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19.05.20261 Leserbrief
- → Natur & Wissenschaft
Mondsüchtig
Ambitioniertes Solarprojekt soll dem Erdtrabanten einen Gürtel anlegen
Der Mensch, heißt es im »Phaidros«, ist ein Wagenlenker, denn er führt ein göttliches Ross, das beständig nach oben will, und ein irdisches, das den Wagen nach unten zieht. Für Platon war das irdische Tier das schlechte, aber wir brauchen es. Wo kühner Blick ohne pragmatische Überlegung wirkt, ist alles erreichbar, was zwischen Wahnsinn und Idiotie liegt. Gelegentlich fragen, ob das, was möglich ist, auch möglich ist, wäre nicht die schlechteste Strategie fürs Leben.
Ein jüngstes Beispiel für Kühnheit ohne Verstand wird derzeit, zumindest auf den ersten Blick, in Japan sichtbar. Der Baukonzern Shimizu Corporation will mit dem Projekt »Luna Ring« Solarstrom vom Mond zur Erde schicken. Ein gigantischer Ring aus Solarmodulen soll dafür um den Mond herum gebaut werden, 11.000 Kilometer lang und bis zu 400 Kilometer breit im Orbit des Trabanten, entlang an dessen Äquator. Jedem Projekt liegt ein Desiderat zugrunde, und sei es ein vermeintliches. In diesem Fall muss man es wirklich buchstabieren. Den Leuten bei Shimizu fiel auf, dass Solarstrom ja nicht 24 Stunden lang generiert werden kann, hin und wieder geht die Sonne schließlich unter. Ihre Lösung: Mit einem lunaren Orbitalgürtel wäre eine kontinuierliche Stromerzeugung möglich, da zu jeder Zeit ein Abschnitt der Konstruktion unter Sonnenlicht liegt.
Klug gedacht. Dumm bloß, dass die Kosten für das Projekt – pun intended – astromisch wären. Kosten, über die sich der Konzern bislang ausschweigt, nicht einmal grobe Kalkulationen wurden veröffentlicht. Immerhin erwägt man, Mondstein für den Betonbau zu nutzen, weil Raketenstarts, die notwendig wären, um irdischen Beton zum Mond zu schaffen, vielleicht doch etwas zu teuer wären. Hinzu kämen auch, nach Bau und Inbetriebnahme, Kosten für Wartung und etwaige Reparaturen, so dass sich unterm Strich die Frage stellt, wann das Projekt, dessen zentrale Idee Energieeffizienz ist, sich amortisiert. Nach Abglühen der Sonne oder doch schon davor. »Luna Ring« scheint in einer Reihe zu stehen mit all jenen seltsam ambitionierten Missionen, etwas Elon Musks Eroberung des Mars, die Lösungen für Probleme auf der Erde überall suchen, ausgenommen auf der Erde.
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