Chevron setzt Prioritäten
Von Arnold Schölzel
Willig folgen die deutschen Großmedien der Kanzlerphrase, »die rechtliche Einordnung des US-Einsatzes ist komplex«. Auch die FAZ macht keine Ausnahme. Ihr Außenpolitikchef Nikolas Busse erläutert zum Beispiel am Freitag: »Trump kann alles, weil alle ihn lassen«. Im Inland hätten die »Bush-Republikaner« nichts mehr zu sagen und seien die Demokraten zusammengebrochen. »Im Ausland sind ebenfalls alle (potentiellen) Gegenspieler Amerikas geschwächt. Putin steckt in der Ukraine fest, Xi Jinping hat wirtschaftliche Probleme. Verbündete wie die Europäer, deren Wort in Washington früher Gewicht hatte, haben sich durch Abrüstung und eine verfehlte Wirtschaftspolitik selbst aus dem Spiel genommen.« Schöne neue Trump-Welt also. Da spricht einer über Russland und China mit derselben kolonialistischen Arroganz wie seit Jahrzehnten oder Jahrhunderten.
Von den deutschsprachigen Medien widmet sich nur die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) der Verteidigung Trumps. Sie veröffentlicht in ihrer internationalen Ausgabe am Freitag gleich drei Artikel: Redakteur Philipp Wolf nennt den Schlag gegen Venezuela eine »Gute Botschaft für Taiwan«, der stellvertretende Auslandsressortchef Andreas Rüesch meint »Der Fall Grönland liegt anders« und Wirtschaftskorrespondent André Müller schildert »Die US-Öllobby und Trump in enger Umarmung«.
Wolf begründet seine These vom Vorteil für Taiwan – die deutschen Medien sehen umgekehrt eine »Ermunterung« für Xi zum Angriff – mit dem Rohstoffhunger der USA: »Denn die Insel versorgt die USA mit dem wichtigsten Rohstoff des 21. Jahrhunderts: modernsten Computerchips.« Bereits 2021, also vor dem KI-Boom, hätten Experten des US-Handelsministeriums die »Konsequenzen eines Chiplieferunterbruchs für die USA mit jenen der Großen Depression in den 1930er Jahren« verglichen: »Damals brach die amerikanische Wirtschaft um ein Drittel ein.« Da müsse Trump »Amerikas Militärmacht noch stärker dazu einsetzen, China von einem Angriff auf Taiwan abzuschrecken.« Erster Glaubenssatz eines westlichen China-»Experten« ist, dass der Angriff immer demnächst beginnt und deswegen schnell einer gegen China fällig ist. Es kann nicht schnell genug gehen. Wolf überbietet einen Busse um Längen.
Rüesch kann in Sachen Grönland beruhigen. Jeder US-Präsident verfüge zwar über »enorm viel Macht«, aber jeder strebe »danach, seinen Kurs regierungsintern gut abzustützen«. Bei Maduro hätten sich alle im Weißen Haus darauf einigen können, der sei »ein Drogenbaron«, bei Grönland aber: »Ein tragfähiger Minimalkonsens zwischen Großmachtnationalisten, Isolationisten und Transatlantikern ist in dieser Frage nicht erkennbar. Er besteht derzeit nur darin, dass Grönland für die USA strategisch wichtig ist.« Das reiche nicht für die Einverleibung.
Solche Schlüssellochperspektive hat Wirtschaftsexperte Müller nicht. Nach seiner Darstellung ist den US-Ölkonzernen Trumps Umarmung manchmal »zu eng«. Sie dächten in Jahrzehnten. In Venezuela seien riesige Investitionen nötig, eine nächste US-Regierung könne ihnen die Rückendeckung entziehen, Delcy Rodriguez in Caracas noch fallen »oder der Widerstand gegen Trumps indirekte Herrschaft zunehmen, falls die venezolanische Bevölkerung den Eindruck erhält, ihre Ansprüche blieben auf der Strecke«. Also habe Chevron schon im Juli einen Mitbewerber gekauft und damit »Ansprüche auf riesige Ölfelder in Guyana erhalten, in unmittelbarer Nähe zu Venezuela. Chevron muss Prioritäten setzen.«
Größter Risikofaktor bleibt demnach die unzuverlässige Bevölkerung in der Kolonie. Chevron kennt Klassenkampf, steuert fürsorglich seine US-Präsidenten und weiß anders als die FAZ, dass nicht alle Trump machen lassen.
Chevron kennt Klassenkampf, steuert fürsorglich seine US-Präsidenten und weiß, dass nicht alle Trump einfach machen lassen
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