Serbiens heimliche NATO-Liebe
Von Erdin Kadunic
Die NATO und Serbien verbindet eine Beziehung, die offiziell nicht existieren darf – und doch längst Realität ist. Während Belgrad unermüdlich seine militärische Neutralität betont und politisch den Spagat zwischen dem Westen und Russland inszeniert, zeigt ein Blick auf die militärische Praxis ein anderes Bild. Die Kooperation mit der NATO ist intensiver als mit jedem anderen Partner.
Ein aktuelles Beispiel liefert eine Ankündigung der NATO-Kommandostruktur in Lago Patria, einem Ortsteil von Giugliano in Campania in der Nähe von Neapel. Im Mai dieses Jahres will die Allianz gemeinsam mit der serbischen Armee auf dem Truppenübungsplatz Borovac trainieren – auf Einladung der Regierung in Belgrad. NATO-Kommandeur Admiral George M. Wikoff traf sich dazu kürzlich mit dem serbischen Präsidenten Aleksandar Vučić. In sozialen Medien sprach Vučić von einem »bedeutenden Treffen« und über die Vertiefung der Zusammenarbeit – selbstverständlich bei gleichzeitiger Wahrung der militärischen Neutralität. Doch genau diese Neutralität wirkt zunehmend wie eine politische Fassade.
Seit Serbien 2006 dem NATO-Programm »Partnerschaft für den Frieden« beigetreten ist, hat sich die militärische Zusammenarbeit mit der Allianz stetig vertieft. Laut sicherheitspolitischen Analysen nahm Serbien seitdem an weit über hundert Übungen mit NATO-Staaten teil. Mit Russland hingegen waren es lediglich etwa ein Dutzend. Allein dieser Vergleich zeigt deutlich, in welche Richtung sich die militärische Praxis Belgrads bewegt. Eine Politik, die von Neutralität spricht, aber über hundert Übungen mit einer Militärallianz durchführt, wirkt unglaubwürdig.
Wie sensibel dieses geopolitische Gleichgewicht ist, zeigte sich besonders deutlich im Jahr 2020. Damals sollte Serbien gemeinsam mit Russland und Belarus an der Militärübung »Slawische Bruderschaft« teilnehmen. Für Moskau war diese Übung ein symbolträchtiges Signal militärischer Verbundenheit zwischen den drei slawischen Staaten. Doch die Reaktionen aus Brüssel, Washington und mehreren europäischen Hauptstädten ließen nicht lange auf sich warten. Zu diesem Zeitpunkt stand Belarus wegen der laut Opposition gefälschten Präsidentschaftswahl von Alexander Lukaschenko massiv unter internationalem Druck. Die Europäische Union hatte die Wahl als undemokratisch kritisiert und Sanktionen vorbereitet. In dieser Situation wurde eine serbische Teilnahme an einer Militärübung mit Minsk und Moskau in westlichen Hauptstädten als politisches Signal gegen Europa interpretiert.
Der Druck auf Belgrad wurde schnell deutlich. Vertreter der EU erinnerten die serbische Regierung öffentlich daran, dass ein EU-Beitrittskandidat seine Außen- und Sicherheitspolitik schrittweise an die der Europäischen Union angleichen müsse. Diplomaten sprachen hinter den Kulissen von »inkonsistenten Signalen«, die Serbien sende, wenn es einerseits EU-Mitglied werden wolle, gleichzeitig aber militärische Solidarität mit Russland und Belarus demonstriere. Die Botschaft war eindeutig: Eine solche Übung würde die europäische Perspektive Serbiens beschädigen. Belgrad reagierte ungewöhnlich schnell. Die serbische Regierung erklärte daraufhin ein Moratorium für sämtliche internationalen Militärübungen – sowohl mit westlichen als auch mit östlichen Partnern. Formal wurde die Entscheidung also als neutral dargestellt. Politisch jedoch war klar, worum es ging: Serbien zog sich aus der Übung mit Russland und Belarus zurück. Dass diese Entscheidung unmittelbar nach intensiven Gesprächen mit westlichen Partnern fiel, wurde in diplomatischen Kreisen kaum als Zufall betrachtet. Viele Analysten sahen darin ein deutliches Zeichen dafür, wie stark der Einfluss des Westens auf die sicherheitspolitischen Entscheidungen Belgrads inzwischen ist.
Folgen des NATO-Krieges präsent
Der eigentliche Konflikt liegt jedoch nicht in der militärischen Kooperation, sondern in der serbischen Gesellschaft. Präsident Aleksandar Vučić könnte sich geopolitisch vermutlich relativ schnell für eine NATO-Mitgliedschaft entscheiden. Sein Problem ist die öffentliche Meinung im eigenen Land. In der serbischen Bevölkerung ist das Bild der NATO bis heute tief negativ geprägt – vor allem wegen der Luftangriffe im Jahr 1999 während des Kosovo-Krieges. Noch heute, 27 Jahre später, stehen im Zentrum Belgrads mehrere damals zerstörte Gebäude bewusst unrepariert. Sie dienen als sichtbares Mahnmal für die Bombardierungen. Der NATO-Krieg ist ein zentraler Bestandteil der serbischen politischen Erinnerungskultur geworden.
Eine Annäherung an die NATO würde daher nicht nur eine außenpolitische Entscheidung bedeuten, sondern auch eine gesellschaftliche Transformation erfordern. Die politische Elite müsste eine Bevölkerung überzeugen, deren historisches Narrativ sich lange um den Widerstand gegen eben jene Allianz aufgebaut hat. Hinzu kommt die ungelöste Kosovo-Frage. Jede ernsthafte Annäherung Serbiens an NATO-Strukturen würde unweigerlich auch die Frage nach der endgültigen Normalisierung der Beziehungen zu Kosovo aufwerfen – ein politisch äußerst sensibles Thema in Belgrad.
Russlands Einfluss schrumpft
Parallel dazu verliert Russland als militärischer Partner an Bedeutung. Der Krieg gegen die Ukraine hat Moskau militärisch stark gebunden. Die russische Rüstungsindustrie kämpft mit eigenen Versorgungsproblemen, internationale Rüstungsverträge werden teilweise ausgesetzt oder verzögert. Für Serbien bedeutet das schlicht: Russland ist als militärischer Partner weniger verfügbar als früher. Auch geopolitisch ist der Moment günstig. Moskau ist mit der Ukraine und den Spannungen im Nahen Osten beschäftigt und hat kaum Kapazitäten, sich intensiv mit der strategischen Ausrichtung Serbiens zu befassen.
Dass Serbien strategisch eine Schlüsselrolle im geopolitischen Wettbewerb zwischen Westen und Russland spielt, wird inzwischen auch in sicherheitspolitischen Thinktanks offen diskutiert. Einige Analysten sehen Belgrad längst nicht mehr nur als regionalen Akteur, sondern als möglichen Hebel im größeren Konflikt zwischen Russland und dem Westen.
So argumentieren Strategen in Washington, dass eine langfristige Integration Serbiens in westliche Sicherheitsstrukturen nicht nur den Balkan stabilisieren, sondern auch Russlands Einfluss in Europa weiter zurückdrängen könnte. In dieser Logik wäre Serbien weniger ein Problemfall der europäischen Sicherheitspolitik, sondern vielmehr ein potentieller geopolitischer Gewinn für den Westen.
Der Hintergrund ist offensichtlich: Russland nutzt seine Beziehungen zu Belgrad seit Jahren als politischen Einflusskanal auf dem Balkan. Gleichzeitig blockiert Moskau im UN-Sicherheitsrat weiterhin eine Mitgliedschaft Kosovos in den Vereinten Nationen und präsentiert sich damit als Schutzmacht serbischer Interessen.
Doch gerade diese Konstellation eröffnet auch strategische Spielräume. Würde Serbien seine sicherheitspolitische Orientierung langfristig stärker Richtung Westen verschieben, verlöre Russland einen seiner letzten verlässlichen Partner in Europa. Für Moskau wäre das nicht nur symbolisch schmerzhaft. Es würde auch zeigen, dass selbst historisch enge Partnerstaaten sich langfristig an westliche Sicherheitsstrukturen annähern können.
Einige amerikanische Analysten gehen deshalb noch weiter und diskutieren offen Szenarien, in denen Serbien eines Tages selbst Teil der NATO werden könnte – möglicherweise sogar im Rahmen einer größeren geopolitischen Neuordnung des Balkans. Solche Überlegungen mögen heute noch weit entfernt wirken. Doch sie zeigen, wie sehr sich die strategische Wahrnehmung Serbiens im Westen verändert hat.
Langsame Annäherung
All das führt zu einer paradoxen Situation: Während die politische Rhetorik weiterhin von Neutralität spricht, entwickelt sich Serbien militärisch Schritt für Schritt in Richtung NATO-Kompatibilität. Die serbische Armee arbeitet bereits seit Jahren weitgehend nach NATO-Standards – auch weil internationale Friedensmissionen der Vereinten Nationen diese Standards voraussetzen. Der Beitritt zur Allianz steht derzeit zwar nicht offiziell auf der politischen Agenda. Doch die militärische Realität zeigt eine klare Tendenz.
Serbiens Verhältnis zur NATO bleibt damit eine seltsame Beziehung: öffentlich ungeliebt, politisch heikel – aber strategisch immer enger. Und vielleicht ist genau das die eigentliche Geschichte dieser Partnerschaft: eine Liebe, die nicht offen ausgesprochen werden darf, sich aber längst in der Praxis entwickelt hat.
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