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Aus: Ausgabe vom 27.02.2026, Seite 11 / Feuilleton
Kino

Zigaretten tabu

Jim Jarmuschs Familienepisodenfilm »Father Mother Sister Brother«
Von Holger Römers
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Die Ausrichtung der Kur und die Prinzipien ihrer Macht: Charlotte Rampling telefoniert auf der Couch

Es fällt auf, dass in »Father Mother Sister Brother« (fast) nicht geraucht wird. Denn als Referenz für seinen 14. Spielfilm bietet sich in Jim Jarmuschs Œuvre unweigerlich »Coffee and Cigarettes« an: Beide Werke sind in unzusammenhängende Episoden gegliedert, deren formale Verbindung sich nicht zuletzt aus eingestreuten Aufsichten auf Tische ergibt, um die wechselnde Figuren zu zweit oder dritt versammelt sind. Dabei werden in fast jeder Szene des Films von 2003 beide im Titel genannten Genussmittel konsumiert. Dagegen lässt der US-amerikanische Filmemacher den Tee, der in jenem Film bloß kontrapunktisch eine Ausnahme markiert, nun in zwei von insgesamt drei Episoden kredenzen, bevor schließlich einmal Kaffee getrunken wird. Obwohl diverse Rauschmittel erwähnt werden, greifen die Protagonisten allerdings nie zur Zigarette.

Das mag veränderte Lebensgewohnheiten des nunmehr 73jährigen Jarmusch spiegeln. Oder der Nikotinverzicht, von dem nur ein anonymer Drogendealer in einer schummrigen Bar abweicht, gehorcht dem Tabu, das das Rauchen auf der Kinoleinwand inzwischen umgibt. Mit der Ortsgebundenheit von Produzentengeldern, Fördermitteln und Steuererlassen dürfte jedenfalls zu erklären sein, warum die Handlung in New Jersey, Dublin und Paris angesiedelt und (an den Originalschauplätzen) gedreht worden ist. Und pragmatisch erscheint erst recht das mutmaßliche Product Placement, dessentwegen Jarmusch, der wie gewohnt auch das Drehbuch verfasst hat, die großartige Charlotte Rampling in der Rolle einer Bestsellerautorin unmotiviert ihre »liebsten Dinge« aufzählen lässt, wobei führende britische Lebensmittelmarken nicht unerwähnt bleiben.

An die spröde Kauzigkeit des US-Independentkinos der 80er Jahre erinnert indes das Auftreten von Tom Waits, der seit »Down by Law« (1986) wiederholt mit Jarmusch zusammengearbeitet hat. In der Anfangsszene sieht man seine namenlose Figur in dem idyllisch gelegenen verwitterten Haus, das der Witwer alleine bewohnt, gezielt Unordnung stiften. Unter solchen Vorzeichen weckt die Zerfahrenheit, die der zerzauste Alte an den Tag legt, als Sohn Jeff (Adam Driver) und Tochter Emily (Mayim Bialik) zum seltenen Besuch eintreffen, sogleich den Verdacht einer Täuschung. Und folgerichtig gipfelt das Segment in einer Pointe, die Ähnlichkeiten mit manchem der (wesentlich kürzeren) Sketche aus »Coffee and Cigarettes« erkennen lässt.

Dagegen schlägt die zweite Episode, selbst wenn sie gleichermaßen amüsant ist, einen anderen Ton an. Dabei ergibt sich der unterschwellige Ernst nicht zuletzt daraus, dass die angedeutete Spannung innerhalb der Familienkonstellation unaufgelöst bleibt. Die erwähnte Schriftstellerin wird während eines Telefonats mit ihrer Psychotherapeutin eingeführt, der sie offenbar die Anregung verdankt, ihre beiden Töchter nur einmal pro Jahr zu treffen. Sobald Lilith (­Vicky Krieps) und Timothea (Cate Blanchett) zu Besuch sind, zeichnet sich ab, dass erstere wohl wirklich Grund zu der Sorge bietet, die ihre Mutter der Psychologin anvertraut hat. Jedenfalls betreibt Lilith, wenn sie von angeblichen Erfolgen als Influencerin raunt, unverkennbar Aufschneiderei – weshalb die Distanziertheit, die die Mutter-Tochter-Beziehung bestimmt und offenbar keine bekümmert-kritische Nachfrage erlaubt, um so kälter wirkt.

Im Vergleich zur verdrucksten Steifheit, die in diesen Episoden zwischen den Geschwistern herrscht, mutet das Verhältnis von Billy (Luka Sabba) und Skye (Indya Moore) geradezu wunderbar an. Er trägt ihr nicht nach, dass er, wie sie verlegen anerkennt, die Wohnung der bei einem Unfall gestorbenen Eltern alleine ausräumen musste. Vielmehr spiegelt der gemeinsame Abschied vom leeren Apartment ein intuitives (Ein-)Verständnis, das nicht der vordergründigen Verbindung bedarf, die einzelne Dialogsätze in den anderen Episoden aus mindestens einem weinroten Kleidungsstück ableiten, das jede Hauptfigur trägt. Statt dessen bleibt Billys Outfit schwarzweiß – wenngleich er schließlich eine Metallflasche aus dem Rucksack holt, deren Farbton ihrerseits zum roten Trägerhemd der Schwester passt.

In der sanften Ausgeglichenheit der beiden mag gar ein utopisches Moment aufscheinen, was das punkige Geschwisterpaar mit jenen Skatern verbindet, die in jedem Segment des Films einmal durchs Bild sausen, wobei ihre Unbeschwertheit von Zeitlupe und verwehten E-Gitarrenklängen betont wird. Billy und Skye können sich die Besonderheit ihrer Beziehung nur damit erklären, dass sie Zwillinge sind – wohingegen wir Zuschauer vorübergehend dazu verleitet sein mögen, ihre verträumte Unbekümmertheit mit dem Millionenwert der geräumigen elterlichen Wohnung zu verknüpfen. Wenn diese herrliche Pariser Immobilie sich als gemietet und monatelang unbezahlt entpuppt, macht das wiederum einmal mehr bewusst, in welchem Maße in den anderen Episoden das Verhältnis zwischen den Generationen von Geld definiert ist. Weshalb es eine durchaus reizvolle Frage ist, ob eine wiederholt auftauchende Rolex eigentlich echt ist oder nicht.

»Father Mother Sister Brother«, Regie: Jim Jarmusch, USA/Frankreich/Irland u. a. 2025, 110 Min., bereits angelaufen

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