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Aus: Ausgabe vom 14.03.2026, Seite 10 / Feuilleton
Kino

Der Dichter findet sein Werk

»Un poeta«, ein tragikomischer Film von Simón Mesa Soto
Von Kai Köhler
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Rebeca Andrade in »Un poeta«

Óscar Restrepo hält sich für einen Dichter. Dabei liegt seine letzte Publikation Jahrzehnte zurück und wurde nur mit einem lokalen Förderpreis im kolumbianischen Medellín gewürdigt. Auszeichnungen könnte der ältere Mann allein in den Disziplinen Selbstmitleid und Alkoholkonsum erwarten. Von Frau und Tochter lebt er getrennt, statt dessen liegt er seiner Mutter, der Schwester und dem Schwager auf der Tasche. Die Versuche, mit der Tochter in Verbindung zu bleiben, lassen sich bestenfalls als unbeholfen beschreiben. Das Einzige, was sie sich von ihm wünscht, ist, dass er nicht vor ihrer Schule auf sie wartet, damit die Freundinnen sie nicht mit diesem unangenehm heruntergekommenen Typen sehen.

Dass man für diese im Grunde wenig sympathische Gestalt, die zwei Filmstunden lang in fast jeder Szene präsent ist, dennoch Sympathie entwickelt, ist nicht zuletzt der Darstellung von Ubeimar Rios zu verdanken – einen Laien, der zuvor nie in einem Film aufgetreten ist und dennoch alle Schattierungen von Resignation, selbstzerstörerischer Wut, Weinerlichkeit, Hoffnung und ungelenker Zuneigung überzeugend zu spielen vermag. Zum Repertoire gehört auch Komik, selbstverständlich unfreiwillige. Óscar Restrepo hat ein seltenes Talent, in peinliche Situationen zu geraten, sich so zu verhalten, dass er sich den größtmöglichen Schaden zufügt. Aber so unangenehm er anfangs ist – man lacht nicht gegen ihn. Er mag unbeholfen sein, bösartig ist er nicht. Das Absurde, in das er immer wieder gerät, lockert den eigentlich ernsten Grundton des Films auf. Man wünscht dem gewesenen Dichter, dass er sich endlich einmal fängt.

Die Rede war von Hoffnung; natürlich muss im Film etwas geschehen und es zeigt sich ein möglicher Ausweg. Óscar wird Lehrer; Schwester und Schwager zwingen ihn in diesen Job, weil sie ihn nicht länger durchfüttern wollen und auch wenig Vertrauen in die windigen Investments haben, in die er geliehenes Geld gesteckt hat. In der Schulklasse sitzt Yurlady, eine Jugendliche, die dichtet. Mit geübtem Blick erkennt Óscar die Qualität ihrer Arbeiten. Er bringt sie mit einer Literatengruppe in Verbindung, in deren Umfeld er geduldet wird. Und damit ist eine ganze Reihe von Konfliktfeldern eröffnet.

Óscar blüht zwar auf: Was er nicht geschafft hat, wird seine Entdeckung schaffen! Ist nicht sie sein eigentliches Werk? Immerhin hört er auf zu trinken und läuft sogar beinahe ansehnlich rasiert herum. Yurlady hingegen versteht nicht, was Óscar vom Zusammenhang von Dichtung und Leid erzählt. Sie dichtet naiv und schreibt auf, was ihr in den Sinn kommt. Ihre Familie ist arm, und dieser seltsame Lehrer kauft ihr auf den gemeinsamen Ausflügen immerhin so viel Fastfood, dass zuhause alle was zum Essen haben.

Freilich: ein Talent, arm, dazu noch dunkelhäutig – etwas Besseres kann den Literaten gar nicht unterkommen. Yurlady liest zum Auftakt des kommenden Lyrikfestivals. Allerdings wird sie dafür gezwungen, ein soziales Protestgedicht zu verfassen. Die niederländische Botschafterin, die das Geld gibt, ist zufrieden, etwas für den Fortschritt getan zu haben. Und so könnte sich der Literaturbetrieb an dem Nachwuchs aus dem Prekariat mästen, würde nicht alkoholbedingt die Feier nach der Lesung unschön enden.

»Un poeta« hält viele solcher Wendungen bereit; sie müssen gar nicht besonders überraschend sein, um zu wirken. Der Film ist sehr gut besetzt. Wie Ubeimar Rios hatte auch Rebeca Andrade, die Yurlady spielt, keine Erfahrung vor der Kamera; und wie er ist sie ein Glücksfall. Sie prägt den Film durch die undurchschaubare Ruhe, die sie im Gegensatz zum in Glück wie Unglück zappeligen Óscar auszeichnet. Ebenso überzeugend sind die Darstellergruppen aus den Nebenhandlungen, etwa Yourladys Familie, die zwar nicht weiß, was ein Lyrikfestival ist, wohl aber, dass man aus diesem Lehrer etwas herausholen kann. Scharf sind die Repräsentanten des Kulturbetriebs gezeichnet, besonders der umtriebige, scheinprogressive Erfolgsautor Efrain (Guillermo Cardona). Allison Correa zeigt als Tochter Óscars die oft vergebliche Mühe, dem unverständlichen Vater gerecht zu werden.

So könnte man mit diesem Film vollkommen glücklich sein, würde nicht die Position Yurladys Fragen aufwerfen. Sicher ist ihr unhinterfragtes Glück als Gegensatz zum hergezeigten Leid Óscars dramaturgisch sinnvoll. Doch träumt sie von früher Heirat, wie die zahlreichen Schwestern, und die be-engende Wohnung beunruhigt sie ebenso wenig wie die Schulden der Familie. Man muss kein Efrain sein und muss nicht von jedem Vers eine soziale Anklage fordern, um eine solche Zufriedenheit mit einer tatsächlich misslichen Lage unglaubhaft zu finden. Schlimmstenfalls ist ihr bescheiden-freiwilliger Rückzug aufs Gegebene genauso kulturelle Instrumentalisierung wie im Film ihr erzwungener Auftritt als Protestmarionette. Entgegen dem Anschein gewinnt sie keine wirkliche Autonomie.

»Un poeta«, Regie: Simón Mesa Soto, Kolumbien/BRD/Schweden, 123 Min., bereits angelaufen

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