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Aus: Ausgabe vom 14.03.2026, Seite 8 / Kapital & Arbeit
Energieversorgung

Preisexplosion in Südasien

Neuer Flächenbrand in Nahost hat katastrophale wirtschaftliche Folgen
Von Thomas Berger
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In vielen Ländern Südasiens gibt es keine nennenswerten Öl- und Gasreserven

Der neue Nahostkrieg infolge der US-amerikanisch-israelischen Angriffe auf den Iran und dessen Gegenschläge haben auf die Länder in Südostasien besonders gravierende Auswirkungen. Laut einer Analyse der US-Denkfabrik Atlantic Council passierten vergangenes Jahr 46 Prozent der Öltransporte nach Asien das Nadelöhr des Nahen Ostens. Neben der gefährdeten Versorgung mit Treibstoff und Energie und der bedrohten Sicherheit von Handelswegen geht es auch um die unterbrochenen Reiserouten im für einige Staaten bedeutsamen Tourismus.

So wurde für Nepal die Befürchtung publik, nach einem Besucheranstieg um stolze 8,8 Prozent im Februar – erstmals auf dem Niveau von vor der Coronapandemie – könnte der Frühjahrstourismus deutlich einbrechen, weil allein infolge gestörter Flugverbindungen die Anreise erschwert oder unmöglich sei. Denn 90 Prozent der Gäste, erinnerte die Himalayan Times, kommen auf dem Luftweg – Touristen aus Europa und Nordamerika steigen vorwiegend in Doha, Dubai oder Abu Dhabi um. Ein Ausbleiben der Gäste trifft nicht nur unzählige Beschäftigte auf Trekkingtouren und die Hotel- und Gastrobranche hart, die von Saisoneinnahmen leben. Der neuen Regierung würden im Haushalt absehbar auch Steuern fehlen. Zudem ist das schmale Binnenland bei Treibstoffen beinahe völlig auf Lieferungen angewiesen, die mittels Tankwagen über die indische Grenze kommen. Nennenswerte Reserven für Notfälle gibt es nicht, der schon jetzt gestiegene Rohölpreis schlägt sich samt höherer Transportkosten gleich doppelt nieder.

Ähnlich importabhängig ist Sri Lanka. Als Inselnation sei man äußerst anfällig, wenn internationale maritime Handelsrouten, etwa mit einer Sperrung der Straße von Hormus, massiv gestört wären, so der Daily Mirror aus Colombo. Der Branchenverband Tea Exporters Association warnte bereits vor möglichen Verlusten von zehn bis 15 Millionen US-Dollar pro Woche bei den Tee-Exporten, sollten sich die logistischen Probleme ausweiten.

Mit Krisensitzungen bereitet sich auch Pakistans Regierung auf die Folgen der neuen Nahostkrise durch Trumps und Netanjahus Angriffskrieg vor. Die Kosten für die monatlichen Ölimporte könnten deutlich auf 600 Millionen US-Dollar steigen, warnte der Finanzminister laut der Zeitung The Dawn. Eine Verteuerung des Rohöls um zehn US-Dollar pro Fass könne Pakistan am Jahresende bei den Importen 1,5 bis zwei Milliarden US-Dollar mehr als bislang kosten. Kunden an den Tankstellen ächzen jetzt schon, nachdem das Kabinett bereits am 6. März den Basisendpreis für Benzin und Diesel um 17 Prozent erhöht hatte – der größte Anstieg seit vielen Jahren, für viele ärmere Familien und Kleinstunternehmer kaum mehr bezahlbar. Universitäten sollen nur noch online unterrichten, Schulen schließen bis Ende des Monats. »In Pakistan gehen aufgrund extremer Wetterbedingungen im Schnitt fast 90 Tage des Schuljahres verloren«, sagte Rizwana Khan, Bildungsexpertin aus Islamabad. Die Schließungen wegen krisenbedingter Knappheit nannte sie »extrem belastend«.

Auch im benachbarten Indien, das seine internationalen Ölkäufe abermals auf mehr Länder verteilen will, geht es um gesicherte Dieselversorgung für die Bauern. Zudem, merkte etwa das Singapurer Nachrichtenportal Channel News Asia (CNA) an, seien die Vereinigten Arabischen Emirate nach den USA das zweitwichtigste Empfängerland für indische Elektronik­exporte – da stören unterbrochene oder bedrohte Transportwege sehr. Darüber hinaus werden in Indien Gas­zylinder zum Kochen knapp: Das betrifft neben unzähligen Privathaushalten allein in Mumbai 10.000 Restaurants mit 400.000 Angestellten, die deshalb von Schließung bedroht sind.

Auf den Philippinen hat Präsident Ferdinand Marcos Jr. am 7. März eine Viertagewoche für alle Staatsbediensteten angeordnet. »Wir wissen nicht, wann das Chaos im Nahen Osten enden wird«, sagte Marcos Jr. »Wir sind Opfer eines Krieges, den wir uns nicht ausgesucht haben.« Nur unverzichtbares Personal wie Polizei und Feuerwehr ist ausgenommen. Behörden sind aufgefordert, zehn bis 20 Prozent Strom- und Benzinkosten einzusparen. Etwa, indem Klima­anlagen stark gedrosselt werden. In Thailand, das wirtschaftlich ebenfalls stark vom Fremdenverkehr abhängig ist, könnte ein über etliche Wochen gehender Iran-Krieg allein in der Tourismusbranche 40 Milliarden Baht, etwa 1,1 Milliarden Euro, an Schäden verursachen, schätzte das zuständige Ministerium am 9. März laut einem Bericht der Bangkok Post.

Hinzu kommen die voraussichtlich sinkenden Heimatüberweisungen der am Golf lebenden Arbeitsmigranten aus Süd- und Südostasien. Das würde Philippinen, Nepal, Bangladesch und besonders Indien wirtschaftlich hart treffen, denn allein vom Subkontinent stammen fünf Millionen der Zeitarbeiter.

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