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Aus: Ausgabe vom 14.03.2026, Seite 5 / Inland
Kernbranchen in Dauerkrise

Verkalkte Bilanz

BRD-Chemiebranche im »roten Bereich«. Deutlicher Produktionsrückgang im vergangenen Jahr, Jobverlust für Zehntausende Beschäftigte
Von Klaus Fischer
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Die Chemiebranche schaut in den Abgrund, selbst das Geschäft mit Entkalkern ist keines mehr

Die Alarmrufe aus der bundesdeutschen Industrie verstummen nicht. Sie werden im Gegenteil lauter. Und deutlicher. Das gilt auch und gerade für die Chemiebranche. Am Freitag stellte der Verband der Chemischen Industrie (VCI) die aktuellen Zahlen des vergangenen Jahres vor. Die seien laut Hauptgeschäftsführer Wolfgang Große Entrup »unterirdisch«: »Produktion, Umsatz und Preise sind im roten Bereich.« Und anscheinend ist keine Besserung in Sicht.

Im Gegenteil. Durch den Krieg der USA und Israels gegen den Iran verschlimmert sich die Lage zusätzlich. Das beunruhigt auch die zuständige Gewerkschaft IG Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE). Deren Chef, ­Michael Vassiliadis, warnte am Donnerstag abend vor Journalisten, dass die Auswirkungen dieses bewaffneten Konflikts für die Energieversorgung noch weitgehend unterschätzt würden.

Die schlechten Zahlen für 2025 konnten indes kaum jemanden überraschen, der mit der aktuellen Lage der deutschen Wirtschaft vertraut ist. Die chemische Industrie im weiteren Sinne gilt – nach der Metall- und Elektroindustrie – als die wichtigste Branche am Standort. Und sie ist, ebenso wie Automobilbau oder Grundstoffindustrie (Stahl, Zement etc.), besonders schwer von den explodierenden Energie- und Beschaffungskosten betroffen.

Laut VCI ging die Produktion in der chemischen Industrie im Vorjahr um 3,3 Prozent zurück. Um 3,8 Prozent schrumpfte gar der Gesamtumsatz. Damit setzte sich der negative Trend der Vorjahre fort. Die zumeist hochkomplexen und teuren Anlagen seien im Schnitt lediglich zu 72 Prozent ausgelastet. Eine Situation, die weiter auch zu Lasten der Arbeitsplätze gehen dürfte. Bereits in den zurückliegenden drei Jahren wurden in der Branche 34.000 Jobs vernichtet – oder ins Ausland verlagert.

Für die miserable Situation macht der VCI auch die Politik verantwortlich: »Der Frust in den Unternehmen über die wirtschaftspolitische Kurskorrektur mit angezogener Handbremse ist groß. Deutschland reformiert im Schneckentempo. Ohne echten Reformwillen und mächtig Tempo in Berlin und Brüssel droht ein Strukturbruch für die industrielle Basis«, so Große Entrup. Denn »2026 wird nicht leichter. Schon vor dem Iran-Krieg gab es keine Aufbruchstimmung.«

Zuletzt war auch die Kritik an der CO2-Abgabe – die planmäßig wieder gestiegen ist – immer lauter geworden. Und es sind nicht nur die Großen, die sich öffentlich beschweren – wie etwa die Chefs der Chemiegiganten BASF oder Evonik. Die »Tagesschau« (online) zitierte in dieser Woche die Chefin des mittelständischen Unternehmens (165 Beschäftigte) Gechem, Martina Nighswonger. Der Betrieb stellt demnach u. a. Tabs für Geräteentkalker, Toiletten-, Geschirr- und Kaffeemaschinenreiniger her. »2025 sind wir erstmalig seit vielen Jahren im Minus«, so die Geschäftsführerin. »Unsere Stromkosten sind von 152.000 Euro im Jahr 2023 auf 267.000 Euro im vergangenen Jahr gestiegen – und das, obwohl wir inzwischen eine eigene Photovoltaikanlage inklusive Speicher haben. Die Kosten für Gas haben sich im gleichen Zeitraum nahezu verdoppelt, lagen zuletzt bei 415.000 Euro.« Und mit der CO2-Abgabe »sind wir bei knapp 60.000 Euro angekommen«.

Gewerkschaftsführer Vassiliadis treiben ähnliche Probleme um. Er blickt besorgt in die Zukunft und warnt vor einem »unkontrollierten Flächenbrand« vor allem in der chemischen Grundstoffproduktion. Komplette Industriecluster könnten verlorengehen. Er wünscht sich einen von der Politik koordinierten Prozess für eine »konzertierte Konsolidierung« der Grundstoffchemie in Europa.

Die Produktion solcher Grundstoffe in energieintensiven Großanlagen bilde das Herz nahezu jedes chemischen Verbundstandorts, so der Vorsitzende der Industriegewerkschaft. Zudem brauche es schnelle Fortschritte bei den Energie- und Emissionskosten. Vassiliadis forderte zudem, kostenlose CO2-Zertifikate an energieintensive Firmen länger möglich zu machen. Ansonsten würden die Kosten etwa in der kriselnden Chemieindustrie weiter nach oben getrieben.

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