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Aus: Ausgabe vom 27.02.2026, Seite 10 / Feuilleton
Jazz

Streunend durchs Gelände

Neue Klavierjazzalben von Julia Hülsmann und Craig Taborn
Von Andreas Schäfler
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Übermut und Präzision: Craig Taborn

Zweimal die typische ECM-Covergestaltung: leicht verfremdete, von fahlem Licht umspielte Fotomotive, ein blaustichiger Innenhof das eine, das andere eine diffuse Fensteraussicht in weiß schraffiertem Anthrazit. Zweimal zeitgenössische, vom Klavier aus gedachte Musik, die Jazz nicht als Dogma begreift und zu jeweils ganz besonderen und sehr unterschiedlichen Resultaten führt.

Wie ein »Best of« aus dem Posteingang nach längerer Abwesenheit wirkt, was Julia Hülsmann auf »While I Was Away« präsentiert. Für dieses songorientierte, ja liedverliebte Album hat die Pianistin ihr Jazz-Trio mit Eva Kruse (Bass) und Eva Klesse (Schlagzeug) durch Héloise Lefebvre (Geige) und Susanne Paul (Cello) erst zu einem Kammermusikensemble erweitert und dann mit drei zusätzlichen Gesangsstimmen zu einem Oktett aufgestockt. Aber keine Sorge, für diese umfangreiche Arbeitsbeschaffungsmaßnahme gibt es gute Gründe. Mit ihren Fähigkeiten als Komponistin und Arrangeurin kann es sich Hülsmann allemal erlauben, groß zu denken. Und als Anstifterin und Anführerin dieser bunten Kohorte schafft sie es auch, ihren sprudelnden Ideenfluss mit Stilelementen und Spielarten aus verschiedenen Genres schlüssig zu realisieren. Hier ein tänzerisches Cellosolo, da eine kleine Geigeneskapade, an der richtigen Stelle ein elaborierter Klavierlauf über dem federnden Bass-/Schlagzeugpuls – es ist alles so zwanglos austariert, dass jazzige Ambition, Pop-Appeal und klassisches Formbewusstsein sich bestens miteinander vertragen.

Ein Paradebeispiel dafür ist Ani Di­Francos »Up, Up, Up, Up, Up, Up«, instrumental sparsam und locker hingetupft und von Michael Schiefel gesanglich veredelt. Aline Frazão aus Angola führt in perkussivem Portugiesisch durch einen Song des brasilianischen Duos Rosanna und Zélia und intoniert in »Sleep« ein Gedicht von Emily Dickinson. In zwei eigenen Stücken übernimmt die Norwegerin Live Maria Roggen den Leadgesang und erinnert dabei sehr an die frühe Rebekka Bakken, mit der Hülsmann 2003 das Album »Scattering Poems« aufnahm. Auf »You Come Back« singen schließlich alle drei gemeinsam einen Text von Margaret Atwood und verarbeiten in »TicToc« ein paar Zeilen von E. E. Cummings zu einem betörenden Sprechgesang. Im Ehrgeiz, kluges Komponieren mit schlauem Klavierspiel und anspruchsvollen Texten zu kombinieren, spürt man Hülsmanns alten Hausgott Randy Newman. Es sind aber vor allem die kühn ausbalancierten Arrangements der Leaderin, die das große Potential aller Beteiligten ausschöpfen und »While I Was Away« zu einem Höhepunkt in ihrem bisherigen Schaffen machen.

Sicheren Boden hat man bei Craig Taborn nicht unter den Füßen. Dafür lässt sein Trioalbum »Dream Archives« aber um so mehr Raum für verschiedene Lesarten oder gar Deutungen. Taborns Klavier, flankiert von Tomeka Reids Cello und Ches Smiths Schlagzeug, streunt vermeintlich ziellos durch offenes Gelände und findet erst im dritten Stück zu einer gebundenen Form: Es ist Geri Allens »When Kabuya Dances« von ihrem 1984er Debütalbum, mit dem Taborn hier noch einmal verdeutlicht, welche innovativen Kräfte die 2017 verstorbene Pianistin aus der afroamerikanischen Ursuppe zu gewinnen wusste. Eine zweite Verneigung gilt seinem einstigen Bandleader, dem Drummer Paul Motian, dessen Komposition »Mumbo Jumbo« hier zwar ebenfalls respektvoll interpretiert, aber ganz neu ausgestaltet wird.

Taborns Trio zeigt, dass sich freigeistiger Übermut und technische Präzision nicht behindern müssen. Die zentrale Komposition »Dream Archive« darf man getrost wörtlich nehmen: Hier spürt das Trio mikrotonalen Splittern nach, die ziellos durch den musikalischen Kosmos geistern, sich bisweilen aber doch zu einem melodischen Schnörkel oder einem rhythmischen Muster verdichten lassen. Das kann mal wie eine irritierende Spieluhr klingen und kurz danach wie ein aufziehender Sturm. Die herkömmliche Statik ist außer Kraft gesetzt – eben noch hat Tomeka Reid ein glasklares Cellomotiv in den Vordergrund gerückt, schon zieht Ches Smith mit Vibraphon und Elek­tronik das Geschehen an sich, während das Klavier diese Passage vielsagend beschweigt.

Mit Taborn und Reid sind auf diesem Album übrigens zwei Träger des MacArthur Fellowship am Werk. Gemäß den Vergabestatuten ist dieses hoch dotierte Stipendium »eine Investition in Künstler, deren Schaffen primär der Originalität verpflichtet ist«. Das wird hier, auch von Ches Smith, mit Nachdruck eingelöst, indem das Trio analog zu Hannah Arendts »Denken ohne Geländer« ein Hören ohne Leitplanken propagiert. Überfordernd sind diese musikalischen Traumexkursionen ja keineswegs, eine Portion Neugier darf das geneigte Publikum aber schon mitbringen.

Julia Hülsmann Octet: »While I Was Away« (ECM)

Craig Taborn: »Dream Archives« (ECM)

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