Die Kosten des »weißen Goldes« in Bolivien
Von John McAulay
Die Ortschaft Colcha »K« im bolivianischen Departamento Potosí erwacht mit der aufgehenden Sonne zum Leben. Es ist kurz nach sechs Uhr morgens, als die ersten Sonnenstrahlen die hohen Berge – alte, längst erloschene Vulkane – zu erleuchten beginnen, die diese kleine Stadt im Südwesten Boliviens umgeben. Am Fuße zweier langer, trockener Hänge gelegen, sind die traditionellen Backsteinhäuser mit Wellblechdächern die letzten, die das Sonnenlicht erreicht. Zu diesem Zeitpunkt sind die meisten Bewohner bereits aufgestanden. Eine von ihnen ist Gladys Caral. Die Luft ist kühl, obwohl es ein Sommermorgen im Februar ist, aber das macht ihr nichts aus. »Im Sommer nutzen wir die frühen Morgenstunden, um zu arbeiten«, erklärt sie.
Die Quinoaernte – das Aushängeschild der Provinz Nor Lípez, in der ein Teil der indigenen Lípez-Gemeinschaft seit Jahrhunderten lebt – steht ebenfalls kurz bevor. Das Ackerland, grün mit Reihen von Feldfrüchten, erstreckt sich über eine weite Ebene am Eingang des Dorfes zu beiden Seiten einer langen unbefestigten Straße, die Colcha »K« mit der Außenwelt verbindet. »In weniger als einem Monat wird alles vor Farbenpracht der Quinoa nur so strotzen«, sagt Gladys mit einem Funken Begeisterung in den Augen. Angesichts eines solchen Spektakels würde kaum jemand eine ungewisse Zukunft erwarten. Doch unter den Bewohnern breitet sich eine wachsende Besorgnis aus, da sie nicht wissen, wie lange sie noch hierbleiben können. Der Grund für diese Angst liegt nur wenige Kilometer entfernt: Inmitten der weißen Weite der salzigen Ebene von Uyuni – der größten Salzwüste der Welt – steht eine riesige Lithiumindustrieanlage.
Strategische Ressource
Bolivien verfügt über die weltweit größten Lithiumvorkommen. Unter der Salzwüste liegen 23 Millionen zertifizierte Tonnen des Rohstoffs verborgen. In den vergangenen Jahren ist die Nachfrage nach dem Mineral aufgrund seiner Schlüsselrolle bei der Herstellung von Batterien für Elektrofahrzeuge und bei der Speicherung von Energie aus erneuerbaren Quellen stark gestiegen, wodurch es zu einer strategischen Ressource für den sogenannten globalen ökologischen Wandel geworden ist. Aufgrund seines hohen Wertes wird es als »weißes Gold« bezeichnet. Zusammen mit den angrenzenden Regionen Argentiniens und Chiles bildet die Salzwüste von Uyuni das sogenannte »Lithiumdreieck«.
Boliviens Wette auf das Lithium begann 2008, als die sozialistische Regierung von Evo Morales beschloss, die Industrie zu verstaatlichen, nachdem ihre Vorgänger jahrzehntelang untätig geblieben waren. Seitdem hat der Staat mehr als eine Milliarde US-Dollar in den Sektor investiert – eine Zahl, die die Anwohner mit müder Beharrlichkeit wiederholen. Dennoch hat die Förderung nur schwer Fuß gefasst. Pilotprojekte dauerten ein Jahrzehnt, die Industrieanlage wurde erst 2018 gebaut, und es dauerte weitere sechs Jahre, bis sie 2024 mit nur 13 Prozent ihrer Kapazität in Betrieb genommen wurde. Das staatliche Unternehmen Yacimientos de Litio Bolivianos (YLB) überwacht den Betrieb, doch angesichts der operativen Herausforderungen hat die Regierung neue internationale Partner gesucht, um die Erschließung der begehrten Ressource zu beschleunigen.
Für die lokalen Gemeinden ist das Hauptproblem, dass das derzeitige Extraktionsverfahren auf Basis von Verdunstung enorme Mengen an Wasser verbraucht – laut dem Umweltschutzverband »Asociación Interamericana para la Defensa del Ambiente« (AIDA) bis zu zwei Millionen Liter pro Tonne produzierten Lithiums. Für den Prozess werden mineralreiche Sole sowie Süßwasser aus unterirdischen Vorkommen in der Nähe der Salzebene von Uyuni benötigt, denselben Wasserreserven, von denen die Bevölkerung von Nor Lípez abhängig ist. Das stelle eine ernsthafte Bedrohung dar, sagt Gonzalo Mondaca, Forscher bei der Menschenrechtsorganisation Centro de Documentación e Información Bolivia (Cedib). Mondaca weist darauf hin, dass die Gemeinden bereits erlebt hätten, wie das Wasser, auf das sie zum Überleben angewiesen sind, »mit dem Fortschreiten des Lithiumabbaus zurückgeht«. »In abgelegenen Gemeinden, in denen das Graben von Brunnen von Hand oft die einzige Möglichkeit ist, haben die Menschen kein Wasser mehr, wenn der Grundwasserspiegel um zehn Meter sinkt«, erklärt er im jW-Gespräch.
In dieser trockenen Region, in der Wasser ohnehin schon knapp ist, wird die begrenzte Verfügbarkeit in Colcha »K« vorrangig für den Haushaltsverbrauch und den Anbau von Quinoa, Kartoffeln und Gemüse genutzt – ein Modell der Selbstversorgung, auf das die Bewohner stolz sind. »Evo hat die Idee der Ernährungssouveränität und der kommunalen Wirtschaft von hier übernommen«, sagt Gladys. Sie macht sich Sorgen über die Auswirkungen, die Wasserknappheit auf zukünftige Ernten und die lokale Lebensweise haben könnte. Derzeit sind die Auswirkungen aufgrund der langsamen Lithiumproduktion noch gering. »Aber sobald die Industrie richtig in Gang kommt, werden wir sie zu spüren bekommen«, warnt sie.
Neoliberale preschen vor
Dieser Moment dürfte eher früher als später kommen. Während der Präsidentschaft von Luis Arce (2020–2025) wurden zwei Abkommen mit russischen und chinesischen Unternehmen unterzeichnet, die beide noch der Genehmigung bedürfen. Unterdessen legte der neoliberale Politiker Rodrigo Paz Pereira, der im November 2025 das Präsidentenamt antrat, einen Vorschlag vor, der den Weg für größere ausländische Investitionen in die wichtigsten natürlichen Ressourcen des Landes ebnete – darunter auch Lithium. Das Dekret 5503 sah vor, dass Projekte innerhalb von 30 Tagen automatisch genehmigt würden, wenn keine formellen Einwände erhoben werden – ohne Raum für strenge Umweltverträglichkeitsprüfungen oder ernsthafte Konsultationen mit den betroffenen Gemeinden –, und 15 Jahre lang rechtlich geschützt blieben. Die Maßnahme wurde schließlich nach Protesten zurückgezogen, signalisierte jedoch die Richtung, die die neue Regierung unter Paz einschlagen will.
»Wir wollen keine Lithiumindustrialisierung«, sagt Gladys und gibt damit eine Meinung wieder, die in ihrer Gemeinde weitverbreitet ist. »Die meisten von uns wissen, dass die Lage schlecht und die Gefahr nicht mehr weit weg ist.« Die Pläne der Regierung, traditionelle Verdunstungsteiche durch die Methode der Direct Lithium Extraction (DLE) zu ersetzen – eine Technologie, die als effizienter angepriesen wird –, haben wenig dazu beigetragen, die Bewohner von Nor Lípez zu beruhigen. Im Gegenteil: Mondaca von Cedib warnt, dass der prognostizierte Frischwasserverbrauch mit dem neuen System bis zu 15mal höher sei. »Der technologische Wandel hat keine größere Sicherheit gebracht«, sagt er. »Um Lithium zu raffinieren, benötigt DLE viel mehr Frischwasser, und das ist die größte Sorge der Gemeinden, denn es ist das Wasser, das sie verwenden.«
Ein weiterer kritischer Faktor bedroht die Region: der Klimawandel. Im schlimmsten Fall, so warnt Mondaca, könnte der Niederschlag in dieser ohnehin schon ausgedörrten Andengegend im Laufe des Jahrhunderts um bis zu 71 Prozent zurückgehen. »Wenn das passiert, wird der Bedarf der Gemeinden an Grundwasser steigen, doch die Regierung hat noch keine konkreten Pläne vorgelegt, um die Trinkwasserversorgung oder die Versorgung des Viehbestands sicherzustellen«, sagt er. »Deshalb fühlen sich die Menschen ungeschützt.« Gladys teilt dieses Gefühl der Verletzlichkeit: »Mit der Zeit wird dies zu einer Wüste werden. Wir werden wer weiß wohin wegziehen müssen. Es ist eine Katastrophe, die sich ankündigt, und wir wissen nicht, was wir dagegen tun können«, sagt sie.
Río Grande ist eine weitere Gemeinde in Nor Lípez, die sich auf eine möglicherweise bevorstehende Wasserkrise im Zusammenhang mit der Lithiumgewinnung vorbereitet. Das Dorf liegt inmitten einer weiten, trockenen Ebene, etwa eine Autostunde von Colcha »K« entfernt, und dient als Tor zu der industriellen Lithiumanlage, die auf der Salzwüste von Uyuni errichtet wurde. Jeden Tag rumpeln Lastwagen durch die staubigen Straßen und transportieren Materialien in die Anlage hinein und heraus. Nelson Alli und sein Cousin Franz Alli haben sich an den ständigen Verkehr gewöhnt. Beide leben seit jeher hier und setzen sich lautstark dafür ein, ihre Gemeinde vor den Auswirkungen der Dürre zu schützen. Heute sind sie in Uyuni und warten auf den Bus nach Hause, nachdem sie in der Stadt Besorgungen gemacht haben.
Nelson besitzt etwa 150 Lamas. Wie er sind viele Menschen in Río Grande von der Viehzucht abhängig, wodurch der Primärsektor für die lokale Wirtschaft und Lebensweise von zentraler Bedeutung ist. In Río Grande wurden erstmals Brunnen gebohrt, um Süßwasser für die Lithiumgewinnung zu gewinnen, und die Einwohner sagen, dass die Auswirkungen bereits spürbar sind. »In den letzten Jahren haben sie unsere Weideflächen übernommen«, sagt Nelson. »YLB hat nach und nach die Kontrolle über das Land und die natürlichen Wasserstellen übernommen, die früher hier waren.« Er erinnert sich, wie er seine Lamas zum Grasen an den Rand der Salzwüste brachte, in Feuchtgebiete, in denen einst üppiges Gras wuchs. »Früher war es hier grün«, sagt er. »Jetzt ist es ausgetrocknet, und wir müssen sie weiter weg bringen.«
Derzeit betreffen die Auswirkungen in Río Grande eher die Viehzucht als die Landwirtschaft, was zum Teil daran liegt, dass die Felder weiter von der Salzwüste entfernt liegen. »Aber mit der Zeit werden auch sie davon betroffen sein«, fügt Nelson hinzu. Auch die Veränderungen in der lokalen Tierwelt bereiten ihm Sorgen. »Früher gab es Rebhühner, Nandus, Andenfüchse, Flamingos. Die Tiere haben dieses Gebiet verlassen und sind nicht zurückgekommen.« Umweltverbände werfen der bolivianischen Regierung vor, die Artenvielfalt in einer Region von großer Bedeutung für den Vogelzug nicht zu schützen. Franz, der mit einer Tasse frischen Joghurts in der Hand aufmerksam zuhört, mischt sich in das Gespräch ein: »Wir machen uns Sorgen wegen der neuen Regierung, die Unternehmen und Investoren grünes Licht gegeben hat. Sie interessiert sich nicht für die Natur oder den Schutz der Menschen, die hier leben. Sie will nur die Ressourcen ausbeuten.« Nelson nickt. »Das ist unsere größte Sorge: der übermäßige Wasserverbrauch«, führt Franz fort. »Wasser ist Leben. Ohne Wasser können wir hier nicht sein. Das versuchen wir zu verhindern.«
Gefühl des Verrats
In ihren Aussagen äußern sowohl Gladys als auch die Cousins Alli dieselbe Unzufriedenheit: das anhaltende Gefühl, dass ihre Anliegen nicht gehört werden. Julieta Uyuli teilt diese Erfahrung. Zwischen 2022 und 2025 war sie eine der höchsten Amtsträgerinnen der Region und fungierte als Generalsekretärin des Verbands Central Única Provincial de Comunidades Originarias de Nor Lípez (CUPCONL), der die Forderungen der Provinz gegenüber dem Staat vertritt. Auf der Terrasse eines Cafés in Uyuni erinnert sich Uyuli daran, dass die Organisation seit 2011 das kollektive Eigentumsrecht an dem Gebiet innehat. »Keine öffentliche Einrichtung und schon gar kein privates Unternehmen sollte hier ohne die Zustimmung der CUPCONL wirtschaftliche Aktivitäten durchführen«, sagt sie. Ihrer Ansicht nach hätte jedes in der Provinz geförderte Industrieprojekt von einem formellen Konsultationsprozess mit den betroffenen Gemeinden von Nor Lípez begleitet werden müssen. »Aber das ist nicht geschehen«, fügt sie hinzu.
Sie verweist auf ein weiteres grundlegendes Problem: den Mangel an Informationen und Transparenz. Da keine öffentlich zugängliche hydrologische Studie über die Region vorliegt, wissen die Gemeinden nicht, »wieviel Wasser vorhanden ist und wieviel davon für die Lithiumgewinnung verbraucht wird«. Mit seiner Forderung nach Antworten ist Nor Lípez in Konflikt mit der Regierung und YLB geraten. »Die Kommunikation sollte reibungslos funktionieren, aber sie sind uns gegenüber sehr verschlossen. Sie sehen uns als Feinde, was wir nicht sind«, sagt Uyuli. Diese Undurchsichtigkeit, so argumentiert sie, erstreckt sich auch auf andere Akteure, die die Reserven der Salzwüste von Uyuni erschließen wollen. Anfang Februar besuchte eine Delegation der Europäischen Union die Lithiumfabrik, um mögliche Partnerschaften zu sondieren, und traf sich mit verschiedenen Interessengruppen – CUPCONL jedoch wurde davon ausgeschlossen. »Das hat uns verärgert. Nor Lípez muss bei solchen Treffen dabei sein«, betont sie.
Für Uyuli unterstrich der Besuch der EU-Vertreter eine tiefere Ironie: Während der globale Norden riesige Mengen an Lithium für die Batterien von Elektrofahrzeugen benötigt, sieht Nor Lípez kaum Vorteile dieser Energiewende und trägt statt dessen die Umweltkosten. »All das ist für sie, zum Nutzen des Westens«, sagt sie. »Dies ist unsere Heimat, und wir werden einen hohen Preis in bezug auf Wasser und Umwelt zahlen müssen.« Das Gefühl des Verrats wird durch ihre Erinnerung daran verstärkt, wie die Provinz das Projekt ursprünglich »mit offenen Armen« begrüßt hatte, in der Überzeugung, dass es ein Motor für die lokale und nationale Entwicklung werden würde. »Es war eine Enttäuschung, weil nichts davon wahr geworden ist«, sagt sie. »Es gab keine positiven Auswirkungen – nur negative.«
Ein Gefühl, das Gladys teilt. Auf der anderen Seite der Salzwüste wappnet sie sich für die Zukunft, indem sie sich auf eines der wichtigsten Ereignisse des Jahres in Colcha »K« vorbereitet. Mit dem Beginn des Karnevals tanzt das Dorf zu Ehren von Quinoa und Kartoffeln – eine Tradition, die tief in der indigenen Kultur der Gemeinde und in der Ehrfurcht vor dem Land verwurzelt ist: Die Ältesten sitzen und schauen zu, während die Jungen mit Pflanzen in den Händen tanzen. »Wir danken Mutter Erde und hoffen, dass die nächste Ernte besser ausfällt«, erklärt Gladys. Ein Gebet, das angesichts der drohenden Gefahr einer Dürre im Zuge der Lithiumgewinnung jedes Jahr mit zunehmender Dringlichkeit gesprochen werden wird.
John McAuley ist freier Journalist und lebt in Barcelona
links & bündig gegen rechte Bünde
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