sich für die Kaiserstraße 46. Die Inschrift der Tafel lautete: »In diesem Hause lebte von September 1900 bis April 1901 Wladimir Iljitsch Uljanow Lenin, der Gründer des Sowjetstaates«.

Das Denkmal war nicht zuletzt mit Blick auf die Olympischen Sommerspiele 1972 als touristische Attraktion und als Geste der Gastfreundschaft gegenüber Besuchern aus den Staaten des Warschauer Pakts gedacht. Bei der Einweihung würdigte der sowjetische Botschafter Semjon Zarapkin vor mehreren hundert Anwesenden die Verdienste Lenins, wobei eine kleine Gruppe Rechtsradikaler gegen das Denkmal protestierte. Im August 1968 kam es zu einem ersten Sprengstoffanschlag auf die Gedenktafel, die jedoch unversehrt blieb. So konnten Mitglieder der DKP im April 1970 anlässlich von Lenins 100. Geburtstag dort noch eine Kundgebung abhalten. Wenige Monate später, am 9. Dezember 1970, folgte ein zweiter Anschlag mit größerer Sprengladung, die nicht nur das Denkmal, sondern auch das Gebäude beschädigte. Daraufhin wurde die Tafel endgültig entfernt.

Doch selbst wenn die Gedenkstätten in Leipzig und München verschwunden sind, lässt sich die Geschichte nicht auslöschen. Bis heute bleibt die Erinnerung an Lenins Münchner Jahre erhalten – an jene Zeit, in der ein Funke entzündet wurde, der später in der Oktoberrevolution aufloderte.

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