Niederländer unter sich
Von Gabriel Kuhn
Die Niederlande sind ein Land der Eisschnelläufer. 20 Medaillen holten sie bei den Olympischen Winterspielen im Februar. Da zehn davon in Gold waren, landete das Land im Medaillenspiegel auf Rang drei, vor Deutschland oder Schweden.
Doch wenn es in den Niederlanden um Eisschnellauf geht, geht es nicht nur um olympische Medaillen. Der Eisschnellauf ist ein Volkssport. Besonders populär sind Langstreckenrennen auf Natureis, bei denen bis zu 200 Kilometer zurückgelegt werden. Jährlich gibt es eine Gesamtwertung für diese Rennen. Der Haken ist nur: Schon lange finden die Rennen nicht mehr in den Niederlanden statt. Es ist zu warm. Der Klimawandel macht auch vor den Kanälen nicht Halt.
Das populärste Langstreckenrennen ist die Elfstedentocht, die »Elf-Städte-Tour«, durch Friesland. Sie lief zum letzten Mal 1997 vom Stapel. Auch in den Jahren zuvor fiel das erstmals 1909 durchgeführte Rennen immer wieder aus, so dass man bereits in den 80er Jahren nach einer Alternative suchte. Fündig wurde man in Österreich. Der Weißensee in Kärnten liegt hoch genug, um verlässlich zuzufrieren, und bietet mit einer Länge von zwölf Kilometern gute Voraussetzungen, um Langstreckenrennen als mehrfaches Hin und Her durchzuführen. 1989 kam es auf dem See, der auch aus dem James-Bond-Film »Der Hauch des Todes« bekannt ist, zur ersten »Alternativen Elfstedentocht«. Mittlerweile ist die Alternative Programm. Jedes Jahr im Januar finden Rennen über 50, 100 und 200 Kilometer statt.
Seit neun Jahren gibt es eine weitere Ausweichstätte für die niederländischen Langstreckenläufer, und zwar in Luleå im Norden Schwedens. Hier wird Ende Februar pittoresk von Hafen zu Hafen gelaufen, denn das Meer friert zu. Die Einheimischen zeigen freilich wenig Interesse, obwohl sich die Veranstalter mit einem ambitionierten Rahmenprogramm bemühen: Hundeschlittenfahrten, Schneeballkämpfe, Wintermarkt. Auch am Weißensee zieht das »Pond-Hockey-Turnier« der Promis nur mäßig. In diesem Jahr dabei: Eintracht-Frankfurt-Kultverteidiger Martin Hinteregger, der nicht weit vom See aufgewachsen ist.
Wer im Internet nach Informationen zu den Rennen am Weißensee und in Luleå sucht, sollte besser Niederländisch können. Hat man Glück, taucht irgendwas auf englisch auf. Deutsch oder Schwedisch? Fehlanzeige. Aber das Zielpublikum ist eindeutig. Gut 5.000 Niederländer sind bei den Rennen vor Ort, das niederländische Fernsehen berichtet live. Die Renntage am Weißensee gelten als größtes Eissportevent der Welt. Der Organisator Hendrik-Jan van den Bogaart behauptet sogar, dass dort jährlich »das größte holländische Dorf außerhalb Hollands« entsteht. Dagegen werden allerdings die Jan-Verstaapen-Fans der »Orange Army« etwas einzuwenden haben. Alleine beim österreichischen Grand Prix in Spielberg sind sie bis zu 30.000 Personen stark.
Ganz aufgegeben hat man die Elfstedentocht in den Niederlanden übrigens noch nicht. Sobald es einige Tage lang richtig kalt ist, kommt jeden Winter Hoffnung auf. Mindestens 15 Zentimeter muss das Eis auf der ganzen Strecke dick sein, sonst ist das Rennen nicht durchführbar. Nahe dran war man zuletzt 2012. Das ganze Land befand sich bereits im sprichwörtlichen »Elfstedenkoorts«, dem »Elf-Städte-Fieber« – doch dann wurde es doch wieder zu warm und man musste sich mit dem See in Kärnten begnügen.
So dramatisch wie beim Original kann es dort nicht werden. 1963 kamen in Friesland von über 9.000 gestarteten Läufern ganze 69 ins Ziel. Es war arschkalt und Sturmböen peitschten den Teilnehmern den Schnee ins Gesicht. Der Sieger, Reinier Paping, wurde zum Nationalhelden.
Dafür gibt es auf dem Weißensee keine Kontrollpunkte, die man versäumen kann. 1997 ließ der olympische Goldmedaillengewinner Piet Kleine an einem Kontrollpunkt seine Karte nicht stempeln. Dass Videoaufnahmen belegten, dass er den Kontrollpunkt passiert hatte, half nichts. Kleine wurde trotzdem disqualifiziert, bei der Traditionspflege ist man nicht zimperlich. Beleg: Als Wettkampfläuferinnen dürfen Frauen bei der Elfstedentocht erst seit 1985 teilnehmen.
Eventuelle Vorteile bieten die Alternativen im Ausland für Geschwindigkeitsfanatiker. Auf den Runden am Weißensee lässt sich mit bis zu 60 Kilometern pro Stunde laufen. Der Rekord für 200 Kilometer liegt bei knapp über fünf Stunden.
2006 unterzeichneten die niederländischen Veranstalter mit den Zuständigen in Österreich einen Vertrag, der ihnen für weitere 100 Jahre das Recht auf die Durchführung der »Alternativen Elfstedentocht« am Weißensee einräumt. War das voreilig? Ganz sicher ist das mit dem Eis auch am Weißensee nicht mehr. In diesem Jahr war die Lage so prekär, dass der eigentlich schon pensionierte, langjährige Eismeister Norbert Jank reaktiviert werden musste. Er kennt das Eis am besten. Die Rennen ließen sich dank seiner Hilfe durchführen.
Am vergangenen Wochenende krönten sich in Luleå Veerle van Koppen (Damen) und Daan Gelling (Herren) zu den Gesamtsiegern der Langstreckentour 2026. Auch wenn es sonst kaum jemand gemerkt hat: In den Niederlanden eine große Sache!
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