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Reisen

Aber bitte mit Sahne

Ein Brief aus Binz

Foto: Philip Dulian/dpa
Steife Brise: Seebrücke in Binz

Lieber Freund, bitte frage nicht, was mich ausgerechnet im Februar nach Rügen verschlagen hat. Ich weiß es selbst nicht mehr. Falls es die Suche nach etwas Entspannung in der Natur war, ist das gründlich schiefgegangen, denn das Wetter ist so rau hier, dass selbst die Eingeborenen kaum länger als eine halbe Stunde am Strand aushalten. Die steife Brise, die durch die Binzer Bucht geht, treibt alle Spaziergänger schnell wieder in die windgeschützten Gassen der Kurorte, nachdem sie schnell noch ein Foto von der zugefrorenen Ostsee gemacht haben.

Inzwischen ist es völlig egal, ob du in Binz oder Sellin unterwegs bist. Nicht nur die Bäderarchitektur sieht überall eintönig gleich aus, auch die Geschäfte sind identisch. Du kannst von denselben Marken Unterwäsche, Schuhe und Jacken kaufen und könntest sogar direkt Preise vergleichen, wenn du die halbe Stunde Busfahrt zwischen Binz und Sellin in Kauf nimmst. Ich frage mich nur, warum ich hier Klamotten kaufen sollte, ich habe doch schon alles mitgebracht, was ich tragen könnte! Und Echtlederhalbschuhe shoppen steigert ganz sicher nicht meine soziale Verträglichkeit, noch dazu im Urlaub.

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Die Museen sind dicht, der Baumwipfelpfad wetterbedingt auch, und für einen Yogakurs oder einen Workshop im Treibholzschnitzen bin ich echt nicht gemacht. Max Mutzke singt im Kurhaus. Du siehst, hier ist wirklich nichts los.

Also bleiben nur die Cafés. Deren Anzahl ist begrenzt, und deren Preise sind überteuert. Da steht Binz Berlin in nichts nach. Nur gibt es hier vielleicht zu allem mehr Sahne. Das viele Süß soll wohl dazu beitragen, in eine gewisse Behäbigkeit zu verfallen, die in Form langsamerer Bewegungen mit Entspannung verwechselt werden kann. Kurz: Ich schleppe meinen vollgefressenen Ranzen durch die Hauptstraße von Binz, vorbei an geschlossenen Restaurants und offenen Souvenirläden. Brauchst du übrigens noch einen Anglerhut oder Sanddornmarmelade? Ach nein, die letzte hast du ja irgendwann weggeworfen, nachdem sie, beim ersten Probieren für widerwärtig sauer befunden, auf mehrere Jahre in den Tiefen deines Kühlschranks verschwunden war. Grüß mir die Spree von deinem immer fetter werdenden Freund.

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Erschienen in der Ausgabe vom 27.02.2026, Seite 11, Feuilleton

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