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Aus: Ausgabe vom 04.03.2026, Seite 2 / Inland
Kampagne »Kufiyas in Buchenwald«

Warum ist Buchenwald kein geeigneter Ort?

Aktionen der Palästina-Solidarität sollten nicht am Jahrestag der Befreiung in der Gedenkstätte stattfinden, sagt Katinka Poensgen
Interview: Marc Bebenroth
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Für den hier hinterrücks von den Nazis ermordeten KPD-Führer Ernst Thälmann wurde 1953 in der Gedenkstätte Buchenwald eine Gedenkplatte angebracht (bei Weimar, 6.4.2025)

Als Enkelin eines Kommunisten, der das KZ Buchenwald überlebte, ­führen Sie Schulklassen durch das Gelände. Welche Erfahrungen ­machen Sie dabei?

Ich mache die Rundgänge überwiegend mit Schulklassen aus Hessen, weil ich selbst aus Frankfurt bin, und überwiegend auf den Spuren meines Großvaters Karl Vögtel, der sieben Jahre lang Häftling in Buchenwald war. Die Schülerinnen und Schüler arbeiten mit, fragen nach und setzen sich mit dem Ort auseinander. Auf dem Gelände der Gedenkstätte gibt es leider immer wieder Leute, die sich unbeobachtet fühlen und sich beispielsweise vor den alten Verbrennungsöfen mit Hitlergruß fotografieren. In den Gästebüchern werden Hakenkreuze gemalt. 99 Prozent der Übergriffe und Angriffe kommen von Rechtsaußen.

Die aktuelle Debatte dreht sich dagegen um Aktionen und Kritik der Palästina-Solidaritätsbewegung.

Dazu muss ich sagen: Es gibt kein pauschales Verbot des Tragens einer Kufija. Wenn eine Schülerin mit palästinensischen Wurzeln ein solches Tuch trägt, würde ich ihr nie sagen, sie müsse das ablegen. Deswegen ärgert mich auch diese Kampagne so …

Die Kampagne »Kufiyas in Buchenwald«. Sie fordert das Ende eines solchen Verbots und bereitet eine Aktion zum kommenden Jahrestag der Befreiung vor, dem 11. April.

Diese Bildungseinrichtung macht an 364 Tagen im Jahr antifaschistische Basisarbeit. Durch die Kampagne wird es meiner Ansicht nach so dargestellt, als würde die Gedenkstätte den Schwur von Buchenwald verraten. Und alles macht sich an einem einzigen Vorfall fest, als eine Person letztes Jahr beim Gedenktag ein Hausverbot bekommen hatte. Sie hatte als Mitglied der »K. O.« (Kommunistische Organisation, jW) den Angriff aus Gaza auf Israel vom 7. Oktober 2023 gefeiert.

Ist eine offene Thematisierung des Völkermords in Gaza in der Gedenkstätte nicht denkbar?

Sobald das aus der Schulklasse kommt, diskutieren wir das und ordnen es gemeinsam ein. Ich zähle mich auch zu den mit Palästina solidarischen Menschen. Aber am Tag des Gedenkens geht es vor allem darum, die wenigen noch überlebenden Häftlinge zu schützen.

Wovor?

Das sind traumatisierte Menschen. Ein Beispiel: Naftali Fürst war als 12jähriger auf dem Todesmarsch von Auschwitz nach Buchenwald und ist dort im Januar 1945 angekommen. Heute lebt er in Israel, hat 60 Jahre lang seinen Schwur befolgt, nie wieder Deutsch zu sprechen und nie mehr hierherzukommen. Seit 20 Jahren aber kommt er zu den Feierlichkeiten zur (Selbst-)Befreiung und geht in Schulklassen. Seine Enkelin war mit ihrem zweijährigen Sohn in einem der Kibbuzim, die am 7. Oktober überfallen wurden. Sie hat überlebt, weil sie sich verstecken konnte. Ihre Schwiegereltern nicht. Diesen Konflikt in die Gedenkstätte tragen zu wollen ärgert mich auch deswegen so, weil ich denke, wir haben echt andere Probleme in diesem Land.

Was sind diese Probleme?

Protestieren könnte man vor dem Bundesamt für Ausfuhrkontrolle, das fast jeden deutschen Rüstungsexport genehmigt. Oder die AfD: Am 4. Juli findet in Erfurt deren Bundesparteitag statt, auf den Tag genau 100 Jahre nach dem NSDAP-Parteitag in Weimar. Wenn man sich antifaschistisch in Thüringen engagieren will, sollte der Schwerpunkt die Verhinderung des AfD-Parteitags sein.

Die Aktivisten sagen: Damals wurde ein Völkermord durch Deutsche verübt, und heute unterstütze eine deutsche Regierung wieder einen.

Das kann ich nachvollziehen. Aber dann sollte der Demonstrationsort nicht die Gedenkstätte Buchenwald am Jahrestag der Befreiung sein, sondern der Sitz der Bundesregierung. In diesem Jahr ist der Widerstand Themenschwerpunkt in der Gedenkstätte. Bei der Eröffnung der Veranstaltungsreihe ging es um Nohra, das erste KZ in Thüringen. Dort saßen ausschließlich Kommunisten ein. Ich fürchte, die von der Kufija-Kampagne bekommen gar nicht mit, was hier alles stattfindet.

Ist das eine Einladung, öfter vorbeizukommen?

Eine Einladung, auch diese Veranstaltungen mal zu besuchen. Ich habe mir diese Kampagne angesehen und wüsste gern, wann und wo deren angekündigte Konferenz stattfinden soll. Da würde ich gern mit den Leuten ins Gespräch kommen. Das gilt für alle, die auf der Basis der Menschenrechte stehen und den Schwur von Buchenwald so interpretieren, dass wir heute alles daran setzen müssen, die Nazis aufzuhalten.

Katinka Poensgen ist freie Mitarbeiterin der Gedenkstätte Buchenwald und führt regelmäßig Schulklassen durch das Areal des ehemaligen deutschen KZ

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  • Leserbrief von Ingrid Schiborowski aus Hagenow (6. März 2026 um 14:40 Uhr)
    Auch unser Vater war Häftling in einem Konzentrationslager. Nicht in Buchenwald, sondern in Sachsenhausen. Auch er wurde auf dem mörderischen Todesmarsch von Sachsenhausen bis nach Schwerin von den faschistischen Schergen getrieben.
    Wir aber sind der Meinung, dass Palästina-Solidarität sehr wohl auch in Buchenwald möglich sein muss. Die faschistischen deutschen Konzentrationslager stehen für die furchtbaren Verbrechen, die an Menschen aus allen Ländern, die das faschistische Deutschland mit Krieg überzogen hat, begangen wurden. Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus, das war das Motto der Häftlinge, die diese furchtbaren Konzentrationslager überlebt hatten. Das dürfen wir nie vergessen.
    Der Staat Israel hat seit seiner Gründung den Palästinensern kaum Raum zum Leben gelassen. Die Bombardierung Gazas und des Westjordanlandes durch Israel, hat den dort lebenden Menschen die völlige Zerstörung ihrer Heimat gebracht und über 40.000 Tote haben sie zu beklagen. Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus gilt nicht nur für Deutschland, sondern weltweit.
    Wenn in diesem Jahr das Schwerpunktthema Widerstand in Buchenwald ist, dann gehört auch die Solidarität mit den palästinensischen Menschen dazu. Und was die Aussage Katinka Poensen betrifft, »Ich fürchte, die von der Kufija-Kampagne bekommen gar nicht mit, was hier alles stattfindet« sehe ich ganz anders. Warum sollten sie denn sonst sich auf den Weg nach Buchenwald gemacht haben?
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Thomas Zmrzly aus Duisburg (5. März 2026 um 14:47 Uhr)
    Warum ist die junge Welt der geeignete Ort für diese Art von Interview? Katinka Poensgen bezeichnet sich als palästinasolidarisch, aber offensichtlich reicht ihr der Vorwurf, »den Angriff aus Gaza auf Israel vom 7. Oktober 2023 gefeiert« zu haben, schon, um sich zu entsolidarisieren und ein Hausverbot zu legitimieren. Da ist es mit Palästinasolidarität nicht weit her. Man kann ja schon fast dankbar sein, dass sie nicht vom »schrecklichen Terroranschlag« oder vom »Hamas-Massaker« spricht. Sie behauptet: »Durch die Kampagne wird es meiner Ansicht nach so dargestellt, als würde die Gedenkstätte den Schwur von Buchenwald verraten.« Hat sie mal einen Blick auf die Website dieser Gedenkstätte geworfen, für die sie da arbeitet und die sie verteidigt, und sich angeschaut, was da zum Schwur von Buchenwald steht? Dort heißt es, der Schwur sei »entsprechend den Zielsetzungen kommunistischer Häftlinge umformuliert« worden und stehe für »die Durchsetzung kommunistischer Herrschaft.« Sie behauptet: »In diesem Jahr ist der Widerstand Themenschwerpunkt in der Gedenkstätte.« Auf der Website der Gedenkstätte wird die Selbstbefreiung von Buchenwald stets als »vorgebliche« oder »behauptete Selbstbefreiung« bezeichnet, gerne auch in Anführungszeichen. Sie gilt als DDR-Mythos. Da muss man Frau Poensgen doch zurückfragen, ob sie als Kommunistin sicher ist, dass die Gedenkstätte wirklich an »364 Tagen im Jahr antifaschistische Basisarbeit« leistet, und nicht 364 Tage im Jahr antikommunistische Propaganda verbreitet. Und die junge Welt bleibt zu fragen, wieso sie meint, ihren Leserinnen und Lesern so einen haltlosen Quatsch präsentieren zu müssen. Und das auch noch ohne Einordnung oder Kritik.
  • Leserbrief von Verena Weisbecker (4. März 2026 um 19:16 Uhr)
    Ich als Tochter eines politischen Buchenwald-Häftlings, der zugleich auch rassisch verfolgt war (»Mischling 1. Grades«), kann nur sagen: Die Interviewte stellt die Sache falsch dar. So gibt es ein generelles Verbot, die Kufiya zu tragen, zumindest wird es als generelles Verbot gehandhabt. Auch mir wurde es im letzten Jahr sehr zum Befremden umstehender Besucher untersagt eine Kufiya zu tragen. Für mich war das Tragen der Kufiya als Halstuch in der Kälte aus gesundheitlichen Gründen sehr wichtig. Die Argumentation, es wäre ein Einzelfall gewesen, ist also allein durch mein Beispiel schon nicht stichhaltig. Ich selbst bin nirgendwo organisiert – insofern ist der Verweis auf eine unliebsame Organisation, ebenfalls nicht haltbar. Ich fand das Verhalten der Buchenwaldleitung bei der Gedenkfeier im letzten Jahr unerhört. Ja, ich finde, dass der Schwur von Buchenwald, den mein Vater geleistet hat, durch dieses Verhalten, angefangen von der Ausladung Herrn Boehms bis hin zum Schwenken israelischer Fahnen, nachdem gerade eben 15 Sanitäter abgeschlachtet worden waren, bis hin zu dem Antisemitismusvorwurf an die junge Spanierin, in den Schmutz getreten wird. Antifaschismus gilt nicht nur für die Vergangenheit, sondern erst recht für die Gegenwart und Zukunft. Gerade eine Gedenkstätte sollte dem Rechnung tragen. Deshalb kann und muss in Buchenwald das universale Menschenrecht, das sich im »Nie wieder für alle« manifestiert, Thema sein. Es kann und darf nicht sein, dass bestimmte Menschengruppen ausgeschlossen, ausgegrenzt werden, wie es in Buchenwald geschah und durch die »Handreichung« weiterhin geschieht. Universale Menschenrechte für alle!
  • Leserbrief von Thomas Caden aus Berlin (4. März 2026 um 18:13 Uhr)
    Eine Schande der jW – solch ein (unkommentiertes) Interview. Eine Frau, die sich von der Gesellschaft und der Gedenkstättenleitung vereinnahmen lässt. Schon ihr Ton gegenüber der Aktion »Kufiyas in Buchenwald« und deren Aktivisten zeigt ihre antikommunistische und zionistische Haltung. Ein Schwur hat nur einen Wert, wenn aus ihm die richtigen, auch aktuellen Lehren gezogen werden. Der Völkermord an den Juden in der Zeit des Faschismus in Deutschland und der Völkermord an den Palästinensern in der heutigen Zeit sind beide ein Genozid. Dies zu zeigen und zu benennen, muss gerade jetzt auch an Gedenkorten möglich sein, es ist sogar dringend erforderlich. Die Lehren aus der Geschichte zu ziehen, bedeutet vor allem die richtige Haltung und das solidarische Handeln in der heutigen Zeit. Deutschland und viele Deutsche, auch die Interviewte, haben nicht die Lehren aus der Zeit des Faschismus gezogen. Das sehen wir an der deutschen Unterstützung Israels und anderer faschistischer Regierungen. Deutschland ist mitschuldig an dem Völkermord an den Palästinensern. Leider müssen wir, statt dem Schwur von Buchenwald »Nie wieder Faschismus und Krieg« feststellen: Schon wieder Faschismus, auch in Deutschland und Israel selbst, schon wieder Krieg sowie Unterdrückung der Meinungsfreiheit. Mit den mahnenden Worten eines alten Juden aus Berlin, dessen Vater das Konzentrationslager überlebte.
  • Leserbrief von Philipp Kissel aus Frankfurt/Main (4. März 2026 um 10:39 Uhr)
    Frau Poensgen führt die Ansichten und Gefühle eines ehemaligen Häftlings an, um die Kampagne anzugreifen. Wir können ihre Aussagen nicht überprüfen. Und wir wissen gar nicht, wie der betroffene Mensch darüber denken würde, wenn er von der Kampagne erfahren würde. Wir wissen auch nicht, was er über das Leid der Palästinenser denkt. Es ist davon auszugehen, dass es unter den ehemaligen Häftlingen ganz verschiedene Sichtweisen gibt. Was ist mit den russischen Häftlingen, deren Vertreter ausgeschlossen werden? Was ist mit den Häftlingen, die sich als Internationalisten verstehen und gegen den Genozid an den Palästinensern sind? Das Gedenken an die Toten von Buchenwald findet nicht in einem unpolitischen Kontext statt und kann es auch gar nicht. Frau Poensgen thematisiert den »Konflikt«, wie sie es nennt, um damit zu sagen, dass er nicht in Buchenwald thematisiert werden dürfe. Das kann man nicht anders verstehen, als dass sie will, dass nur ihre Sichtweise zugelassen sein sollte. Denn dass Israel-Fahnen gezeigt werden, ist für sie vermutlich selbstverständlich. Das ist insofern unehrlich, als dass es nicht um eine wirkliche Auseinandersetzung damit geht, was dieser Ort und die Verbrechen, die dort verübt wurden, für uns heute bedeuten. Es ist der Versuch, durch eine emotionale Erpressung, Menschen, die Buchenwald als ihren Ort des antifaschistischen Kampfs verstehen, mundtot zu machen. Ihre Einstellung ist eindeutig. Von Völkermord in Palästina keine Rede, für Antifaschisten seien andere Sachen wichtiger. Mit Antifaschismus und mit Buchenwald habe das nichts zu tun. Für wen gelten die Lehren von Buchenwald? Nicht für Palästinenser? Und wenn er für bestimmte Menschen nicht gelten soll, ist er dann nicht ganz entwertet? Selbstverständlich ist er das, er ist pervertiert zu seinem Gegenteil. Das ist genau der Grund, warum es die Kampagne »Kufiyas in Buchenwald« gibt.
  • Leserbrief von Alexander S. aus Jena (4. März 2026 um 09:31 Uhr)
    Ich frage mich ernsthaft wie tief die junge Welt gesunken sein muss, um so einen gefährlichen Unsinn ohne kritische Einordnung abzudrucken. Nicht nur, dass die Gedenkstättenleitung seit Jahrzehnten Antikommunismus verbreitet, beispielsweise durch die Leugnung der Selbstbefreiung, der Diffamierung der DDR und des kommunistischen Widerstands, durch die Konstruierung des sowjetischen Speziallagers als zum KZ Buchenwald vergleichbare Struktur. Sie verhindert auch die Thematisierung der erneuten Komplizenschaft Deutschlands am Genozid: durch das Verbot der Tragen einer Kufiya, wobei immer wieder die Lüge wiederholt wird dass es sich dabei nur um Einzelfälle handle, durch Handreichungen, die gleich alle palästinensischen Nationalsymbole beim deutschen Faschismus verortet, und die entgegen Behauptungen immer noch nicht überarbeitet wurde, durch Sprachverbote zum Genozid an den Palästinensern, durch eine verachtenswerte Hetzkampagne gegen die Kampagne Kufiyas in Buchenwald. Doch laut Poensgen haben wir andere Probleme: die AfD. Dass nicht nur die AfD reaktionäre, genozidale Politik macht, verschweigt sie. Wohin die Waffenlieferungen gehen, die sie verhindern will, sagt sie nicht: unter anderem ins mörderische Israel, die BRD ist zweitgrößter Waffenlieferant. Sie verstrickt sich in Widersprüche, die die jW ohne kritische Nachfrage so hinterlässt. Poensgen entpolitisiert das Gedenken an das ehemalige KZ Buchenwald, fragt sich sogar, warum nicht woanders protestiert werden sollte — dabei ist Buchenwald einer der politischsten Orte in diesem Land, dessen Andenken massiv für die herrschende Politik, für Kriegskurs und Genozid, missbraucht wird, und um das wir kämpfen müssen, wenn wir den Schwur von Buchenwald ernst nehmen! Es graut mich bei dieser Positionierung vor Poensgens Führungen durch das ehemalige KZ und das, was sie Schulklassen mitgibt. Sie stellt sich durch ihre Argumentation in die Reihe mit unseren Gegnern, die über heutige deutsche Verbrechen nicht reden wollen.

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