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12.03.2026
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Politökonomen des Tages: Ukrainische Müllmänner
Müll ist politökonomisch gesprochen Restmaterial des gesellschaftlichen Stoffwechsels. Was in diesem nicht verbraucht wurde, landet in der Tonne. Ähnlich wie im Krieg, in dem eine neue Kategorie des Verbrauchsmaterials auftritt: der Soldat, der an der Front verheizt wird und dessen erfolgter Verbrauch sich in Grabhügeln mit Fahnen drauf niederschlägt.
Ob die Beschäftigten der Müllabfuhr der westukrainischen Großstadt Iwano-Frankiwsk das vom Begriff her draufhaben, kann einem an dieser Stelle egal sein. Aber sie haben gemerkt, dass die Einschläge buchstäblich näherkommen. Seitdem die Regierung in Kiew beschlossen hat, die zivile Wirtschaft »auszukämmen« – so hieß das in Zeiten, von denen man in Deutschland dachte, sie seien gut 80 Jahre her – mit dem Ziel, 300.000 potentielle Soldaten für das immer hungrige Militär lockerzumachen, haben die Müllmänner ihre bisher pauschal gewährte Freistellung von der Einberufung verloren. Und haben beschlossen, zu zeigen, wie »kriegswichtig« sie an der Müllfront sind: Sie erscheinen einfach nicht mehr zur Arbeit, und in der Stadt türmt sich der Abfall auf den Straßen.
Die Müllabfahrer blieben einfach zu Hause und trauten sich nicht mehr auf die Straße, klagen die städtischen Behörden. Denn dort streifen die Greifkommandos der Wehrersatzämter umher und schanghaien jeden, der wie ein Mann im wehrfähigen Alter aussieht. Und mehr noch: Anstatt in die Geschäfte zu gehen und sich beim Einkaufen »mobilisieren« zu lassen, bestellten sie ihr Essen bei Lieferdiensten. Mit einem doppelten Ergebnis: Sie selbst bleiben unsichtbar, und durch die vermehrte Produktion von Verpackungsmüll wird ihre Unentbehrlichkeit erst recht sichtbar. Sage niemand, in der Westukraine seien die Leute national verblödet. Sind sie zwar, aber nur so lange, wie es sie nicht selbst betrifft.
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