Aus Leserbriefen an die Redaktion
Überholen statt einzuholen 2.0
Zu jW vom 9.3.: »Am Abgrund zurückgewichen«
Es sind wichtige Themen, die Zubok anstößt mit seinen Überlegungen hinsichtlich des Zerfalls der UdSSR und des damaligen Weltsystems. Infolge des Strebens nach einer »westlichen Konsumwelt«, gepaart mit ideologischen Verblendungen und Verführungen, waren die Köder ausgelegt. Was macht die heutige VR China als aktuell größtes »sozialistisches Versuchsfeld« im Gegensatz zur damaligen UdSSR so stabil? Viele bedeutende Chronisten (u. a. Uwe Behrens, Marcel Kunzmann, Jörg Kronauer, Jeffrey Sachs, Beat Schneider) sehen als einigende und zukunftsweisende Kraft die Kommunistische Partei. Für sie gilt offenbar das Modell »Überholen statt einzuholen 2.0« (Walter Ulbricht).
In weiser Gelassenheit, also chinesisch-harmonisch, werden die Instrumente des privaten Kapitals, der schwindelerregende Aufschwung von Forschung und Wissenschaft genutzt und offenbar auch breiteste Bevölkerungsschichten an ihren ureigensten Bedürfnissen abgeholt und mitgenommen. So ganz ist demnach der Einschätzung Zuboks nicht zu folgen, dass die VR China »den Westen« aktuell zum Vorbild nähme. Das schließt nicht aus, dass z. B. die USA nicht doch über die elektronischen Medien einen gewissen mentalen Einfluss (mediale Neokolonisation) auf viele Menschen haben könnten. Dennoch scheint es so, dass mit Hilfe einer Weltanschauung, die die Gesetzmäßigkeiten der Natur und Gesellschaftsformationen reflektiert und dabei auf Vernunft setzt, dass also die chinesische Staatsphilosophie mit dem Streben nach einem harmonischen Metabolismus und einer multipolaren Welt auch innenpolitisch sehr stabil scheint. Das alles, während »der Westen«, wie es scheint, dabei ist, sich allein mit KI-gestützten Kriegs- und Terroraktionen eine Zukunft herbeizubomben und sich dabei auch noch auf religiöse Wahnvorstellungen zu verlegen.
Alle Vorzeichen stehen auf der einen Seite für eine wissenschaftlich begründete Zukunft, auf der anderen für eine Rückwärtsgewandtheit Richtung Mittelalter. Kein Geringerer als Wilhelm Liebknecht formulierte vor 150 Jahren: »Man glaubt sich in die wüstesten Zeiten nach der Reformation zurückversetzt, so breit macht sich das religiöse Gezanke, und was das Schlimmste, es ist keiner der streitenden Parteien Ernst damit – Ernst ist es ihnen bloß mit dem Streben, sich die ausschließliche Herrschaft über die Geister der umnachteten Masse zu sichern.« (Wilhelm Liebknecht. Ausgew., eingel. u. erl. von Hans Brumme: »Wissen ist Macht, Macht ist Wissen und andere bildungspolitisch-pädagogische Äußerungen«, 1968, S. 64) Sorgen wir dafür, dass es Tag werde in den Köpfen der Massen!
Manfred Pohlmann, per E-Mail
Bittere Tatsache
Zu jW vom 10.3.: »Den Abstieg verwalten«
Baden-Württemberg gehört zu den wirtschaftsstärksten Regionen der Welt, somit gibt es dort eine starke Arbeiterklasse. Die SPD hatte die Hälfte ihrer Wähler verloren und die Abspaltung des BSW mit 1,4 Prozent Zweitstimmen von Die Linke mit 4,4 Prozent Zweitstimmen hatte verhindert, dass die Linkspolitik im Landtag präsent wird. Es ist eine bittere Tatsache, dass die heutige Linke ihre Geschichte wiederholt. In der Weimarer Republik versuchte die Elite mit der NSDAP, die Arbeiterparteien und Gewerkschaften loszuwerden. Die tiefe Zerstrittenheit von SPD und KPD war ein entscheidender Faktor, welcher Hitler zur Macht verholfen hatte. Die heutige AfD erinnert viele an diese vergangene Zeit. Ein AfDler sagte zu mir, als er keine Argumente mehr hatte: »So Leute wie du gehören oben an den Ettersberg (KZ Buchenwald).« Mit meinen 80 Jahren würde ich dort nach ein paar Tagen verrecken, aber die Mitglieder von Die Linke, BSW, DKP und MLPD würden sich dort streiten: Wer war dafür verantwortlich, dass die AfD zur Macht gekommen ist?
Stanislav Sedlacik, Weimar
Ohne Kompass
Zu jW vom 11.3.: »Recht des Stärkeren«
So nach und nach kommt die Wahrheit zum Vorschein. Diejenigen, die schon vor Monaten diese Entwicklung prophezeiten, wurden da noch als Lumpenpazifisten oder »gefallene Engel aus der Hölle« bezeichnet. Nun sind sie diejenigen, die die Wahrheit aussprachen, die damals keiner hören wollte. Die EU im Gleichschritt hinter den USA. Wo werden diese Weltmachtphantasien eines Trump enden? Im nuklearen Armageddon – wenn die friedliebenden Menschen nicht aufpassen und sich vor allem dagegen wehren. Wie abgehoben muss eine EU-Ratspräsidentin sein, wenn sie die Zeichen nicht versteht? In Deutschland gehen Zehntausende Schüler auf die Straße gegen die Wehrpflicht, es gibt Proteste gegen Kriege und anmaßende Handlungen des Despoten in Washington nach dem 3. Januar und seiner Aktion in Venezuela. Jetzt schon das Ausscheren einzelner EU-Regierungen wie Spanien bei den Drohgebärden Trumps gegen Kuba, das Verweigern der Arbeit bei der Verladung von Kriegsgerät Richtung Israel, z. B. in Italien.
Wenn die eigenen Leute sich auflehnen, dann holt man sich neue Verbündete gegen die vermeintlichen Feinde. Die nichtgewählte Regierung Syriens, die aus ehemaligen IS-Angehörigen besteht, marschiert gemeinsam mit Israel und den USA gegen den Libanon, und kurdische Kämpfer werden mit Geld und Waffen korrumpiert, damit sie die Drecksarbeit Trumps im Iran am Boden erledigen. Und dann wundern sich die Kriegstreiber, dass sich die Staaten wehren, indem sie die Stützpunkte der USA angreifen und auch ihren Vasallen den einen oder anderen Schlag versetzen. Der Rechts- und vor allem der Moralkodex der internationalen Staatengemeinschaft wird nicht verschoben, er wird (oder ist schon) zerstört – von einigen wenigen, die glauben, sie hätten das Recht des Stärkeren. Vor der atomaren Zerstörung der Erde kommt die Zerstörung der Moral und der Ethik.
Andreas Eichner, Schönefeld
Was macht die heutige VR China als aktuell größtes »sozialistisches Versuchsfeld« im Gegensatz zur damaligen UdSSR so stabil? Viele Chronisten sehen als einigende und zukunftsweisende Kraft die Kommunistische Partei
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