junge Welt - 2 Wochen gratis testen!
Gegründet 1947 Montag, 20. April 2026, Nr. 91
Die junge Welt wird von 3063 GenossInnen herausgegeben
junge Welt - 2 Wochen gratis testen! junge Welt - 2 Wochen gratis testen!
junge Welt - 2 Wochen gratis testen!
Aus: Ausgabe vom 06.03.2026, Seite 5 / Inland
Tarifverhandlungen Sana-Kliniken

Klinikkonzern liefert Luftnummer

Sana-Kliniken bieten null Prozent, aber fordern flexibleres Arbeiten. Besuch der Streikdemonstration in Berlin-Lichtenberg
Von Osa Udushesheri
IMG_4950-onl.jpg
Kämpferisch und streikbereit: Die Belegschaft des Sana-Klinikums Lichtenberg (Berlin, 4.3.2026)

Mittwoch morgen vor den Toren des Sana-Klinikums Berlin-Lichtenberg und immer wieder ertönt »Heute ist kein Arbeitstag, heute ist Streiktag.« Unmut liegt in der Luft, die gelben Verdi-Westen füllen den Platz. »Das Angebot ist eine Frechheit. Null Prozent – das geht gar nicht«, antwortet eine Pflegekraft auf die Frage, warum sie streikt. In der Konzernzentrale von Sana in München wird lieber von »flexiblem Arbeiten« geredet, als auch nur einen Schritt auf die Beschäftigten zuzugehen. »Flexibles Arbeiten« bedeutet »länger arbeiten, flexibler planen, öfter einspringen«, ist auf einem Flyer der Gewerkschaft Verdi zu lesen. »Wir fordern 8,6 Prozent mehr Lohn, mindestens 350 Euro mehr und 150 Euro mehr für Auszubildende. Dafür legen wir heute die Arbeit nieder«, teilt eine streikende Pflegekraft mit. Die Streikdemonstration beginnt am Krankenhaus und verläuft dann durch Berlin-Lichtenberg. Die Beschäftigten greifen zu Trillerpfeifen und Trommeln, um auf sich aufmerksam zu machen und den Druck auf ihren Chef Thomas Lemke zu erhöhen.

Schätzungsweise 200 Beschäftigte beteiligen sich am Mittwoch morgen an der Streikdemo, es sind vor allem Frauen. Es werde »in allen Abteilungen gestreikt, das Krankenhaus läuft mit Mindestbesetzung« unterstreicht eine Kollegin auf Nachfrage. »Im Klima von Krieg im Nahen Osten und den steigenden Benzinpreisen ist dieses Angebot eine besondere Frechheit«, sagt ein Redner und ordnet die Luftnummer der Konzernführung in die aktuelle Weltlage ein. »Skrupellos, Abwertend, Nullangebot«, steht auf dem Schild einer Streikenden. »Alles wird teurer: Lebensmittel, Sprit, die Wohnung. Wir können uns nichts mehr leisten. Es braucht einen Inflationsausgleich – jetzt«, fordert verzweifelt eine Kollegin im Gespräch mit jW.

Nicht nur das Nullangebot der Konzernführung sorgt für Unmut. »Die Arbeitsbedingungen bei Sana in Lichtenberg sind schlecht, es fehlt an Personal«, beklagt eine Pflegekraft, die im Bereich der inneren Medizin arbeitet, gegenüber junge Welt. Eine Hebamme ergänzt: »Ohne gute Arbeitsbedingungen keine guten Geburten.« Den Beschäftigten geht es um mehr als nur eine Gehaltserhöhung. »Unsere Kollegen und Kolleginnen brennen aus, weil sie die Arbeit von zwei bis drei Personen alleine machen müssen, das sind unhaltbare Zustände, dabei sind wir es, die Tag für Tag den Laden am Leben halten«, kritisiert eine Pflegekraft den Gesundheitskonzern Sana. »Vor ein paar Jahren waren wir systemrelevant, heute ist von dieser Systemrelevanz nichts mehr zu spüren.« Und sie legt nach: In München sei »diese Systemrelevanz wohl nicht angekommen«.

Eine Passantin solidarisiert sich mit den Streikenden: »Ich habe Empathie für die Streikenden, mein Kind wurde im Sana-Klinikum geboren.« Die Bundesvorsitzende der Linkspartei Ines Schwerdtner kam aus dem Bundestag zu Besuch und zeigt sich solidarisch. »Jede Pflegekraft leistet mehr als Politiker und Politikerinnen. Ihr verdient unsere Solidarität«, macht sie klar und verabschiedet sich, das Tagesgeschäft im Bundestag ruft. Aussagekräftiger ist die Rede des Stadtteilkomitees Lichtenberg. »Was hier passiert, ist kein isolierter Konflikt, sondern Ergebnis politischer Entscheidungen. Krankenhäuser werden wie Unternehmen geführt, Gesundheit wird zur Ware gemacht«, kritisiert Lisa vom Stadtteilkomitee die Gesundheitspolitik der BRD. »Pflege ist Sorgearbeit. Diese Arbeit wird schlecht bezahlt, unsichtbar gemacht und überlastet. Dabei ist sie das Fundament unseres Zusammenlebens«, führt sie weiter aus. »Eure Forderungen sind gerecht. Die Nachbarschaft in Lichtenberg steht solidarisch an eurer Seite. Denn euer Kampf ist unser Kampf. Nicht nur heute. Sondern so lange, bis sich etwas verändert.« Ob sich im Verhandlungsprozess bei der Konzernführung von Sana ändert, bleibt abzuwarten. Am Donnerstag gingen die Tarifverhandlungen weiter. Ein Ergebnis war bis Redaktionsschluss nicht bekannt. Die Warnstreiks, die ebenfalls am Donnerstag fortgesetzt wurden, machten deutlich: Die Beschäftigten weichen nicht von ihren Forderungen ab und sind streikbereit.

Probeabo

Sie lügen wie gedruckt. wir drucken, wie Sie lügen.
Jetzt 2 Wochen gratis lesen – das Probeabo endet automatisch!
 

links & bündig gegen rechte Bünde

Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.

Ähnliche:

  • Christa Mayer: »Psychiatrie – Mensch und Hase« (1994)
    25.02.2026

    Eine heikle Sache

    Eine umfassende Retrospektive der fotografischen Arbeiten der Psychologin Christa Mayer im Haus am Kleistpark
  • Wohin mit all den Verletzten und Toten im Kriegsfall? Bundeswehr...
    31.01.2026

    Gesellschaft bei Fuß!

    Zugriff auch auf die Verkehrsinfrastruktur und die Gesundheitsversorgung: Mit dem »Operationsplan Deutschland« will die BRD wieder »kriegstüchtig« werden

Regio: