»Wenn wir fertig sind, übernehmt eure Regierung«
Von Knut Mellenthin
Der von Donald Trump und Benjamin Netanjahu seit mehreren Wochen immer wieder angedrohte Angriff auf Iran, die logische und voraussehbare Fortsetzung des unvollendet abgebrochenen Zwölftagekrieges im Juni vorigen Jahres, hat begonnen. »Israel hat einen Präventivschlag gegen Iran gestartet, um die Bedrohungen Israels auszuschalten«, verkündete Verteidigungsminister Israel Katz am Samstag morgen. Aus zunächst inoffiziellen, inzwischen bestätigten Aussagen wurde schnell eindeutig, dass es sich um eine gemeinsam geplante und durchgeführte Aktion der USA und Israels handelt.
Von US-amerikanischer Seite wird sie »Operation Epic Fury« genannt. Die US-Streitkräfte hatten seit der letzten Januarwoche im Mittleren Osten die größte Militärkonzentration seit dem Überfall auf Irak im März 2003 zusammengezogen. In den letzten Tagen war diese Streitmacht durch Kampf- und Auftankflugzeuge, die in Israel stationiert sind, verstärkt worden.
Die erste Angriffswelle richtete sich gegen eine Vielzahl von Zielen. Explosionen wurden unter anderem aus der Hauptstadt Teheran sowie aus den Städten Isfahan, Täbriz, Kermanschah, Qom, Ilam und Karadsch gemeldet. Auch Buschehr am Persischen Golf wurde angegriffen, ohne dass über die Auswirkungen zunächst etwas bekannt wurde. Dort befindet sich das einzige Strom erzeugende Atomkraftwerk des Landes, das in Kooperation mit Russland gebaut wurde. Israels Streitkräfte haben nach eigenen Angaben in den ersten Stunden des Krieges Hunderte militärische Ziele, darunter auch Abschussanlagen für Raketen, angegriffen. Lokale iranische Beamte in der Provinz Hormozgan berichteten zudem, dass bei einem Angriff auf eine Grundschule für Mädchen in der südiranischen Stadt Minab mindestens 53 Schülerinnen getötet und mehrere weitere verletzt wurden.
Casus Belli fabriziert
US-Präsident Trump begründete und erläuterte die Wiedereröffnung des Krieges kurz nach Beginn der ersten Angriffe. »Unser Ziel ist, das amerikanische Volk zu verteidigen, indem wir die unmittelbaren Bedrohungen durch das iranische Regime eliminieren«, sagte er in einer Videobotschaft. Er beschuldigte die Islamische Republik, ihre während des Junikriegs 2025 weitgehend unbrauchbar gemachte Nuklearindustrie, insbesondere die zentralen Anlagen zur Anreicherung von Uran, wiederaufbauen zu wollen, und Interkontinentalraketen zu entwickeln, mit denen Iran fähig würde, die USA und ihre Verbündeten anzugreifen. Tatsächlich wird dieses Gerücht aber von internationalen Experten für unrealistisch gehalten. Teheran beschränkt sich, um die Aggressionsmotive der USA zu mindern, auf Mittelstreckenraketen mit einer Reichweite von weniger als 3.000 Kilometer und würde mindestens mehrere Jahre benötigen, um daran etwas zu ändern. Die mittlere Entfernung vom Iran bis zur Ostküste der USA liegt bei etwa 9.500 – 10.000 Kilometer.
In seiner ersten Videobotschaft – zur Nachtzeit in den USA – sagte Trump außerdem: »Wir werden sicherstellen, dass Iran keine Atomwaffen erhält« – ohne dass Anhaltspunkte bekannt sind, dass die Islamische Republik das überhaupt anstrebt. Die iranische Führung hat im Gegenteil seit Jahrzehnten viele Male versichert, dass Produktion, Erwerb und erst recht der Einsatz von Atomwaffen in ihrer Militärdoktrin nicht vorgesehen sind. Trotzdem warf Trump am Dienstag in seiner Rede zur Lage der Union dem Iran vor, er habe aus Teheran noch nie den Satz »Wir wollen keinesfalls jemals Atomwaffen« gehört. In Wirklich hatte Außenminister Abbas Araghtschi wenige Stunden vorher fast genau diesen Satz auf X geposted.
Und weiter: »Wir werden ihre Kriegsflotte vernichten. Wir werden ihre Raketen zerstören und ihre Raketenindustrie dem Erdboden gleichmachen«. Die Islamischen Revolutionsgarden forderte Trump zur Kapitulation auf: »Ihr solltet eure Waffen niederlegen. Ihr werdet fair mit totaler Immunität behandelt werden, oder euch steht mit Sicherheit der Tod bevor.«
Der US-Präsident beendete die Ansprache mit einem Appell an »das große, stolze Volk Irans. Heute Nacht sage ich, dass die Stunde eurer Freiheit nahe ist. Bleibt in Deckung. Verlasst eure Wohnung nicht. Draußen ist es sehr gefährlich, überall werden Bomben fallen. Wenn wir fertig sind, übernehmt eure Regierung. Es liegt bei euch, diese einzige Chance für Generationen zu ergreifen.«
Der Zusammenbruch der Herrschaftsstrukturen der Islamischen Republik ist offensichtlich und ausdrücklich erklärt das oberste Kriegsmotiv und -ziel der heute morgen begonnenen gemeinsamen Militäroperation der USA und Israels. Schon die erste israelische Angriffswelle richtete sich unter anderem gegen vermutete Aufenthaltsorte und die bekannten Arbeitsplätze von »Revolutionsführer« Ali Khamenei und Präsident Masud Peseschkian.
Gegen Mittag behauptete der israelische Privatsender Channel 12 ohne Zuweisung an eine auch nur vage einzuordnende Quelle, dass es beim Ziel, die iranische Führung zu eliminieren, »sehr große Erfolge« gegeben habe. »Israel« sei mit den Ergebnissen »sehr zufrieden«. Im Einzelnen wurden laut Gerüchten israelischer Medien der Kommandeur der Revolutionsgarden, Mohammad Pakpour, Irans Verteidigungsminister und der Chef des Nachrichtendienstes – unklar blieb zunächst, von welchem Dienst genau die Rede war – getötet.
Teherans Vergeltung
Iran hatte in den vergangenen Wochen auf die ständigen US-amerikanischen und israelischen Kriegsdrohungen mit der Ankündigung einer »zerschmetternden Antwort« reagiert. Vor allem hieß das, dass alle US-Stützpunkte, militärischen Anlagen und Waffensysteme in der Region als »legitime Ziele« behandelt würden, falls es zu Aggressionen käme. Tatsächlich meldete die staatliche iranische Nachrichtenagentur IRNA am Samstag vormittag Angriffe auf Stützpunkte der USA in Katar, Kuwait, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Bahrain. Aus diesen Ländern sowie aus der saudi-arabischen Hauptstadt Riad wurden Explosionen gemeldet. Diese können aber auch durch die Luftabwehr ausgelöst worden sein.
Mehrere Länder, darunter auch Katar, das gute Beziehungen zum Iran unterhält, und die Emirate, meldeten die »erfolgreiche« Zerstörung anfliegender Raketen. Explosionen gab es auch in Nordisrael. In einer ersten Welle von Vergeltungsschlägen schossen die iranischen Streitkräfte 125 Raketen ab, von denen 35 den israelischen Luftraum erreichten und die anderen vorher von der Luftabwehr abgefangen wurden, teilte das Militär mit.
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