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Aus: Ausgabe vom 03.03.2026, Seite 2 / Inland
Gewalt gegen Wohnungslose

Wie können Wohnungslose besser geschützt werden?

Menschen ohne festen Wohnsitz kommen in Studien zur Gewaltbetroffenheit meist nicht vor, kritisiert Paul Neupert
Interview: David Siegmund-Schultze
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Die Bundesregierung hat vor kurzem eine Erhebung zu Gewalt in Partnerschaften veröffentlicht. Was bleibt bei der Dunkelfeldstudie im Schatten?

Es wurde eine Stichprobe von Menschen befragt, die einen Hauptwohnsitz in Deutschland haben. Doch es gibt viele wohnungslose Menschen, die keine Meldeadresse haben und deswegen in der Studie nicht abgebildet werden können. In den Sozialwissenschaften ist es grundsätzlich ein Problem, empirische Erkenntnisse über wohnungslose Menschen, insbesondere Obdachlose, zu gewinnen. Dafür braucht es aufwendige Begleitstudien, bei denen man in Einrichtungen Fragebögen verteilt oder qualitative Interviews führt.

Welche Erkenntnisse haben Sie zur Gewalt gegen Wohnungslose, die in der Studie nicht zum Ausdruck kommen?

Seit 1989 dokumentieren wir Gewalt gegen Wohnungslose per Pressemonitoring. Hier erfassen wir aber nur die Fälle, zu denen publiziert wurde. Dabei unterscheiden wir zwischen Taten, die von wohnungslosen Tätern ausgehen, und denen, die von nicht wohnungslosen Tätern ausgehen, weil sie sich bezüglich ihrer Motive, Verläufe und der Schlussfolgerungen klar unterscheiden. Einerseits gibt es in vielen Unterkünften Probleme mit Gewalt zwischen Wohnungslosen. Das hat mit der fehlenden Privatsphäre und den knappen Ressourcen zu tun, um die es immer wieder Streit gibt. Andererseits werden Wohnungslose bewusst angegriffen, aufgrund von Hass und Vorurteilen. Sie werden gezielt als Opfer ausgesucht, um sich an denen, die in der sozialen Hierarchie als niedriger stehend angesehen werden, abzureagieren.

Was ist noch bekannt?

Wir wissen, dass Wohnungslose überaus häufig von Gewalt betroffen sind. Das hat damit zu tun, dass sie sich viel im öffentlichen Raum aufhalten müssen und deswegen keinen Schutzraum haben, in den sie sich zurückziehen können. Aus den wenigen Studien, die bisher dazu gemacht worden sind, ist außerdem bekannt: Je offensichtlicher die Obdachlosigkeit von Menschen, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass sie angegriffen werden. Menschen mit einer sichtbaren körperlichen oder psychischen Erkrankung sind noch mal häufiger betroffen. Von diesen wurde 82 Prozent im Laufe ihrer Wohnungslosigkeit schon Gewalt angetan.

Warum sind wohnungslose Frauen häufiger von partnerschaftlicher Gewalt betroffen?

Dass Frauen übermäßig oft von partnerschaftlicher Gewalt betroffen sind, ist schon lange bekannt, und das ist auch bei wohnungslosen Frauen so. Zum einen verlieren gerade sie ihre Wohnung, weil sie vor gewalttätigen Partnern fliehen. Zum anderen versuchen Frauen häufig, der akuten Obdachlosigkeit zu entgehen, indem sie bei Männern unterkommen, die ihnen eine Unterkunft bieten. Häufig sind das von Gewalt geprägte Abhängigkeitsverhältnisse, bis hin zu sexueller Ausbeutung – als Gegenleistung für das vermeintlich sichere Zuhause. Das gleiche Muster besteht auch auf der Straße: Zum Schutz vor Männern gehen manche Frauen eine Beziehung zu einem vermeintlich schützenden Begleiter ein, von dem dann nicht selten Gewalt ausgeht.

Was muss geschehen, um Wohnungslose besser zu schützen?

Zunächst einmal ist der beste Schutzraum die eigene Wohnung. Das ist unsere wichtigste Forderung – es muss ausreichend Wohnraum für alle geben. Jeder Mensch sollte die Möglichkeit haben, immer die Tür hinter sich zuziehen zu können, um sich sicher zu fühlen. Solange das nicht der Fall ist, muss es zumindest Unterkünfte geben, die ein geeignetes Maß an Privatsphäre und Sicherheit bieten. Das heißt, es braucht eigene Zimmer für alleinstehende Personen. Es gibt nach wie vor Unterkünfte, in denen zwei oder vier Menschen zwangsweise zusammenwohnen, mit all ihren persönlichen Problemen, die sie so haben. Für alleinstehende Frauen braucht es mehr Einrichtungen, in denen sie sich sicher fühlen können und in denen es Gewaltschutzkonzepte gibt. Das gleiche gilt für wohnungslose Frauen mit Kindern.

Wir fordern also bedarfsgerechte Unterbringungen für Wohnungslose und Zugänge zu Frauenhäusern, von denen es mehr braucht. Außerdem sollten in den Unterkünften menschenrechtliche Standards eingehalten werden, damit Wohnungslose diese auch annehmen.

Paul Neupert ist Fachreferent für Dokumentation und Statistik sowie Wohnen bei der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e. V. (BAG W)

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