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Haiti

Haiti unter US-Einfluss

Unter schwierigsten Bedingungen sind im Sommer Wahlen geplant.

Foto: ZUMA Press Wire/IMAGO
Vor dem Flughafen wachen Polizeitruppen. Die Bevölkerung bleibt Gewalt und Willkür ausgeliefert (Port-au-Prince, 17.2.2026)

In Haiti sollen erstmals seit mehr als einem Jahrzehnt wieder Parlaments- und Präsidentschaftswahlen stattfinden. Während sich bis Donnerstag offiziell 320 Parteien für die Abstimmung am 30. August registrieren ließen, zweifeln Beobachter, ob echte Wahlen unter den derzeitigen Bedingungen überhaupt möglich sind. Nach Abschluss der für die Registrierung gesetzten Frist kündigte der Provisorische Wahlrat nun die endgültige Liste der zugelassenen Parteien für Ende März an.

Schon deren schiere Zahl weckt Zweifel daran, ob sich eine stabile politische Kraft herausbilden wird. Zudem findet der Wahlprozess in einer Situation statt, die von Gewalt, Korruption und dem beherrschenden Einfluss der USA geprägt ist. Nach Angaben des UN-Büros United Nations Integrated Office in Haiti wurden allein zwischen 2024 und 2025 mehr als 8.000 Menschen getötet. Rund 1,4 Millionen Menschen sind innerhalb des Landes auf der Flucht, mehr als 5,7 Millionen leiden unter akuter Ernährungsnot. Bewaffnete Gruppen kontrollieren große Teile der Hauptstadt Port-au-Prince und anderer Regionen des Landes. Ausländische Söldner verschärfen die Gefahrenlage zusätzlich, statt zu deeskalieren.

Dennoch treibt die Übergangsregierung unter dem rechten Premierminister Alix Didier Fils-Aimé die Wahlvorbereitung voran. Kritiker werfen ihr vor, von Wohlwollen und Anweisungen der US-Regierung unter Präsident Donald Trump abhängig zu sein. Erst Anfang des Jahres hatte US-Außenminister Marco Rubio dem Interimspremier die Unterstützung der USA zugesichert und haitianische Politiker davor gewarnt, ihn aus dem Amt zu entfernen. Menschenrechtsorganisationen werfen Fils-Aimé nun vor, die Souveränität des Landes verkauft zu haben. Mehrere dubiose Regierungsverträge mit ausländischen Firmen sorgen für weitere Empörung. Wie die Zeitung Haitian Times am Dienstag berichtete, kritisiert die Organisation »Fondasyon Je Klere« (FJKL) – kreolisch für »Wächterstiftung« – Vereinbarungen im Wert von mindestens 137 Millionen Dollar, die unter anderem den Bau von Gefängnissen, Söldneroperationen und Grenzkontrollen betreffen. Weil die Regierung bislang alle Anfragen zu den Vorwürfen ignoriert, sieht die linke Wochenzeitung Haïti Liberté das Land in einer »politischen Gefangenschaft«.

Dafür sprechen auch FJKL-Recherchen, wonach allein die Firma Metric Management aus Florida einen 85-Millionen-Auftrag zum Bau von drei Gefängnissen erhielt – mit einer 50jährigen Laufzeit, die Haiti langfristig mehr als sechs Milliarden US-Dollar kosten könnte. Besonders umstritten ist ein 35,5 Millionen-US-Dollar-Vertrag mit der US-Söldnerfirma Vectus Global, deren Chef Blackwater-Gründer Erik Prince ist. Hunderte »Elitekämpfer« aus den USA, Europa und El Salvador sollten laut Prince in Haiti »für Ordnung« sorgen. Wie ein am Dienstag veröffentlichter Bericht von Human Rights Watch (HRW) enthüllt, sind Vectus Global und haitianische Einsatzkräfte für mehr als 140 Drohnenangriffe verantwortlich, bei denen zwischen März 2025 und Januar 2026 mindestens 1.243 Menschen – darunter 17 Kinder – getötet wurden.

Nach Angaben von HRW-Direktorin Juanita Goebertus wurden die mit Sprengstoff bestückten Quadrocopter in dichtbesiedelten Vierteln der Hauptstadt Port-au-Prince eingesetzt – ein Vorgehen, das nach internationalen Standards nur unter strengsten Voraussetzungen zulässig ist. »Bei den tödlichen Operationen wurden zahlreiche Zivilisten und viele Kinder getroffen«, kritisiert Goebertus. Besonders makaber: Ein Angriff am 20. September tötete neun Kinder im Alter von drei bis zwölf Jahren, die sich zu einer Geschenkverteilung versammelt hatten. Derartige Angriffe könnten als außergerichtliche Tötungen einzustufen sein, erklärte Human Rights Watch.

Die Sicherheitslage in der Hauptstadt und anderen Regionen hat sich durch derartige fragwürdige Operationen nicht verbessert. Während bewaffnete Gruppen weiterhin große Gebiete kontrollieren, berichten Einwohner über wachsende Angst vor Drohnenangriffen.

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Erschienen in der Ausgabe vom 14.03.2026, Seite 7, Ausland

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