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Kino

Die Abwesenheit des Politischen

In der Nacht zum Montag wurden die Oscars 2026 verliehen

Foto: John Locher/Invision/AP/dpa
Hat nach »Hamnet« ihr Lachen wiedergefunden: Jessie Buckley

Auch diesmal ging wieder was schief. Sean Penn, Sieger der Kategorie »Overacting«, erhielt irrtümlich den Preis »Bester Nebendarsteller«. Er hat sich auf seinem Landsitz verbarrikadiert und will ihn einfach nicht zurückgeben. Davon ab scheinen die Preise der Craft-Kategorien dieses Jahr passend vergeben. »Sinners« (in Deutschland peinlicherweise »Blood & Sinners«) hat die beste Kamera verdient, der Score von Ludwig Göransson ebenfalls zu Recht gewonnen. Desgleichen »F1« bei den besten Soundeffekten, und der Film hätte auch den Oscar für den besten Schnitt erhalten können, bei dem »One Battle After Another«, ebenso wie bei der besten Regie, ebenso zurecht gewann. So viele Ebensos, man weiß gar nicht so richtig, worüber man meckern soll.

In der Premiumkategorie »Bester Film« zeigte sich allerdings, dass ein schwaches Jahr hinter uns liegt. ­Guillermo del Toro präsentierte in »Frankenstein« seinen ewiggleichen Trödelladenlook, Yorgos Lanthimos ist mit »Bugonia« auch keinen Schritt weiter, wobei die interessante Prämisse und ein durchaus intelligentes Drehbuch für diesen Film sprechen. Was die kulturelle Bedeutung betrifft, standen drei Filme im Zentrum: ein antipolitischer, ein unpolitischer und ein pseudopolitischer.

In »Hamnet« tat Chloé Zhao, was sie immer tut. Einen Stoff intellektuell nicht durchdringen, ihn privatistisch banalisieren und diese Armut durch einen prätentiösen Stil der Inszenierung ausgleichen. Die Story über Shakespeare und seinen verstorbenen Sohn unterläuft mit Vorsatz die Bedeutung von »Hamlet«, das die Geschichte eines Rückfalls erzählt. Ein Prinz ist zerrissen zwischen tribalistischer Rache und wittenbergischem Humanismus. Am Ende siegt die persönliche Rache und mit ihr die politische Reaktion. Das absolutistische Königreich, in dem der moderne Staat sich allmählich etabliert, wird sturmreif gemacht für den feudalen Fürsten Fortinbras. Hamlets Regression ist sowohl politisch als auch psychologisch durcherzählt. Zhao verwurstet das Stück zu rührseliger Trauerarbeit, diese Interpretation geht nicht mal im Ansatz im anvisierten Werk auf.

Ungleich gelungener dagegen »Sinners«. Nur ist dieser Film, unpolitisch. Was okay wäre, wär da nicht seine Rezeption. Am Anfang dürfte die Idee gestanden haben, »From Dusk Till Dawn« neu zu erzählen. Als musikphilosophisches Stück diesmal und mit schwarzem Sujet. Hautfarbe ist ein zentrales Element des Regisseurs Ryan Coogler, er bleibt dabei aber stets oberflächlich. Immerhin scheint ihm mit »Sinners« – im Gegensatz zu seinem »Black Panther« – etwas Unterhaltsames gelungen zu sein, auch wenn der Film im Grunde nicht mehr als Blaxploitation ist und an Jordan Peeles durchdachte Allegorien »Get Out« und »Us« niemalsnich heranreicht.

Und pseudopolitisch? Es geht um »One Battle After Another«, den Sieger der Kategorie. Der Film spielt im Milieu des US-amerikanischen Linksterrorismus, der auch heute noch zuweilen als revolutionär verklärt wird. Paul Thomas Anderson gestaltet den Gegensatz eines Aktivisten, der seine Mission für die Menschheit im Privaten retten will, nachdem sie politisch hin ist, und einer Aktivistin, die im Terrorismus eine Gelegenheit fand, narzisstisch-sadistische Störungen auszuleben. Folgerichtig lässt sie sich mit dem größten Schwein der faschistischen Gegenseite ein. Politische Bewegungen ziehen Psychopathen an, so weit, so aus dem Leben gegriffen. Doch mehr kann dieser Film nicht beisteuern. Die dramatische Struktur scheint aufschlussreich. Auch der Staat, gegen den die Pseudolinken kämpfen, ist in Wahrheit ein Racket, in ihm zieht ein Deep State aus Nazis die Fäden. Wir sind schon mies, aber sie noch mieser. Wer auf diesem Niveau angekommen ist, hat keins mehr.

junge Welt

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Erschienen in der Ausgabe vom 17.03.2026, Seite 11, Feuilleton

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