Adenauer ließ schießen
Von Nick Brauns
Bereits kurz nach Gründung der Bundesrepublik setzte Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) auf deren Remilitarisierung. Sein Ziel war es, das Besatzungsregime in Westdeutschland zu beenden, indem er den Westalliierten im Rahmen des sogenannten Generalvertrages die Aufstellung einer westdeutschen Armee für das westliche Militärbündnis zusicherte. Im Oktober 1950 richtete die Adenauer-Regierung dafür die Dienststelle »Bevollmächtigter des Bundeskanzlers für die mit der Vermehrung der alliierten Truppen zusammenhängenden Fragen« unter Leitung von Theodor Blank ein.
Der Kanzler folgte dabei seiner Linie: »Lieber das halbe Deutschland ganz, als das ganze Deutschland halb.« Gemeint war mit diesem Adenauer nachgesagten Ausspruch, dass die deutsche Bourgeoisie ihre uneingeschränkte Kapitalherrschaft nur über die Westhälfte und deren Einbindung in das westliche Militärbündnis einem von Stalin vorgeschlagenen vereinigten, aber neutralen Deutschland vorzog. Vorerst – denn der Bonner Separatstaat mit seiner zukünftigen Armee sollte Ausgangspunkt für eine von Adenauer verfolgte Revanchepolitik der Stärke gegenüber der DDR sein.
Adenauers Wiederbewaffnungspläne stießen auf Widerstand in weiten Teilen der Bevölkerung, insbesondere bei der oppositionellen SPD, die die Remilitarisierung als verfassungswidrig betrachtete. Bei der Jugend, die befürchtete, selbst in einen Krieg – womöglich gegen die eigenen Landsleute in der DDR – geführt zu werden, war die Ablehnung groß.
Um den Widerstand in der Bevölkerung zu brechen, setzte Adenauer auf Repression, besonders gegen die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) und die Freie Deutsche Jugend (FDJ) als konsequenteste Gegner dieses Kurses. Bereits 1950 wurden KPD-Mitgliedschaften im öffentlichen Dienst verboten, 1951 folgte das Verbot der FDJ. In diesem Jahr wurde auch die aus der pazifistischen »Ohne-uns-Bewegung« hervorgegangene Bewegung für eine Volksbefragung zur Remilitarisierung verboten. Trotz Tausender Polizeieinsätze mit Festnahmen von über 7.400 Helfern sprachen sich bei 70.000 Befragungsaktionen 94,41 Prozent der 6,27 Millionen Befragten gegen die Remilitarisierung und für den Abschluss eines Friedensvertrages mit den alliierten Siegermächten aus.
Am 2. März 1952 fanden sich rund 1.200 Jugendliche und junge Erwachsene aus kirchlichen Jugendverbänden, der SPD-nahen sozialistischen Jugend »Die Falken«, aus der Gewerkschafts- und Naturfreundejugend, den Pfadfindern, pazifistischen Gruppen, der bündischen Deutschen Jungenschaft und der Jugend des Deutschen Roten Kreuzes in Darmstadt zum Westdeutschen Treffen der jungen Generation zusammen. Das auf dem Treffen gewählte Präsidium unter Vorsitz des Darmstädter Studentenpfarrers Herbert Mochalski rief für den 11. Mai zu einer Jugendkarawane gegen die Remilitarisierung und den Generalvertrag nach Essen auf. Der Generalvertrag bedeute Verzicht auf die Wiedervereinigung Deutschlands, hieß es im Aufruf. »Die Aufstellung westdeutscher Truppen würde die drohende Kriegsgefahr erhöhen, zumal der Vertrag den Einsatz dieser Truppen in allen Teilen der Welt vorsieht.«
Zwar meldete der Norddeutsche Rundfunk am Abend des 9. Mai 1952, dass der Ministerpräsident und Innenminister von NRW, Karl Arnold (CDU), die Jugendkarawane als »kommunistische Angelegenheit« verboten habe. Doch aus dem Innenministerium wurde dem Dortmunder Pfarrer Arnold Haumann, der die Karawane angemeldet hatte, am folgenden Vormittag noch bescheinigt, dass von einem Verbot nichts bekannt sei. Als das Ordnungsamt Haumann am späten Nachmittag dann über das offizielle, mit Überlastung der Polizei begründete Verbot informierte, waren zahlreiche Demonstrationsteilnehmer aus dem ganzen Bundesgebiet bereits nach Essen aufgebrochen. Das Verwirrspiel war offenbar so gewollt – denn der Adenauerstaat suchte die Konfrontation, um ein Exempel an der Friedensbewegung zu statuieren.
Insgesamt strömten am 11. Mai 1952 rund 30.000 junge Menschen in die Stadt im Ruhrgebiet, die in eine regelrechte Polizeifestung verwandelt worden war. Als es am frühen Nachmittag rund 2.000 Demonstranten gelang, sich vor dem Haupteingang des Grugageländes zu versammeln und ein Transparent gegen den »General-Kriegsvertrag« zu entfalten, begann die Polizei sofort damit, sie mit äußerster Härte zurückzudrängen. Einige Demonstranten wehrten sich mit Stein- und Flaschenwürfen.
»Was sich am 1. Mai in Essen abspielte, habe ich so weder vorher noch nachher erlebt. Ein wahrer Blutrausch schien jeden Polizisten befallen zu haben«, erinnerte sich Martin Löwenberg, der als FDJ-Mitglied aus München dabei war, noch 50 Jahre später. »Berittene Polizisten trieben ihre Pferde in die Massen, Hunde wurden auf uns gehetzt. Gummiknüppel und mit Leder umflochtene Stahlruten kamen zum Einsatz. Fips ist inmitten der Demonstranten, die hin und her gejagt werden. Zeugen hörten ihn noch rufen: ›Schützt die Mädels!‹ – Dann ertönte das Polizeikommando: ›Feuer frei!‹ Aus ca. 50 Meter Entfernung wurde auf die Fliehenden geschossen. Fips wurde von hinten von Kugeln getroffen.« Fips – das war Philipp Müller, ein 21jähriger Eisenbahner aus München, Vater eines fünf Monate alten Kindes, Gewerkschafter und Mitglied in FDJ und KPD.
Augenzeugen berichteten später, dass Polizisten den sterbenden jungen Mann mit einer Schusswunde am Rücken »wie ein totes Stück Vieh« in einen Polizeiwagen geworfen hätten. Als vier Beamte den leblosen Körper vor einem Krankenhaus entluden, habe ein Polizist erklärt: »Das Schwein ist schon tot.« Durch Polizeischüsse schwer verwundet wurden auch ein parteiloser Gewerkschafter und ein Sozialdemokrat. Noch am Abend des 11. Mai log Die Welt mit der Schlagzeile »Getarnte FDJ schießt auf Polizei in Essen« und der Behauptung, Müller sei bei einem »Schusswechsel« mit der Polizei getötet worden. Die tödlichen Schüsse auf Müller wurden vom Landgericht Dortmund am 2. Oktober 1952 als »Notwehr« der Polizei gewertet.
Mehrere Tausend Menschen gaben Philipp Müller bei einer Trauerfeier am 17. Mai 1952 in München das letzte Geleit. Zahlreiche weitere wurden von der Polizei an der Anreise gehindert. In der DDR wurde der junge Kommunist als »Nationalheld« und »Patriot« unter anderem mit Straßenbenennungen geehrt. In seiner Heimatstadt München jedoch bleibt eine öffentliche Erinnerung an den ersten Toten durch Polizeigewalt auf einer Demonstration in der jungen Bundesrepublik bis heute aus.
Der Generalvertrag wurde am 26. Mai 1952 unterzeichnet. 1955 trat die Bundesrepublik der NATO bei. Im November 1955 wurde die Bundeswehr mit den ersten 101 Freiwilligen gegründet und fortan unter Führung ehemaliger Nazioffiziere und mit Einführung der Wehrpflicht im folgenden Jahr aufgebaut.
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