»Der blanke Irrsinn«
Kürzlich hat die Stiftung Deutsche Sporthilfe eine über mehrere Jahre laufende millionenschwere Kooperation mit dem Sportwettenanbieter Tipico bekanntgegeben. Wie haben Sie diese Nachricht aufgenommen?
Zunächst habe ich mich sehr gewundert, dass diese Nachricht von den Medien anfänglich überhaupt nicht aufgegriffen, kommentiert und kritisch eingeordnet wurde. Immerhin handelt es sich hier, vorsichtig ausgedrückt, um einen mittelschweren Skandal. In meinem persönlichen Netzwerk reichten die Reaktionen von Betroffenheit und Unverständnis bis hin zu purem Entsetzen. Mich persönlich ärgert diese Kooperation, wie sie die Sporthilfe kürzlich eingegangen ist, sogar ein Stück weit. Aus der Perspektive des Kampfes gegen Glücksspielsucht und aller damit verbundenen Folgen ist diese Verbindung zwischen Elitesport und Sportwettenanbieter eine völlig neue Qualität – und gesundheitspolitisch der blanke Irrsinn.
Weshalb ist diese Kooperation bedenklich?
Aus Gründen, die sowohl die moralisch-ethische Ebene als auch die faktisch-wissenschaftliche betrifft, die hier miteinander Hand in Hand gehen. Wo sind die moralischen Grenzen der Stiftung Sporthilfe? Hat man überhaupt irgendeinen moralischen Kompass und sind sich die Verantwortlichen dort eigentlich über die Tragweite und Gefahren dieser Partnerschaft im klaren? Vielleicht werden namhafte Sponsoren der Stiftung ja begreifen, dass sie ab jetzt in einem Atemzug mit einem sehr prominenten Vertreter der Glücksspielbranche und damit der Suchtmittelindustrie genannt werden. Über kurz oder lang könnte diese Kooperation der Sporthilfestiftung sogar auf die Füße fallen und ihr schaden.
Zunächst herrscht in der Frankfurter Zentrale eitel Sonnenschein angesichts der neuen sprudelnden Quelle. Die Tipico-Millionen sollen, so die offizielle Version, einen neugeschaffenen Fonds für zukünftige Champions speisen. So werde »die gezielte, individuelle Förderung in entscheidenden Karrieremomenten« ermöglicht. Profitieren sollen vor allem Sportlerinnen und Sportler, »die bereits erste Erfolge gefeiert haben und nun den nächsten großen Schritt gehen wollen«.
Aus Sicht der beiden Partner mag das eine Win-Win-Situation darstellen. Die eine Seite tut etwas für den Sport. Die andere benötigt anscheinend jeden Euro, um ihre Aufgaben erfüllen zu können. Auch der Zeitpunkt der Bekanntgabe fast am Ende der Olympischen Winterspiele war aus Sicht des Unternehmens schlau gewählt. Es ist genau in dem Moment bei der Sporthilfe eingestiegen, als das deutsche Olympia-Team mit einem durchwachsenen Gesamtergebnis und mit Medaillen in Erscheinung trat, die fast ausschließlich im Eiskanal gewonnen wurden. In einer solchen Situation konnte die Botschaft des Glücksspielanbieters logischerweise nur lauten: Wir helfen, damit es im Sport besser wird. Primär jedoch geht es diesem Unternehmen darum, die öffentliche Wahrnehmung zu prägen, sich gut darzustellen und auf lange Sicht seine Umsätze zu erhöhen. Für mich ist das eine Art von Greenwashing, für die sich die Stiftung Deutsche Sporthilfe hergibt. Eine meines Erachtens sehr gefährliche Partnerschaft. Für den bundesdeutschen Sport und seine Finanzierung wird damit meines Erachtens eine Grundsatzfrage provoziert: Warum muss Geld immer die Moral schlagen?
Sie meinen, die Sporthilfe wirbt ab sofort für Tipico?
Selbstverständlich, die Sporthilfe wird mit dieser Kooperation zum idealen Werbeträger für dieses Unternehmen und dafür bezahlt. Die Brisanz liegt auf der Hand, denn wissenschaftlich ist folgendes längst erwiesen: Je häufiger jemand mit Glücksspielwerbung konfrontiert ist, desto höher die Wahrscheinlichkeit einer Spielteilnahme, was wiederum zu einem größeren Risiko von glücksspielbedingten Schäden führt. Alarmierend genug, dass derzeit etwa 367.000 Spieler zu ihrem eigenen Schutz gesperrt und von einer Spielteilnahme ausgeschlossen sind. Zugleich wissen wir aus zahlreichen Studien: Ein beträchtlicher Teil der Umsätze, die im Glücksspielmarkt und auch bei Sportwetten erzielt werden, stammt von kranken, süchtig spielenden Personen. Von diesen Gewinnen soll nun ein Teil ausgerechnet in eine Stiftung zurückfließen, die in den olympischen und paralympischen Sportarten die Elite der Athleten unterstützt und ebenso Nachwuchstalente fördert. Das beißt sich. Das ist auch deshalb eine riskante und unheilvolle Liaison, weil Sporttreibende für Sportwetten als besonders anfällig gelten. Diese Erkenntnis ist wissenschaftlich belegt, doch bis zu den Sporthilfeverantwortlichen anscheinend noch nicht vorgedrungen.
Für den Sportwettenanbieter praktisch ein Jackpot?
So ist es. Nach außen hin kann das Unternehmen bei der Stiftung als angeblicher Wohltäter in Erscheinung treten und hat auf diese Weise zugleich ein ideales Einfallstor für sein Sportwettengeschäft besetzt. Aktive Sportler – und dazu gehören ja wohl sämtliche von der Stiftung geförderte Athleten – weisen nach wissenschaftlichen Erkenntnissen eine hohe Anfälligkeit für die Entwicklung glücksspielbezogener Probleme auf. Hintergrund ist oftmals das Interesse für Sportwetten. Neueste Erkenntnisse gehen noch darüber hinaus und zeigen, dass Sportinteressierte bzw. Fans hier ebenfalls als besonders gefährdet gelten. Somit hat Tipico jetzt nicht nur die geförderten und teils sehr prominenten Sporthilfeathleten als potentielle Kundschaft an der Angel, sondern zugleich deren Umfeld mit allen Fans und Followern.
Der promovierte Psychologe Tobias Hayer (51) leitet die Arbeitseinheit Glücksspielforschung im Bereich »Gesundheit und Gesellschaft« an der Universität Bremen und gilt in Sachen Glücksspiel und Spielsucht bundesweit als einer der profiliertesten Kenner und Wissenschaftler
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