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Beim Fananwalt

Stecker raus

Foto: jW

Fußballfans sind durchaus für ihre Kreativität bekannt. Dies zeigte sich in den letzten Jahren bei vielen Protestaktionen. Gleichgültig ob Tennisbälle oder ferngesteuerte Autos, drastische Sprüche auf Transparenten oder auch das schlichte Fernbleiben vom Block. Gewirkt hat es im Grunde immer, zumindest kam die Botschaft an. Nicht nur für die Fankurven, sondern für so gut wie jeden Fußballfan gibt es etwas, das in den beiden obersten Ligen seit Jahren für Unmut sorgt. Das ist der sogenannte VAR (Video Assistant Referee). Was wurde uns in den letzten Jahren seit seiner Einführung 2017 nicht alles erzählt? Angelehnt an andere Sportarten, wo derartiges seit langem üblich ist, sollte der Videobeweis den Fußball gerechter und transparenter machen. Jährlich wurde an ihm herumgedoktert, aber nichts wurde besser oder gerechter. Was viele Fans vorhergesagt haben, ist auch eingetreten. Nach einem erzielten Tor wird nicht mehr hemmungslos gejubelt, sondern erst einmal verhalten zum Schiedsrichter geschaut, ob der sich nicht vielleicht doch an den Kopf fasst, da er aus irgendeinem Keller etwas aufs Ohr bekommen hat. Die ausgelassene Freude, die wir so am Fußball lieben, wird getötet. Glück nur, dass es den VAR ab der dritten Liga abwärts nicht gibt. Mein Herzensverein spielt in der vierten Liga, und ich habe in all den Jahren noch nie jemanden im Stadion erlebt, der nach dem VAR gerufen hätte.

Offensichtlich ist der Ärger so groß, dass am letzten Wochenende Fans in Münster beim Spiel gegen Hertha BSC besonders kreativ bei ihrem Protest waren. Als es eine strittige Szene im Strafraum der Gastgeber zu begutachten gab, sah der Schiedsrichter am Spielfeldrand aber nicht noch einmal das Foulspiel, sondern lediglich einen schwarzen Bildschirm. Offensichtlich hatte ein Fan die Stromzufuhr zum VAR-Bildschirm unterbrochen. So schnell wie er im Innenraum war, hatte er wieder den Block erreicht. Kurz danach erschien im Heimblock ein Transparent mit dem Wortlaut: »Dem VAR den Stecker ziehen«. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Ich fand diesen Protest ausgesprochen kreativ. Er war gewaltfrei und zugleich so spektakulär wirkungsvoll, dass danach jeder Fan davon sprach. Sollte die Identität des Fans ermittelt werden, dürfte das wohl zu seiner Sanktionierung führen, befürchte ich. Ich finde hingegen, er sollte ab sofort in jedem Stadion der Welt so lange freien Eintritt erhalten, bis das leidige Ungetüm VAR endlich abgeschafft sein wird.

»Sport frei!« vom Fananwalt.

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Erschienen in der Ausgabe vom 13.03.2026, Seite 16, Sport

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  • Hana-Jürgen Thiele aus Chemnitz 16. März 2026 um 14:18 Uhr
    Ich schätze Rene Lau sehr als Autor der jW, für sachkundige Beiträge, die auch ermittelnde Polizisten vor Ort beeindruckt haben. Nur ist die Lobpreisung des Steckerziehens beim VAR-Bildschirm durch bei einem Rechtsanwalt, der er ja sein will, ein voller Griff in die Sch… Die meisten Fußballspieler beherrschen schließlich sehr wenig von ihrem Sport: schlechte Ballannahme, fast nie Effet-Schüsse, kein fallendes Blatt, fast immer nur dumpfes primitives Holzen. Gern auch verdeckt, dem klassischen VAR-Fall. Wenn ich als Brillenträger solche Fouls in besserer Zuschauerposition fast immer sehe, die Zuschauermasse ja genauso, sollten doch sachkundigere VAR-Vorschläge kommen. Etwa Einblenden strittiger Szenen auf den oft vorhandenen Videoleinwänden oder herangezoomt auf der Bandenwerbung, technisch-organisatorisch simpel machbar.
    Lieber Rene Lau, könnte man das den Verantwortlichen der in Frage kommenden Ligen nicht schmackhaft machen? Dem Steckerzieher und den ihn Feiernden sollte man ein mindestens zehnjähriges bundes- wie ligenweites Stadionverbot erteilen. Wenn sie dagegen meckern, ab in den Knast.
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