»Unsere Aufklärungsarbeit trägt dazu bei, das Bild von Behinderten zu verändern«
Von Emre Sahin
Die Organisation Nûdem setzt sich in Nordsyrien für die Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderungen ein. Seit wann gibt es sie?
Nûdem wurde 2021 von Frauen mit Behinderung gegründet, die insbesondere in Nordostsyrien leben. Es ist ein Projekt, um die Teilhabe dieser Menschen zu erhöhen, sie zu unterstützen und auch Bildung für sie zu gewährleisten. In den vergangenen 14 Jahren hat nämlich aufgrund der Kriegssituation im Land die Zahl der Menschen mit Behinderung durch Bombenangriffe und Minen zugenommen. Unabhängig davon gibt es selbstverständlich Menschen, die mit einer Behinderung zur Welt kommen. Auch die Zahl der Menschen, die psychologische Unterstützung brauchen, hat zugenommen. Wir sind jetzt im fünften Jahr und arbeiten vor allem in den Städten Kamischli, Serê Kaniyê und Hasaka. In Aleppo gab es auch ein Nûdem-Zentrum, allerdings haben die Dschihadistenallianz HTS und andere Gruppen den Ort nach den Kämpfen im Januar übernommen.
Also arbeiten Sie hauptsächlich in den Zentren?
Teils, teils. Natürlich wird viel in den Zentren gearbeitet, da gibt es beispielsweise Bildungskurse zu Themen wie Gesundheit, Psychologie und ähnlichem. Aber wir machen auch Hausbesuche, so wie die jeweiligen Bedürfnisse eben sind.
Wie stand es um die gesundheitliche Versorgung in Rojava unter Präsident Baschar Al-Assad? Gab es ausreichend medizinisches Personal und Krankenhäuser in der Region?
Unter Assad war es noch schlimmer als jetzt, weil alles zentral geregelt wurde. Die gesundheitliche Versorgung hat hauptsächlich in den Großstädten funktioniert. Rojava ist ja auch sehr weit von der Hauptstadt Damaskus entfernt, und je weiter weg, desto schlechter ist die gesundheitliche Infrastruktur. Medikamente zu bekommen war auch nicht immer leicht. Der einzige Ort in der Region, an dem man zu der Zeit halbwegs gesundheitlich versorgt werden konnte, war die größte Stadt Kamischli, aber da gab es auch kein richtiges Krankenhaus, sondern eher ein Bettenlager. Für die schweren Fälle musste man nach Aleppo oder Damaskus, aber das war gerade für Menschen mit Behinderung oder kranke Menschen infrastrukturell und finanziell so gut wie gar nicht zu bewerkstelligen. Dazu kam die Diskriminierung, auch durch den Staat. Man machte sich lustig über Menschen mit Behinderungen, ihnen wurde die nötige Unterstützung verwehrt. Ab 2018/19 wurde das Gesundheitssystem gemeinsam mit der Selbstverwaltung in Nord- und Ostsyrien aufgebaut. Es wurden nun überall Gesundheitszentren errichtet, so dass man nicht mehr gezwungen war, so weit fahren zu müssen. Doch es gab Schwierigkeiten, Medikamente oder Geräte zu besorgen. Hier bestand eine Abhängigkeit vom Staat fort.
Wie hat sich die humanitäre Lage nach den jüngsten Angriffen der nun als Regierungsarmee auftretenden Dschihadistenallianz HTS auf das Autonomiegebiet in Nord- und Ost-syrien im Januar verändert? Es wurden ja erneut sehr viele Menschen vertrieben.
Die Geflüchtetenzahlen steigen, und es ist schwer zu verfolgen, wie viele es sind. Es fing schon damit an, dass 2018 Afrin durch die Türkei und protürkische Milizen angegriffen wurde und die Bewohner Afrins dann in Richtung Nordostsyrien flohen. 2019 wurde Serê Kaniyê angegriffen, daraufhin gab es eine weitere Fluchtbewegung. So sind etwa das Camp in Serê Kaniyê und das Camp Newroz in Dêrik für Binnenflüchtlinge entstanden. In Serê Kaniyê leben zwischen 2.000 und 3.000 Familien, in Dêrik sind es sogar über 15.000 Familien. Vor den letzten Angriffen lebten nahezu 20.000 geflüchtete Familien in Rojava. Als es 2025 etwa zu den Angriffen auf Alawiten in Latakia kam, sind 200 alawitische Familien aus der Küstenregion nach Rojava geflohen. Anfang 2026 sind mit den neuesten Angriffen mindestens 50.000 Menschen auf der Flucht gewesen.
Welche weiteren Probleme gibt es?
Aktuell ist die Lage sehr schwierig, alle Schulen in Rojava sind umgebaut worden zu Flüchtlingsunterkünften, weil es sonst keine Orte gibt, an denen die Geflohenen beherbergt werden können. Auf der Flucht sind Dutzende Kinder gestorben. Es gibt momentan kaum Medikamente. Weil die kurdischen Städte als die sichersten angesehen werden, sind sie so überlaufen, dass medizinische Versorgung nur in Notfällen geregelt ist. Bei den Geburten ist die Todesrate leider sehr hoch.
Es wird versucht, einen Grundstandard an Essen und Versorgung aufrechtzuerhalten, aber dabei gibt es keinen bestimmten Fokus auf die Kinder mit Behinderung. Für sie benötigen wir eine andere Art von Nahrung, Medikamenten und Unterkünften. Doch es gibt keine speziellen Leistungen für sie, auch nicht von den Menschenrechtsorganisationen vor Ort. Die Güter, die ankommen, sind für den »Durchschnitt« gemacht. Dadurch, dass die Leute in den Camps dicht beieinander wohnen und sich in den Schulen viele Familien eine Toilette teilen müssen, sind die Hygienestandards auch nicht auf gewohntem Niveau, und so breiten sich auch Krankheiten schneller aus. Gleichzeitig haben wir uns auch noch nicht wirklich von den letzten Angriffen erholen können. Kampfflugzeuge sorgen für psychischen Terror. Vor allem elf- bis 18jährige Jugendliche sind von psychischen Problemen betroffen. Sie sind mit Todesängsten groß geworden. Viele Kinder und Jugendliche sind seit fünf Jahren auf der Flucht. Die Selbstmordrate ist generell gestiegen, aber insbesondere bei den Jugendlichen.
Das trifft mit Sicherheit auch auf die Kinder aus Afrin zu?
Die neuerlichen Angriffe haben das Fass zum Überlaufen gebracht. Wir müssen bedenken, dass diese Kinder auf der Flucht groß geworden sind. Die Menschen aus Afrin mussten bereits zum vierten Mal flüchten. Jedes Mal, wenn sie wieder an einem Ort angekommen waren, wurde ihnen ein besseres Leben versprochen. Jedes Mal, wenn sie wieder vor den gleichen Leuten geflohen waren, hofften sie, dass es damit ein Ende haben würde. Aber diese ersehnte Normalität hat sich über Jahre nicht eingestellt, und sie sind mit dem Glauben groß geworden, dass es für sie kein normales Leben, keine Sicherheit und leider auch keine Hoffnung gibt. Dazu kommt, dass fast alle ein Mobiltelefon haben, mit dem sie ihrem Alltag entfliehen können. Im Internet sehen sie dann, wie Menschen in anderen Teilen der Welt leben und glücklich sind.
Arbeitet Nûdem auch in der Stadt Kobani, die seit Januar unter einer faktischen Blockade der Regierungstruppen steht?
Nûdem gibt es aktuell nicht in Kobani, weil dort aktuell keine zivile Struktur existiert – es herrscht ein einziger Überlebenskampf. Es gibt immer wieder Angriffe um Kobani herum. Niemand kann hinein oder hinaus, auch Hilfsorganisationen nicht. Die Leute haben keinen Strom, kein Wasser, und es ist Winter, es ist kalt. Es ist schwer, zu den Menschen Kontakt aufzubauen, weil sie Strom brauchen, um ihre Handys aufzuladen. Dementsprechend weiß man nie, wann man von jemandem hört. In Kobani leben die meisten Menschen aktuell in Schulen oder in anderen größeren institutionellen Räumlichkeiten. Dort breiten sich Krankheiten stark aus. In Kobani gibt es unglaublich viele Verwundete, und Menschen erliegen ihren Verletzungen. Doch es dürfen weder Ärzte noch medizinische Güter in die Stadt rein.
Wie reagieren die Menschen auf die Arbeit von Nûdem?
Als Nûdem 2021 gegründet wurde, gab es sehr viel positives Feedback: riesengroße Erleichterung in den Familien, die behinderte Kinder haben. Das war ein Weckruf für die Gesellschaft. Die Arbeit ist beliebt und anerkannt, weil Familien mit Kindern mit Behinderung sich endlich gesehen fühlen und ihre Bedürfnisse gehört werden oder zumindest ein Raum geschaffen wird, in dem sie diese äußern können. Gleichzeitig hat Nûdem dazu beigetragen, dass Menschen mit Behinderung innerhalb der Gesellschaft viel sichtbarer werden und ihnen mehr Teilhabe ermöglicht wird. Die Aufklärungsarbeit trägt aber auch dazu bei, das Bild der Menschen mit Behinderung zu ändern. So wurde beispielsweise oft davon ausgegangen, dass Menschen, die im Rollstuhl sitzen, dumm sind. Nun werden Menschen im Rollstuhl durch die Arbeit von Nûdem zu Dolmetschern ausgebildet. Früher sind behinderte Kinder nicht zur Schule gegangen; jetzt hat man Schulen für sie errichtet. Es ist zu einer Routine geworden, einen Alltag für Menschen mit Behinderung zu schaffen, die jetzt auch arbeiten können. Auch psychologische Hilfe, vor allem für Kinder, ist wichtig, um ihnen einen selbstsicheren Umgang mit ihren Behinderungen oder ihrem Anderssein zu ermöglichen.
Durch den jüngsten Krieg im Januar haben die Strukturen, die wir geschaffen haben, einen kompletten Rückschlag erlitten. Die Kinder können nicht mehr zur Schule. Menschen mit Behinderung werden nicht als Menschen gesehen in diesem Krieg. Auch internationale Hilfsorganisationen kümmern sich nicht um Behinderte. Es wird immer nur von den gesunden Menschen ausgegangen und auf deren Bedürfnisse geschaut. Leute müssen nun ihr letztes Hab und Gut verkaufen, um einen Rollstuhl für ihr Kind kaufen zu können. Der Kriegsalltag macht die Routine dieser Menschen kaputt. Menschen mit Behinderungen haben auch Menschenrechte, aber wir werden so behandelt, als würden sie nur für gesunde Menschen gelten.
Davyan Mehmûd ist Vorsitzende von Nûdem
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