»Gewalt im Ausland führt zu Gewalt im eigenen Land«
Von Von Jürgen Heiser
Während der ersten Amtszeit des Milliardärs Donald Trump als 45. US-Präsident fand im Jahr 2017 im Berkeley Art Museum in Kalifornien die Ausstellung »Hippie Modernism« statt. Neben den vorwiegend psychedelischen Plakaten der Flower-Power-Bewegung wurden auch Poster der Antikriegsbewegung aus der Gegenkultur der 1960er und 1970er Jahre ausgestellt. Diese hatte ab Mitte der 1960er Jahre die Vereinigten Staaten erschüttert und war erst nach dem Sieg der Nationalen Front für die Befreiung Südvietnams (NFB) und dem fluchtartigen Abzug der letzten US-Truppen aus Vietnam im April 1975 beendet.
»Gewalt im Ausland führt zu Gewalt im eigenen Land« – so lautete die Botschaft eines der Plakate. Darauf war ein US-Soldat zu sehen, der sein Gewehr lässig über der Schulter trug. Die Darstellung war als Warnung an die kriegsführende Nation USA gedacht: Den Krieg sollte man nicht »locker« nehmen, denn die Massaker in Vietnam würden den Tätern an der Heimatfront auf die Füße fallen. Es war eine Prophezeiung schmerzhafter Lernprozesse, die der Aggressor erst noch in der harten Realität erfahren musste.
Die Bewegung gegen diesen imperialistischen Krieg, der in Vietnam treffender als der »amerikanische Krieg« bezeichnet wird, entwickelte sich in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre weltweit. In den USA entstand sie bereits früher und entsprang der Haltung vieler Wehrpflichtiger, sich der »Draft«, der Einziehung zum Kriegsdienst in Vietnam, zu verweigern.
Die Zeit war geprägt vom Kalten Krieg und dem Prozess der Dekolonisierung, der nicht nur die Völker Afrikas, Lateinamerikas und Asiens aufbegehren ließ, sondern auch die junge Generation der »Wohlstandsinseln« im Westen. Bei einer der ersten Protestaktionen, die breitere Bekanntheit erlangte, verbrannten im Mai 1964 zwölf junge Rekruten in New York City ihre Einberufungsbescheide. Zunehmend organisierten sich in Musterungen erfasste Arbeiterjugendliche sowie studentische Aktivistinnen und Aktivisten in den gesamten USA und im »Außengebiet« Puerto Rico, das seit 1898 eine Kolonie der USA ist.
Bereits am 19. Dezember 1964 fanden die ersten landesweit koordinierten Proteste statt, die von der War Resisters League und einem Bündnis linker und Friedensorganisationen organisiert wurden. Von New York City über Washington, D. C., Philadelphia, Chicago, Austin bis San Francisco und in zahlreichen weiteren Städten demonstrierten Tausende gegen den Vietnamkrieg. Auch im Zuge der wachsenden Proteste der schwarzen Bürgerrechtsbewegung und der Kampagne zur Verteidigung der Meinungsfreiheit waren Teach-ins und alle möglichen Formen des zivilen Ungehorsams an der Tagesordnung. Mit der Parole »Hell No, We Won’t Go!« brachten die Kriegsdienstverweigerer ihre Ablehnung zum Ausdruck, für imperialistische Machtinteressen und die Profite des militärisch-industriellen Komplexes gegen ein Volk in den Krieg zu ziehen, das die USA nicht bedrohte, sondern seit den 1950er Jahren für seine Souveränität vom kolonialen Joch Frankreichs und Washingtons kämpfte.
In den USA war Kriegsdienstverweigerung bei Strafe verboten. Der prominente schwarze Boxer Muhammad Ali (geb. Cassius Clay) riskierte Gefängnis und das Ende seiner Sportlerkarriere, als er im April 1967 den Kriegsdienst verweigerte. Er erklärte dazu, sein Gewissen erlaube es ihm nicht, auf seine Brüder und Schwestern in Vietnam zu schießen. Man verlange von ihm, »einem sogenannten Neger«, eine Uniform anzuziehen und 10.000 Meilen von der Heimat entfernt mit Bomben und Kugeln auf braunhäutige Menschen zu zielen, während andere Schwarze daheim in Louisville, Kentucky, »wie Hunde behandelt« und ihnen die »elementarsten Menschenrechte« verwehrt würden. Er habe »keinen Streit mit dem Vietcong, kein Vietcong hat mich jemals ›Nigger‹ genannt«. Besonders unter jungen Afroamerikanern hatte die unbeugsame Haltung des konvertierten Muslims eine mobilisierende Wirkung. Ali brachte zum Ausdruck, was viele Schwarze und Puertoricaner in der US-Armee dachten.
Als Washington immer mehr Truppen nach Vietnam entsandte, schlug die Akzeptanz für den Krieg in der US-Bevölkerung um, wie Umfragen im Sommer 1967 zeigten. Diese Ablehnung nahm weiter zu, als US-Präsident Lyndon B. Johnson (1963–1969) eine zehnprozentige Steuererhöhung zur Finanzierung der immensen Kriegskosten ankündigte. Am 21. Oktober forderten schließlich mehr als 50.000 Demonstranten vor dem Pentagon in der Hauptstadt ein sofortiges Ende des Krieges.
Die anfänglichen Protestmobilisierungen gegen den Krieg gingen auch von der aufkeimenden schwarzen Bürgerrechtsbewegung aus. Zahlreiche Ghettoaufstände in den Jahren 1965 bis 1967 richteten sich gegen Armut, Rassismus sowie die durch die steigenden Kriegskosten verursachten sozialen Verwerfungen. Malcolm X, Verfechter eines panafrikanischen Antiimperialismus, und Martin Luther King Jr. setzten sich dafür ein, die Kräfte zu bündeln und den Kampf für Bürger- und Menschenrechte mit dem Kampf gegen den Krieg zu vereinen.
Die 1966 gegründete Black Panther Party und weitere militante Organisationen, wie die Young Lords der puertoricanischen Diaspora in den USA, schlossen sich mit jungen Wehrpflichtigen aus der weißen Arbeiterklasse in den ersten Keimzellen der »Anti-Draft«-Bewegung und diese sich wiederum mit den Kriegsgegnern an den Universitäten zusammen. Öffentliche Verbrennungen von Einberufungsbescheiden und Kundgebungen von heimgekehrten Kriegsveteranen, die ihre Kriegsmedaillen auf den »Müllhaufen der Geschichte« warfen, verbreiteten sich. Da junge Rekruten bereits mit 18 Jahren zum Kriegsdienst eingezogen werden konnten, kämpften sie auch für die Senkung des Wahlalters von 21 auf 18 Jahre – also für ihr Recht, die Regierung abzuwählen, die den Kriegseinsatz befehligte.
Die wachsende Renitenz im Land passte den herrschenden Eliten aus Wirtschaft, Militär und Politik überhaupt nicht. Nachdem der damalige US-Vizepräsident Spiro Agnew die Kriegsgegner im Jahr 1969 als »eine verkommene Bande verweichlichter Snobs« bezeichnete, trugen viele Demonstranten Buttons mit der Aufschrift »Verkommener Snob für den Frieden«.
Als Berichte über die durch Megatonnen von Bomben und Napalm verursachten Verwüstungen in Vietnam sowie über Massaker an der Zivilbevölkerung, wie das von My Lai, bekanntwurden, gewann die Bewegung weiter an Breite und Dynamik. Ende der 1960er Jahre gaben 58 Prozent der Befragten einer Umfrage an, der Eintritt der USA in den Krieg sei ein Fehler gewesen.
Die Wehrpflicht mit all ihren Zwängen und der realen Gefahr, im Kriegseinsatz getötet zu werden, war zwar ein Faktor für das wachsende Antikriegsbewusstsein, der Krieg führte jedoch auch zur Zersetzung des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Die in den vermeintlich »goldenen Fünfzigern« Aufgewachsenen, die nun in den Krieg geschickt wurden, hatten zunächst noch an den »American Way of Life« geglaubt. Sie waren der Meinung, dass es Bürgerpflicht sei, auf Fehler hinzuweisen und für Verbesserungen einzutreten. Viele glaubten, ihre Präsidenten würden ihnen zuhören, gerade wenn viele gemeinsam ihre Meinung äußerten.
Je stärker und breiter der Protest in den USA wurde und ein weltweites Echo erzeugte, desto stärker reagierte die Staatsführung mit eskalierender Repression und Gewalt. Richard Nixon (1969–1974), der Nachfolger von US-Präsident Johnson, verschärfte die Lage durch die Ausweitung der Flächenbombardements auf Laos und Kambodscha Ende April 1970 weiter. Das löste landesweite Empörung aus. Als Hunderttausende dagegen auf die Straße gingen, war für Henry Kissinger, Nixons rechte Hand als Nationaler Sicherheitsberater, die Schmach des »Moratorium Day« vom 15. November 1969 noch nicht vergessen. Eine halbe Million Menschen hatte mit ihrem »Marsch auf Washington« von Nixon die sofortige Beendigung des Krieges gefordert. Kissinger fürchtete nichts mehr als diese »Hölle der Straße«, die er auch als »Bestie des öffentlichen Protests« bezeichnete. Nach den von ihm initiierten, aber gescheiterten Hinterzimmergesprächen mit sogenannten gemäßigten Kräften der liberalen Friedensbewegung und angesichts der zunehmenden Entschlossenheit der Vietnamkriegsopposition nahmen für Kissinger im Frühjahr 1970 »die Differenzen den Charakter eines Bürgerkriegs« an. Deshalb plante der Sicherheitsapparat für Anfang Mai, diese Bewegung auch direkt mit militärischer Gewalt zu konfrontieren, um Angst und Schrecken zu verbreiten.
So ließ Ohios Gouverneur James Rhodes rund tausend seiner Nationalgardisten aufmarschieren und befahl ihnen, den Campus der Kent State University – eines der Zentren der studentischen Proteste – zu besetzen und Kundgebungen jeglicher Art zu unterbinden. Als sich die Studentenschaft diesem Befehl nicht beugte und sich am 4. Mai 1970 friedlich auf dem Campus versammelte, eröffneten die schwerbewaffneten Nationalgardisten das Feuer. Im Kugelhagel starben zwei Studentinnen und zwei Studenten, neun weitere wurden schwer verletzt.
Zwar herrschten zunächst Entsetzen und Trauer über die Gewalttat gegen friedlich Demonstrierende, doch dann brach an Hunderten Colleges, Universitäten und Highschools im ganzen Land ein Aufstand von Millionen junger Leute aus, wie er in der Geschichte der USA noch nie dagewesen war. Universitätsgebäude wurden besetzt und der Lehrbetrieb bestreikt. Polizei und Nationalgarde nahmen Tausende der Streikenden in Gewahrsam, doch der Wille, den Krieg zu beenden, war stärker geworden und erfasste an den Universitäten nicht nur die Studierenden, sondern auch die Lehrkräfte sowie die gewerkschaftlich organisierten Beschäftigten von Verwaltung und Technik.
Gleichzeitig waren die Soldaten, die in Vietnam revoltierten, zu einer weiteren oppositionellen Kraft angewachsen. Sie produzierten Untergrundzeitungen, und ganze Einheiten meuterten gegen Befehle. Sie machten klar: »Das ist nicht unser Krieg.« Offiziere wurden entwaffnet oder erschossen, wenn sie Durchhalteparolen verbreiteten, Greueltaten an Vietnamesen befahlen oder schwarze Kameraden rassistisch unterdrückten. Nach ihrer Heimkehr schlossen sich Tausende Veteranen der Antikriegsbewegung an und rückten an ihre Spitze – in Uniformen, auf Krücken oder in Rollstühlen.
In den letzten Jahren des Vietnamkriegs sahen sich die US-Regierung und die Generalstäbe des Pentagons nicht nur mit einer nicht korrumpierbaren Antikriegsbewegung und weltweiten Massendemonstrationen konfrontiert, sondern auch mit einer meuternden Armee, der von der vietnamesischen Guerilla Niederlage um Niederlage zugefügt wurde. Angesichts dieses bis heute bekannten »Traumas des Vietnamkriegs« setzte sich bei den Herrschaften des angezählten US-Imperiums die Überzeugung durch, dass eine Armee von Freiwilligen ohne inhärentes Protestpotential notwendig sei.
Zwei Jahre bevor am 30. April 1975 der Wahn vom »Frieden ohne Niederlage« verpuffte und der Alptraum der vietnamesischen Bevölkerung durch den Einzug der siegreichen Befreiungsfront in Saigon endgültig vorbei war, beendete US-Präsident Nixon die Wehrpflicht. Dies war der erste Schritt, um eine rebellische Bürgerarmee und kriegsmüde Bevölkerung wieder unter Kontrolle zu bringen. In den folgenden Jahrzehnten wurde das US-Militär in eine professionelle Fremdenlegion verwandelt, mit der sich moderne Kolonialkriege führen lassen. Das United States Special Operations Command Central (Soccent) befehligt teilstreitkräfteübergreifend Eliteeinheiten, die man als Privatarmee des US-Präsidenten bezeichnen könnte. Sie werden seit Jahrzehnten regelmäßig rund um den Globus entsandt, um weitere Fremdenlegionen auszubilden und Taten zu vollbringen, von denen die Bevölkerung der USA bestenfalls im nachhinein erfährt. Mit einer Wehrpflichtigenarmee hätten Präsident Nicolás Maduro und seine Ehefrau Cilia Flores wohl nicht aus Venezuela entführt werden können.
Derzeit erleben wir im eigenen Land, dass aus Gründen der angestrebten »Kriegstüchtigkeit« zur Mobilisierung gegen Russland und China vergessen gemacht werden soll, was als Lehre aus dem Vietnamkrieg hätte gezogen werden können. Statt dessen wird systematisch auf das nächste »Kriegstrauma« hingearbeitet. Es ist deshalb Aufgabe der hiesigen Antikriegsbewegung, sich dagegen zu organisieren und die notwendigen Lernprozesse erneut in Gang zu setzen.
Die jüngsten Proteste an den Schulen sind ein gutes Beispiel dafür. Am 5. Dezember 2025 blieben 55.000 Jugendliche in 90 deutschen Städten dem Unterricht fern und gingen gegen die drohende Wehrpflicht auf die Straße. »Die Reichen wollen Krieg – die Jugend eine Zukunft!« und »Nie, nie, nie wieder Wehrpflicht!« skandierten sie. Die Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend sprach vom »Beginn einer antimilitaristischen Jugendbewegung«. Der Antifaschist und ehemalige politische Gefangene Christian Klar gab den Jugendlichen am 3. Januar 2026 in der jungen Welt mit auf den Weg: »Das potentielle Kanonenfutter hat die Aufgabe, selbst zu denken und sich der historischen Umbrüche bewusst zu werden, die notwendig sind, um die destruktiven Entwicklungen zu beenden.«
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