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Aus: Ausgabe vom 16.03.2026, Seite 2 / Kapital & Arbeit
Kaufkraftverlust in Spanien

Haben die Ergebnisse Sie überrascht?

Viele spanische Haushalte stehen weit schlechter da, als es die offizielle Statistik nahelegt, weiß Lorién Cirera Sancho
Interview: Carmela Negrete
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Der Bericht, den Sie für die spanische Gewerkschaft CGT erstellt haben, zeigt, dass der offizielle Verbraucherpreisindex, VPI, den Kaufkraftverlust in Spanien stark unterschätzt. Woran liegt das?

Man muss zwischen zwei Arten von Einschränkungen des VPI unterscheiden. Zum einen gibt es Probleme, die man als »Fehler« des Index bezeichnen kann. Dazu zählt aus unserer Sicht vor allem, dass die Kosten von Wohneigentum nicht einbezogen werden, obwohl sie ein zentraler Bestandteil der Lebenshaltung sind. Auch die Entwicklung der Mietpreise wird unserer Meinung nach methodisch so gemessen, dass der tatsächliche Anstieg tendenziell unterschätzt wird.

Zum anderen gibt es Einschränkungen, die jedem allgemeinen Preisindex innewohnen. Ein Index für die gesamte Gesellschaft nivelliert zwangsläufig unterschiedliche Lebensrealitäten. Das betrifft etwa Einkommensgruppen oder den Wohnstatus: Manche Haushalte wohnen zur Miete, andere besitzen eine Wohnung mit oder ohne Hypothek, wieder andere leben in überlassenem Wohnraum. Wenn man all diese Situationen zusammenfasst, entsteht ein Index, der für die Gesamtheit der Haushalte repräsentativ sein soll, aber die Lage einzelner Gruppen nur unzureichend abbildet.

Das ist kein Fehler des VPI, sondern eine strukturelle Grenze solcher Indizes. Deshalb braucht es ergänzende Instrumente, um die Realität bestimmter Gruppen sichtbar zu machen. Genau das haben wir mit unserem »Mieterindex« versucht: Auf Grundlage der Daten des nationalen Statistikamts haben wir die Gewichtung der Mieten so angepasst, dass sie die Situation von Miethaushalten realistischer widerspiegelt.

Wenn die Inflationsdaten bei den Mieten die Realität verfehlen, ist die Lage ernster, als Regierung und Statistik nahelegen. Haben Sie die Ergebnisse überrascht?

Nein. Die Schwächen des VPI bei der Abbildung des Wohnungsmarktes führen dazu, dass viele Haushalte real schlechter dastehen, als es der Vergleich von Löhnen und offizieller Inflation vermuten lässt. Das überrascht wenig, weil viele Menschen diese Entwicklung im Alltag spüren. Betroffen sind vor allem junge Menschen sowie migrantische Haushalte.

Wie wirkt sich die Inflation auf Haushalte mit niedrigen Einkommen aus, besonders auf Mieter – und welche Maßnahmen wären nötig, um die Folgen abzufedern?

Wenn man den Anstieg der Wohnkosten einbezieht, frisst die Inflation einen großen Teil der Einkommensverbesserungen auf. In Spanien gab es zuletzt durchaus positive Entwicklungen: mehr Beschäftigung, steigende Mindestlöhne und weniger befristete Verträge. In vielen Haushalten arbeiten heute mehr Menschen oder sie arbeiten mehr Stunden – und zu höheren nominellen Löhnen. Dennoch verbessert sich die Lebenslage oft weniger als erwartet, weil ein wachsender Anteil des Einkommens durch höhere Preise und Mieten aufgezehrt wird.

Für reale Verbesserungen halten wir eine stärkere Organisation der Beschäftigten für entscheidend. Was eine Regierung heute gewährt, kann eine andere morgen wieder zurücknehmen. Gewerkschaften müssen daher stärker werden und etwa Lohnsicherungsklauseln in Tarifverträgen durchsetzen. Zu den politisch notwendigen Schritten gehört die vollständige Rücknahme der Arbeitsmarktreform von 2012. Zwar hat die Reform von 2021 einige Elemente korrigiert, doch zentrale Verschlechterungen bestehen fort. Eine stärkere strukturelle Macht der Beschäftigten gegenüber dem Kapital würde höhere Löhne und damit einen Ausgleich von Kaufkraftverlusten ermöglichen.

Im Wohnungsbereich braucht es zudem Schritte in Richtung Entkommerzialisierung. Wohnungsinitiativen fordern unter anderem ein echtes Ende von Zwangsräumungen, deutliche Mietsenkungen sowie die Enteignung leerstehender Wohnungen, touristisch genutzter Apartments und von Wohnungen großer Eigentümer oder Fonds.

Was ist das sozioökonomische Kabinett der CGT?

Das ist die Analyseabteilung der CGT für wirtschaftliche, arbeitsmarkt- und sozialpolitische Fragen. Ökonomische Expertise ist für Gewerkschaften wichtig, weil sie hilft, betriebliche und politische Entwicklungen besser zu verstehen und darauf strategisch zu reagieren. Wir liefern Analysen zur wirtschaftlichen Lage, zu Arbeitsmarkt und Lebensbedingungen der Arbeiterklasse und unterstützen damit die gewerkschaftliche Arbeit.

Lorién Cirera Sancho ist Ökonom und forscht für das sozioökonomische Kabinett der anarchosyndikalistischen Gewerkschaft CGT

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