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12.03.2026
- → Feuilleton
Wie Öl und Wasser
Ein Luftschloss für Ostdeutschland
In Halle (Saale) soll bis 2030 das Zukunftszentrum für Deutsche Einheit und Europäische Transformation entstehen. Auch wenn dessen Verwaltungschef bereits zum verspäteten Neujahrsempfang geladen hat, wurde bislang noch kein Spaten für den geplanten Neubau angefasst. Denn wie die Forschungs- und Begegnungsstätte konkret genutzt werden soll, ist unklar. Es soll um die Erfahrungen der Ostdeutschen nach der »Wende« gehen, heißt es ziemlich vage. Künftige Transformationsprozesse sollen auch erforscht werden. Also ein schielender Blick in die jüngere Vergangenheit und in die Zukunft, einmal auf regionaler und einmal auf kontinentaler Ebene. Es klingt wie der Versuch, Öl und Wasser zu mischen: Sie wollen einfach nicht zusammen.
Das wird immer deutlicher, seit bekanntgeworden ist, dass der kalkulierte Kostenrahmen von 208 Millionen Euro ganz sicher nicht einzuhalten sein wird. Experten schätzen die Bausumme eher auf 277 Millionen. Nun könnte entweder der Bund mehr Geld zuschießen, was in Berlin gar nicht gut ankommt, oder der Bau verkleinert werden. Hierzu müsste aber erst einmal geklärt werden, wieviel Fläche und welche Raumausstattung das Zukunftszentrum eigentlich für Büros, Seminarräume und Ausstellungsflächen braucht. Aber das kann nicht einmal der Verwaltungschef so genau sagen, denn die konkreten Aufgaben und Erfordernisse des Zukunftszentrums sind auch den Verantwortlichen nebulös. Nur dass das Zentrum jährlich eine Million Besucher anziehen und die Wirtschaft Halles enorm beleben soll, ist ausgemachte Sache. Zum Vergleich: In Halle werden aktuell knapp eine halbe Million touristische Übernachtungen pro Jahr registriert.
Zu dieser wundersamen Wette auf die Zukunft kommt ein kleineres Mirakel: Damit der Bund künftig, wenn schon nicht bei den Baukosten, dann zumindest bei den Betriebskosten sparen kann, soll bis zu einem Viertel der rund 14.000 Quadratmeter Raumfläche vermietet werden. Aber auch hier scheint der Wunsch, wenn nicht ein wirrer Rausch, Vater des Gedankens zu sein, denn welche Organisationen thematisch in ein ostdeutsch-europäisches Zukunftszentrum passen, ist völlig unklar. Vielleicht auch, weil das Zentrum zwar einen partyaffinen Direktor hat, aber eben keinen Programmchef, der die inhaltliche Ausrichtung der Einrichtung definieren könnte. Und so bleibt das Zukunftszentrum vorerst eine Luftnummer, wenn auch eine sehr hochpreisige.
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