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Aus: Ausgabe vom 27.02.2026, Seite 16 / Sport
Eishockey

»Was will der Verrückte aus dem Osten?«

Wie der Sachse Gerhard Kießling in der DDR und der BRD das Eishockey revolutionierte
Von Andreas Müller
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Guter Lehrer: Gerhard Kießling (r.) mit Sohn Udo (1972)

Anders als vor 50 Jahren brauchte es bei der Medaillenvergabe im olympischen Eishockeyturnier keinen Rechenschieber. Der Sieg der USA über die kanadische Auswahl in der letzten sportlichen Entscheidung der Winterspiele von Mailand und Cortina d’Ampezzo war unverdient, aber eindeutig. 1976 in Innsbruck spielten noch sechs Teams eine Finalrunde nach dem Modus »Jeder gegen jeden« aus – was anschließend Rechenkunst erforderte. Punktgleich mit Finnland und den USA, holte das Team der Bundesrepublik dank des direkten Vergleichs sensationell die Bronzemedaille. Gold gewann die UdSSR, Silber die Tschechoslowakei. Fast ungläubig bestaunten die Protagonisten dieses Ergebnis höherer Mathematik, als sie zur Siegerehrung gerufen wurden.

Allen voran der damalige Bundestrainer Xaver ­Unsinn. Der Mann mit dem Pepitahut als Markenzeichen erntete, was sein ostdeutscher Vorgänger Gerhard Kießling zuvor über Jahre gesät hatte. »Der hatte Riesenglück. Der brauchte sich das Ding ja nur abzuholen. Die Vorarbeit habe ich geleistet«, sagt dieser später. Der »Übersiedler« grämte sich noch oft, dass er und sein Anteil an diesem Triumph von Innsbruck in den hiesigen Eishockeyannalen viel zu kurz oder gar nicht vorkommen. Gerhard Kießling wurde 1922 im sächsischen Meerane nahe der westsächsischen Eishockeyhochburg Crimmitschau geboren und verstarb 2017 im bayerischen Mittenwald. Er war überzeugt: Eishockeyspieler werden im Sommer gemacht. Kießling revolutionierte das Trainingssystem, indem er die Cracks das ganze Jahr über schwitzen ließ. »Das sind doch faule Hunde gewesen. Nach dem Saisonende im März haben sie die Klamotten in die Ecke geworfen und den ganzen Sommer in die Sonne geguckt«, so »Kieß« unnachahmlich in sächsischem Dialekt. »Da habe ich ordentlich dazwischengehauen, auch wenn die Spieler am Anfang sauer gewesen sind. Viele meinten: Was will eigentlich der Verrückte aus dem Osten von uns?«

Talente zu formen, statt fertige Spieler zu coachen, das hat Gerhard Kießling jahrelang erfolgreich praktiziert. Den Anstoß für seine beachtliche Trainerkarriere verdankte er einem Zufall. 1950, bei einem Spiel ­zwischen Kießlings Mannschaft aus Frankenhausen – heute ein Crimmitschauer Ortsteil – und einem Team aus Weißwasser, tauchte unversehens Staats- und Parteichef Walter Ulbricht unter den Zuschauern auf. »Ihn hat dieser Sport sofort fasziniert. Zwei Tage später stand ein Wagen vom Zentralkomitee zu Hause bei mir vor der Tür und holte mich ab.« Statt einer Laufbahn bei Brot und Kuchen wartete auf den gelernten Bäcker von einer Stunde auf die andere beruflich ein völlig neuer Weg. Ulbricht, so die Legende, bat ihn, den Eishockeysport in der DDR zu forcieren, und versprach im Gegenzug den Bau einer großen Halle in Berlin. Sie wurde tatsächlich gebaut, trug den Namen Werner Seelenbinders und musste nach 1990 fürs Velodrom und die Schwimmhalle im sogenannten Eurosportpark an der Landsberger Allee weichen.

Der ehrgeizige, burschikose und niemals um einen Spruch verlegene Kießling, der Ulbricht und dessen Frau Lotte sogar das Schlittschuhlaufen beigebracht haben soll, durfte in Leipzig, Moskau und Prag das Sportfach gründlich studieren. Mit Folgen. Mit dem fünften Platz bei der A-WM 1957 stieß er mit der DDR-Auswahl erstmals in bis dato ungeahnte Sphären vor. Doch schon damals habe es Anhaltspunkte gegeben, dass Eishockey »nicht mehr gefördert werden sollte«, die der Nationaltrainer früh erkannte. Knapp ein Jahrzehnt später wurde es offizielle Politik. Bis auf die »Dynamos« in Berlin und Weißwasser wurde die teure Disziplin Anfang der 70er Jahre in der DDR nicht mehr gefördert. Kießling, der schon 1937 für die deutsche Jugendauswahl und die erste Mannschaft des Turnvereins Frankenhausen dem Puck nachjagte, sah »im Osten keine Perspektiven mehr für diesen Sport«.

Im Herbst 1957 ging er zusammen mit seiner Familie in den Westen, Sohn Udo war da gerade mal zwei Jahre alt. Der avancierte später zu einem der besten Verteidiger und hält mit 320 Einsätzen für die Auswahl des Deutschen Eishockeybundes (DEB) und fünf Teilnahmen an Olympischen Spielen eine Art nationalen Rekord für die Ewigkeit. Er war Teil des Bronzeteams von 1976 mit Erich Kühnhackl, Alois Schloder, Ernst Köpf, Martin Hinterstocker, Ignaz Berndaner und Franz Reindl. Kießling Senior fand nach seiner Übersiedlung als bestens ausgebildeter Eishockey­lehrer zunächst beim Oberligisten Preußen Krefeld eine Anstellung. Später hatte er bei den Bundesligisten in Düsseldorf, Westberlin, Köln das Sagen, ebenfalls in Augsburg, Rosenheim und Füssen. Zwischen 1966 und 1974, mit zeitweiligen Unterbrechungen, legte er als Bundestrainer für seinen Nachfolger Xaver Unsinn den Grundstein für den Olympiaerfolg von 1976. Schon 1959 hatte der Sachse die Position des Chefcoaches für den DEB begleitet. Nur zwei Jahre nach seinem Wechsel in den Westen bereitete seinen einstigen Schützlingen aus dem Osten eine empfindliche WM-Niederlage: Die DEB-Auswahl fegte die DDR-Mannschaft in Prag mit 8:0 vom Eis.

Sportlich für die Olympischen Winterspiele in Squaw Valley qualifiziert, erlebte Gerhard Kießling 1960 sein vielleicht traurigstes Kapitel. Mit gepackten Koffern war er auf dem Düsseldorfer Flughafen erschienen, doch die Sportfunktionäre ließen ihn nicht abreisen und machten für die Zeit des Olympischen Turniers den Füssener Markus Egen zum Bundestrainer. »Sie haben mir erklärt, die Ostdeutschen wünschen nicht, dass ich mitkomme. Ansonsten wäre die gesamtdeutsche Mannschaft in Frage gestellt.« So flogen seine Schützlinge, die sich zuvor in zwei internen Ausscheidungsspielen gegen die DDR mit 5:2 und 5:3 durchgesetzt hatten, ohne ihn los und erreichten Platz sechs. Nicht schlecht, doch mit ihm wären die westdeutschen Cracks womöglich schon in Squaw Valley und also 16 Jahre vor der Bronzemedaille von Innsbruck zum olympischen Edelmetall gekommen, so sinnierte »Kieß« später selbstbewusst noch oft. »Ich hätte mal wissen wollen, was 1960 passiert wäre, wenn die Ochsen diesen Kuhhandel damals nicht mitgemacht hätten.«

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