Machtkampf um Mustariha
Von Luca Schäfer
Hunger, Flucht, Cholera: Den Preis für den internationalen Stellvertreterkrieg zwischen dem De-facto-Staatsoberhaupt General Abdel Fattah Al-Burhan und den paramilitärischen Rapid Support Forces (RSF) unter Mohammed Daglo zahlen Millionen Sudanesen. Während die RSF unter anderem von Tel Aviv und Abu Dhabi unterstützt werden, erhält die Militärregierung unter Al-Burhan Rückendeckung von Iran, Russland, Ägypten und der Türkei.
Die zuletzt um die Stadt Al-Fascher verschärften Kämpfe in Norddarfur weiten sich in der Region weiter aus. Bei einem RSF-Angriff auf die Stadt Mustariha im Bezirk Kabkabija wurden laut Sudan Doctors Network, einer aus Khartum stammenden Organisation zur Vereinigung aller sudanesischen Ärzte, allein am vergangenen Dienstag 28 Zivilisten getötet und 39 weitere verletzt. Zerstört wurde zudem die einzige Gesundheitseinrichtung des Ortes. Wie die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua meldete, verurteilte das ägyptische Außenministerium den Angriff als »offensichtliche Verletzung« des humanitären Völkerrechts. Rund 2.690 Menschen wurden nach Zählungen vor Ort befindlicher Hilfsorganisationen allein aus Mustariha vertrieben. Frauen und Kinder flohen zu Fuß und wurden notdürftig in Schulen untergebracht – die humanitäre Lage gilt zunehmend als »kritisch«.
Dem Angriff vorausgegangen waren tagelange RSF-Drohnenangriffe sowie der gezielte Beschuss eines Hilfskonvois am 19. Februar, bei dem drei Menschen starben. Dass die eingesetzten Drohnen nicht aus sudanesischer Produktion stammen könnten, legen Satellitenbildauswertungen des von den RSF kontrollierten Flughafens Nyala in Darfur dar. Reuters zufolge wurden dort CH-95-Drohnen chinesischer Herstellung identifiziert. Schon im vergangenen Jahr waren solche Drohnen gesichtet worden, die möglicherweise über ein VAE-Logistiknetzwerk an den Flughafen geliefert wurden.
Mustariha hat Symbolwert – lokale Stämme konkurrieren dort um die Macht. Die Stadt unterstand zuvor dem einflussreichen Stammesfürsten Musa Hilal, der den Mahamid-Zweig des Rizeigat-Stammes anführt. RSF-Chef Daglo entstammt dem Maharija-Zweig. 2003 kämpften beide noch gemeinsam als Dschandschawid-Anführer, wobei Hilal Daglo als älterer Kommandeur übergeordnet war. Doch Daglos Aufstieg kostete Hilal die Kontrolle über die lukrativen Goldminen von Dschabal Amir, die zum finanziellen Rückgrat der RSF wurden. Insbesondere Abu Dhabi und Dubai avancierten zur Golddrehscheibe mit guten Verbindungen zu den RSF. Mit dem »Blutgold« finanzieren sich die RSF. 2017 besiegten RSF-Truppen Hilal final, er saß vier Jahre im Gefängnis, bis er nach dem Putsch von Al-Burhan 2021 begnadigt wurde. Seither bezeichnet er die RSF öffentlich als »Bande und Söldnermiliz« und hat seine uneingeschränkte Unterstützung für General Al-Burhan erklärt. Hilal warf Daglo wiederholt die Spaltung seines Stammes und Sudans insgesamt vor und beschuldigte diesen, den Konflikt mit Gewalt und Geld zusätzlich anzuheizen.
Eine explosive Mischung aus ressourcenorientierten Binnenmachtkämpfen und externer Einflussnahme macht die Lage zunehmend unkontrollierbar. Nach Kämpfen an der Grenze hat Tschad am Montag seine Übergänge geschlossen. Und der UN-Sicherheitsrat verhängte in dieser Woche weitgehend konsequenzlose Sanktionen gegen vier hochrangige RSF-Kommandeure. Zudem warnt die UNO drastisch vor einer akut bevorstehenden Hungersnot und Kriegsverbrechen in weiten Teilen des Landes.
Das Kriegsgeschehen verlagert sich erkennbar auch in die westlichen und zentralen Regionen, insbesondere in Richtung Kordofan, das direkt an Darfur grenzt. Die Regierungsarmee versucht dort, ihre Stellungen zu halten, bislang weitgehend erfolglos. Das militärische Übergewicht der RSF verschärft die miserable Lage zusätzlich: Bis zu zwölf Millionen Sudanesen sind geflohen, bis zu 21 Millionen kämpfen mit Nahrungsmittelengpässen. Konfrontiert mit genozidaler Gewalt, ist die Gesundheitsversorgung kaum noch funktionsfähig – Hilfslieferungen werden von der RSF aktiv blockiert.
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