Der Streitbare
Von Georg Quaas
Am 3. März 2026 verstarb einer der aktivsten marxistischen Autoren Deutschlands, Klaus Müller, nach langer, schwerer Krankheit im Alter von 81 Jahren. Bis zuletzt stritt er publizistisch für eine korrekte Interpretation der Marxschen ökonomischen Theorie. In seinem vorletzten großen Buch von 2024 mit dem blumigen Titel »Steile Pfade, lichte Höhen« fächerte er eine breite Palette der theoretischen Probleme marxistischer Wirtschaftstheorie auf und markierte dabei seinen eigenen Standpunkt. Dabei kam es ihm nicht so sehr darauf an, recht zu behalten, sondern »hinter die Kulissen des real existierenden Kapitalismus des 21. Jahrhunderts« zu schauen. Von diesem Bestreben sind auch seine anderen Bücher, Zeitschriften- und Zeitungsartikel geprägt, deren Zahl die 500 übersteigt. Bekanntlich sind einige davon auch in dieser Zeitung erschienen. Kurze, knackige Titel wie »Geld«, »Profit«, »Lohnarbeit und Arbeitslohn«, »Boom und Krise« sind typisch für seine Applikation marxistischer Theorie auf Themen des gegenwärtigen Kapitalismus. Aber auch sogenannte seriöse Lehr- und Übungsbücher mit Titeln wie »Mikroökonomie« und »Buchführung« entstammen seiner Feder.
Klaus Müller wurde am 10. August 1944 in einem erzgebirgischen Ort mit dem Namen Ursprung geboren. 1963 legte er in Stollberg/Erzgebirge das Abitur ab. Nach dem Studium der Finanzökonomik und Außenwirtschaft wurde er 1973 an der Berliner Hochschule für Ökonomie Bruno Leuschner über ein energiewirtschaftliches Thema promoviert. 1978 habilitierte er sich über Theorien der Einkommensverteilung an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Von 1972 bis 1991 lehrte Müller an der Sektion Wirtschaftswissenschaften der Technischen Hochschule Karl-Marx-Stadt (heute: Chemnitz). 1984 erlebte er seinen beruflichen Höhepunkt, als er zum Professor für Politische Ökonomie berufen wurde. Der Beitritt der DDR zur Bundesrepublik hatte für ihn – wie für viele Marxisten – die vorzeitige Abberufung und Entlassung zur Folge. An der Berufsakademie Sachsen (seit 2025: Duale Hochschule Sachsen) fand Müller als Bereichsleiter und freiberuflicher Dozent für Betriebs- und Volkswirtschaftslehre ein neues Betätigungsfeld.
Neben seiner zeitaufwendigen Tätigkeit als Dozent war Klaus Müller immer damit beschäftigt, das nächste Buch oder den nächsten Artikel zu schreiben – nicht ohne die tatkräftige Unterstützung seiner Ehefrau Ursel. Der Autor dieser Zeilen durfte sich über viele Jahre einer freundschaftlichen Verbundenheit mit Klaus Müller erfreuen, die beide nutzten, um in Hunderten E-Mails über die Marxsche Werttheorie zu diskutieren. Ohne Übertreibung darf man sagen, dass wir bei dem Versuch, den jeweils anderen von der richtigen Interpretation einer Kernthese der Arbeitswerttheorie zu überzeugen, bis an die Grenzen der Rationalität und des unter Freunden Zumutbaren gegangen sind.
Einig waren wir uns in der Ablehnung der sogenannten Neuen Marx-Lektüre (Michael Heinrichs großangelegte und international erfolgreiche Marx-Interpretation) und der Vereinnahmung der ökonomischen Theorie von Karl Marx durch die neoricardianische Schule (Piero Sraffas Theorie der Warenproduktion). Von seinem engeren Kollegenkreis wird vor allem Müllers Versuch, die Marxsche Geldtheorie auf das moderne zweistufige System der Geldwirtschaft anzuwenden, als herausragende Leistung hervorgehoben, die systematisch in eine nahezu enzyklopädische Gesamtdarstellung der »Geldtheorien: Vom Altertum bis zur Neuzeit« – so heißt sein letztes Buch – eingebettet ist. Klaus Müller wird vielen Menschen als kluger, prinzipienfester und streitbarer Marxist in Erinnerung bleiben.
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