Sanremo kann kommen
Von Felix Bartels
Im Frühjahr liegt die Sonne im Schatten. März und April kreisen um die Klassikerkampagnen in Belgien, Frankreich, den Niederlanden und im nördlichen Italien. Wind und Regen, Schnee mitunter: Was andere Radrennen unangenehm macht, ist hier Attraktion. Weiter südlich, wo es schon sonniger ist, finden ein paar Etappenrennen statt, die es naturgemäß schwer haben im Kampf um die Aufmerksamkeit. Klassementfahrer werden sich in Spanien bei der Baskenlandrundfahrt oder der Katalonienrundfahrt auf den Giro oder die Tour vorbereiten. Etwas früher stehen die beiden Fernfahrten Paris–Nizza und Tirreno–Adriatico an. Sie finden traditionell parallel statt.
Fernfahrten, denn anders als Rundfahrten führen sie nicht lediglich durch eine Region, sie haben einen festen Start und ein festes Ziel. Paris–Nizza, das »Rennen zur Sonne«, startet im Norden Frankreichs und macht gen Süden. Das Frühjahr wird in einer Woche durchgespielt, von peitschend kalt nach mediterran warm. Tirreno–Adriatico führt von der Westküste zur Ostküste Italiens, vom Tyrrhenischen Meer zur Adria. In derselben Klimabreite. Die französische Fernfahrt ist rauher, hat größere Berge eher am Ende und folglich mehr Gelegenheiten für Sprinter und Rouleure. Bei der italienischen Fernfahrt sind viele Höhenmeter zu bewältigen, sie ist angenehmer zu fahren, doch selektiver. Geographisch und zeitlich liegt sie günstig zwischen der Strade Bianche und Milan–Sanremo.
So fehlten in Paris–Nizza dieses Jahr erstklassige Sprinter und Puncheure, doch auch im Klassement war die Fernfahrt nicht allzustark besetzt. Jonas Vingegaard bekam es mit Kévin Vauquelin und Juan Ayuso zu tun. Folgerichtig gewann er mit einem für eine einwöchige Etappenfahrt ungewöhnlich hohen Abstand von 4:23 Minuten auf den Zweitplazierten Daniel Martínez. Was die Leistung nicht kleiner macht. Im Gegenteil konnte man einen Vingegaard sehen, den man letzthin oft vermisst hatte. Initiative, Leidenschaft, Angriffslust. Die seelenlose Visma-Maschinerie schien ausgefallen, Vingegaard wirkte ausnahmsweise mal nicht wie ferngesteuert. Eindrucksvoll seine Auftritte auf der vierten und fünften Etappe. Auf dem Weg nach Uchon und bei fiesem Regen reichte eine Attacke an der Flamme rouge, um im Schlussanstieg 41 Sekunden auf Martínez herauszufahren. In Colombier-le-Vieux beim fünften Teilstück war nach durchweg sonnigem Wetter der Abstand zur Konkurrenz noch einmal deutlich größer. Vingegaard hatte nicht erst am Schlussanstieg, sondern pogačarlike 20 Kilometer vor dem Ziel attackiert, am drittletzten Berg. 2:02 Minuten später fuhr der zweitplazierte Valentin Paret-Peintre über den Strich.
Als ungleich spannender erwies sich Tirreno–Adriatico. Mit Jasper Philipsen, Paul Magnier und Jonathan Milan standen drei erstklassige Sprinter am Start, mit Wout van Aert und Mathieu van der Poel Klassikerjäger ersten Ranges. Im Klassement lieferten Isaac Del Toro, Giulio Pellizzari und Matteo Jorgenson sich über die Rundfahrt hinweg einen Infight, bei dem jeder mal zu Boden gehen durfte. Bereits auf der zweiten Etappe, nach dem Auftaktzeitfahren, das Filippo Ganna gewann, wurde ordentlich Klassement gemacht. Ein vom Regen zermatschter Gravel-Abschnitt kurz vorm Ziel sowie ein giftiger Anstieg im Finale sortierten nicht nur die reinen Sprinter aus. Van der Poel setzte sich gegen Del Toro und Pellizzari durch, während Del Toro ins Trikot des Führenden fuhr. Auf der mittelschweren vierten Etappe siegte van der Poel erneut, Pellizzari wiederum gelang es, Del Toro die Gesamtführung durch Bonifikation abzunehmen. Der holte sich die Führung mit einem zweiten Platz auf der fünften Etappe zurück. Als er wenige Kilometer vor dem Ziel der sechsten Etappe Attacken der Konkurrenz nicht sofort parierte, kamen Erinnerungen an den Giro 2025 hoch, Del Toro hatte dort bei einem Angriff von Simon Yates den Gesamtsieg verpokert. Diesmal fuhr er kalkuliert, schloss die Lücke mit gleichmäßigem Tempo und ging es richtig ins Laktat, als er Pellizzari gestellt hatte. So sicherte Del Toro Tages- und Gesamtsieg und damit nach der UAE-Tour seine zweite World-Tour-Rundfahrt der Saison.
Vor den Monumenten in den kommenden Wochen und der Tour de France im Sommer zeigen sich die großen Gegenspieler Tadej Pogačars in bester Form. Vingegaard siegte in Nizza mit riesigem Abstand und dürfte dabei noch nicht mal in Tourform sein. Van der Poel wird nach zwei Etappen bei Tirreno, seinem Sieg beim Omloop und einer perfekten Cyclocross-Saison am kommenden Wochenende in Sanremo schwer zu schlagen sein. Andererseits hat auch Pogačar Form gezeigt. Nach kalkulierten Powerdaten scheint er bei seinem 80-Kilometer-Solo auf den toskanischen Dirty Roads gegenüber den Solofahrten 2024 und 2025 noch einmal 40 Watt mehr in die Pedale gebracht zu haben.
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