»Wir tauchen unter Maschinen«
Von Max Grigutsch
Wer es schafft, auf einer Berliner Bühne über die Bewaffnung der Arbeiterklasse nachzugrübeln, verdient allein deswegen schon Lob. Wer es zur rechten Zeit in der echten Welt auf die Agenda setzt, verdient ungleich mehr. Den Arbeiterinnen und Arbeitern Chiles zwischen 1970 und 1973 gebührt diese Anerkennung. Organisiert in Cordones industriales, jenen unabhängigen Organen der arbeitsplatzbasierten Poder popular (Volksmacht) während der Präsidentschaft des Sozialisten Salvador Allende von der Unidad Popular, erkannten weite Teile der Werktätigen die anstehende Feuerprobe ihres vorsozialistischen Projekts. Salopp gesagt: »Sie werden uns alle umbringen, Genossin.« So bringt es jedenfalls das chilenische Kollektiv Tarea Urgente rund 55 Jahre später auf den Punkt. »Cordones Industriales« heißt das dokumentarische Theaterstück unter der Regie von Valeria Yáñez, das am Wochenende im Grünen Salon der Berliner Volksbühne vorgestellt wurde.
Am 11. September 1973 siegt in Chile die Reaktion. Das, was die organisierten Beschäftigten schon lange hatten kommen sehen, das, was sie mit der lange geforderten Bewaffnung der Klasse hätten verhindern wollen, wurde Realität. Mit Hilfe der USA übernahm der Oberbefehlshaber des Heeres, Augusto Pinochet, stellvertretend für inländische und internationale Kapitalfraktionen die Macht. Der vielleicht naive Traum eines chilenischen Weges zum Sozialismus wurde zu dem »Trauma«, das Anlass für die Inszenierung bot, wie die Mitglieder von Tarea Urgente nach der Berliner Erstaufführung am Donnerstag erklärten. Im Zentrum des Stückes stehen fünf Reinigungskräfte, die einen Ausweg aus ihren Arbeitsbedingungen suchen.
Der Unkenruf des gediegenen Theatergängers vorweg: Die Griffe und Kniffe sitzen augenscheinlich zunächst nicht perfekt, von Zeit zu Zeit leuchtet dem Publikum auch mal ein grelles Licht ins Gesicht, und mitunter müssen die fraglos phänomenalen, per Projektor zugeschalteten Aufnahmen aus Patricio Guzmáns Dokumentarfilm »La batalla de Chile« (Dreiteiler, 1975–1979) der Inszenierung die historische Tiefe geben. Inhaltlich kommt das Stück als reiches Gedeck politischer Phrasen daher. Interpretationsspielraum ade. Dass es um die »Macht der Arbeiter« geht, ist schon im voraus klar, wird mit entsprechenden Ansprachen nur wieder ins Gedächtnis gerufen. Auch der erwünschte Lerneffekt kommt plakativ zum Tragen: »Sind Sie eine Regierung der Arbeiter oder nicht?«, »Erst mal müssen wir diese unterwürfige Gewerkschaft loswerden«, und so weiter.
Aufhorchen durfte der Besucher hiesiger Schauspielhäuser zwischenzeitlich trotzdem, wenn es etwa geschmackvoll hieß: »Wir tauchen unter Maschinen und richten ganz Chile auf.« Reißerisch, aber deswegen nicht weniger wahr, auch die Gegenüberstellung »Diktatur des Proletariats oder Militärdiktatur«.
Es ist also ein Theaterstück der guten Laune. Ironie aus – ist es wirklich, oder genauer, wird es. Ein atmosphärischer Bruch vollzog sich zum Beispiel während der Darstellung eines gewerkschaftlichen Festes, an dem die Zuschauerinnen und Zuschauer im Saal mitwirken durften. Das Publikum dankte es den Mitwirkenden mit der Parole »La clase obrera es una y sin fronteras«.
Wer noch vor der darauffolgenden Nachbesprechung nach Hause gegangen ist, hat das meiste verpasst. Erst dann wurde ein Schuh draus. Ob das Stück ein Vorschlag ist? »Si!« In Chile werde es für Gewerkschaften, Schulen, überall aufgeführt. Während der Proteste 2019 hätte das Kollektiv das Stück auf 20 Minuten eingekürzt, um es mehrfach täglich an verschiedenen öffentlichen Orten aufzuführen. »Cordones Industriales« sei ein künstlerischer Beitrag, ein Appell, sich zu organisieren. Grund genug gibt es, wurde doch mit dem deutschstämmigen José Antonio Kast, Sohn des NSDAP-Mitglieds Michael Kast Schindele, jüngst ein Ultrarechter und Bewunderer Pinochets zum chilenischen Präsidenten gewählt.
Für sie sei die Fragerunde eine politische Versammlung, sagten die Mitglieder des Theaterkollektivs. Damit ändert sich auch der Charakter dessen, was anfänglich als eine etwas unbeholfene Exposition erschien. Die Vortragende vor einem Berliner Theaterpublikum wird Agitatorin vor einem Fabrikkomitee oder vor den Mitgliedern eines cordón industrial. Wer also ins Theater will, der gehe ins Theater. Wer etwas über die Jahre 1970 bis 1973 in Chile lernen will, der schlage ein Buch auf oder schaue direkt den dokumentarischen Dreiteiler von Guzmán. Tarea Urgente leistet mit »Cordones Industriales« etwas, das darüber hinausgeht. Der Traum möge zurückkehren, aber bitte nicht als Farce.
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