Gegründet 1947 Donnerstag, 26. Februar 2026, Nr. 48
Die junge Welt wird von 3063 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 26.02.2026, Seite 16 / Sport
Radsport

Pflaster und Hügel

Radsport: Am Wochenende beginnt die Saison der Frühjahrsklassiker. Eine Einführung
Von Felix Bartels
imago1043739428.jpg
Kampf unter Windmühlen: Don Quichote wäre heute Puncheur

Radsport ist nicht Literatur – die Klassiker sind dort Sache der Romantiker. Ein wenig bekloppt muss man schon sein, diese Rennen zu lieben, sie zu fahren ohnehin. Im Rennkalender bildet das Frühjahr einen eigenen Kosmos, Gegengewicht zum Rennen der Rennen im Juli durch Frankreich. Tour ist Glanz, Frühjahr für Hardliner. Speziell im flämischen Teil Belgiens hat sich um die teils mehr als hundert Jahre alten Kurse ein verlängerter Karneval etabliert. Leute verbraten ihren Jahresurlaub, an den Strecken wird gegrillt und fraternisiert, wochenlang streiten Experten im TV, Wout van Aert kommt gleich nach Jesus, Remco Evenepoel hat bei Pizza Hut eine eigene Pizza.

Sportlich unterscheiden sich die Frühjahrsklassiker von den taktisch geprägten Rundfahrten und den selektiven Herbstklassikern vor allem durch intensiveres Renngeschehen. Es gibt auf die Fresse, die Favoriten sind früh unter sich, Attacke folgt Attacke, Gegner werden zermürbt, Unaufmerksamkeiten blitzschnell genutzt. Alles auf Sieg, einen nächsten Tag gibt es nicht, wieviel man verliert, wenn man verliert, ist dann nicht mehr wichtig. Im Hochgebirge siegt der beständigste Fahrer, einen Klassiker kann man in einer engen Kurve verlieren – wer am Fuß eines belgischen Hügels 15 Positionen zu weit hinten fährt, kommt nicht mehr nach vorn, er hieße denn Pogačar oder van der Poel. Eng sind die Straßen, der Untergrund schlecht, ruppig wechseln flache und steile Abschnitte. Fahrer, die sich hier wohlfühlen, nennt man nicht ohne Grund Puncheure. Oder Flahute, wörtlich: aus dem Norden, sinngemäß: hart im Nehmen.

Welches Rennen zu den Klassikern zählt, hängt von Tradition und Reputation ab, ein offizielles Siegel gibt es nicht. Die Zuschreibung ist tautologisch: Frühjahrsklassiker sind Eintagesrennen im März und April, sofern sie als solche gezählt werden. Unterteilen lassen sie sich nach Region oder Profil, beides geht nicht ganz ineinander auf. So wird etwa das Amstel Gold Race aufgrund seines Profils zu den Ardennenklassikern gezählt, obgleich es kaum durch die Ardennen führt. Die Bedeutung des Frühjahrs lässt sich auch daran sehen, dass vier der fünf Monumente ins Frühjahr fallen: Milan–Sanremo, Ronde van Vlaanderen, Paris–Roubaix und Lüttich–Bastogne–Lüttich. Das fünfte, die Lombardei-Rundfahrt, findet im Herbst statt.

Den Auftakt der Frühjahrskampagne markiert das »Opening Weekend«, am letzten Wochenende des Februar. Samstags wird der Omloop ausgetragen. Sein Kurs führt durchs östliche Flandern, ist aber kürzer und weniger schwer als die spätere Ronde van Vlaanderen. Aufgrund des frühen Termins kann eisiges Wetter eine Rolle spielen, Favoriten sind Puncheure, die mit widrigen Bedingungen gut zurechtkommen. Am Sonntag folgt Kuurne–Brüssel–Kuurne, ein vergleichsweise leichtes Rennen, das häufig im Massensprint entschieden wird.

Danach schiebt sich der Fokus auf Italien, wo im März bereits höhere Temperaturen herrschen. Die Strade Bianche, ausgetragen erst seit 2007, ist das jüngste Frühjahrsrennen, ein besonderes zudem. Ihr Kurs führt durch die Toskana und endet puppenstuben­haft auf der Piazza del Campo in Siena. Reich an Höhenmetern und Gravel-Passagen, steht sie als Schotterklassiker im World-Tour-Kalender singulär. Mit dem in der letzten Märzwoche ausgetragenen Monument Milan–Sanremo endet das italienische Frühjahr. Fast 300 Kilometer machen es zum längsten Tagesrennen, Belag und Höhenmeter betreffend ist es einfach. Daher verläuft es lange ereignisarm, desto dramatischer aber im Finale. Ursprünglich eine Angelegenheit reiner Sprinter, hat das Rennen heute mit der Cipressa und dem Poggio zwei Hügel im Finale, die den Wettbewerb öffnen: Wuchtige Sprinter und flämisch gegrillte Puncheure versuchen den Rennverlauf taktisch in ihre Richtung zu biegen. 2025 hat Pogačar das Feld an der Cipressa zerlegt, nur van der Poel und Filippo Ganna konnten folgen.

Ende März zieht der Zirkus zurück nach Flandern. Die Strecken hier sind von Kopfsteinpflaster geprägt. Bei der Ronde van Brugge dominieren traditionell die Sprinter. Es folgt der E3-Preis um Harelbeke, der die Ronde van Vlaanderen vorbereitet. In Profil und Lage sind die Rennen nahezu identisch: enge Straßen, Pflasterpassagen, kurze giftige Anstiege (Oude Kwaremont, Paterberg), der E3 ist allerdings kürzer. Parallel zum ihm wird Gent–Wevelgem ausgetragen, das seit diesem Jahr auf den sperrigen Namen »In Flanders Fields – From Middelkerke to Wevelgem« hört. Da der Kurs weniger selektiv ist, dominieren auf dem Weg nach Wevelgem Sprinter oder endschnelle Puncheure. Ebenfalls als kleinere Ronde kann Dwars door Vlaanderen bezeichnet werden, hier konnten im vergangenen Jahr drei Visma-Fahrer den isolierten Neilson Powless nicht am Sieg hindern.

Die Ronde und das französische Paris–Roubaix, am ersten und zweiten Wochenende des April, schließen die Pflasterserie als Höhepunkte ab. Zwischen ihnen liegt noch der Scheldeprijs, der als inoffizielle WM der Sprinter gilt. Beide Monumente sind lang (260 und 270 Kilometer). Die Ronde hat mit Kwaremont (bis zwölf Prozent) und Paterberg (bis 20 Prozent) extrem steile, mehrfach zu befahrende Hügel, Roubaix dagegen bleibt durchgehend flach, die Schwierigkeit der »Hölle des Nordens« kommt vollständig aus den in diesem Ausmaß nirgends sonst integrierten Pflaster­abschnitten. Hier siegen nicht unbedingt die ­Puncheure, sondern Fahrer, die ihr Rad kontrollieren können, hart im Nehmen sind und etwas mehr Körpergewicht haben.

Die letzten Wochen des Frühjahrs finden in den Niederlanden und im französischen Teil Belgiens statt. Das in Maastricht startende Amstel Gold Race war früher ein mittelschweres Rennen, seit der Cauberg ins Programm genommen wurde, ist es eine Angelegenheit für Fahrer, die kurze, steile Anstiege bewältigen können. Die Strecke hat viele enge und kurvenreiche Passagen, begünstigt also Fahrer mit Gespür für den Moment und Fähigkeiten im Kampf um die Position. Beim Flèche Wallonne in den Ardennen spielt Taktik eine untergeordnete Rolle. Das Rennen gleicht insofern Milan–Sanremo, als die Spannung hier vollständig im Finale liegt. Aber nicht via Sprint, aufgrund der 1,3 Kilometer langen und bis 19 Prozent steilen Mur de Huy gewinnt dort simpel, wer am besten hochkommt. Eine Woche darauf wird, gleichfalls in den Ardennen, Lüttich–Bastogne–Lüttich ausgetragen, das die meisten Höhenmeter der Frühjahrsklassiker hat. Breite Straßen und häufiges auf und ab machen den Kurs selektiv und praktisch zur reinen Powersache: Watt regelt. Das vierte der fünf Monumente ist zugleich der älteste Frühjahrsklassiker und schließt das Frühjahr ab.

Zur Faszination der Klassiker gehörte lange ihr offener Ausgang. Gegenwärtig ist der Kreis der Favoriten komprimiert. 13 der letzten 15 Monumente zum Beispiel wurden von zwei Fahrern gewonnen: Pogačar und van der Poel. Wenigstens im Segment der Sprinter scheint derzeit etwas Bewegung zu sein. Matthew Brennan und Paul Magnier haben den Favoritenkreis in der Saison 2025 erweitert, sie machen den arrivierten Jasper Philipsen, Jonathan Milan und Tim Merlier Konkurrenz. Das Opening Weekend ist indessen nicht Spielplatz der ganz Großen. Wer dort in Form ist, ist der Erfahrung nach zu früh in Form. Puncheure wie Tim Wellens oder Arnaud De Lie könnten beim Omloop zuschlagen. Mit Wevelgem, Brugge und Schelde­prijs gibt es spätere Gelegenheiten für Sprinter. Der Rest gehört einfach Pogačar und van der Poel. Mads Pedersen, der am ehesten an die beiden herankommt, wird nach Schlüsselbein- und Handgelenkbruch bei der Valencia-Rundfahrt den größeren Teil des Frühjahrs verpassen. Die drei haben das ganze Paket: Power in den Beinen, Rennintelligenz und Kontrolle über das Rad in schwierigen Passagen. Was potentiell auch für Wout van Aert gilt, der in den letzten zwei Jahren aber das Level der anderen nicht mehr erreicht hat.

Herrsche und teile: Van der Poel ist Favorit in Sanremo und Roubaix. Im Bike Handling eine Klasse für sich, kann er technisch schwierige Passagen für Attacken nutzen. Je mehr Höhenmeter, desto stärker wird Pogačar. Bei der Ronde 2025 konnte er van der Poel am Kwaremont distanzieren. Bei Lüttich und Flèche trat van der Poel gar nicht erst an. Pogačar gewann im letzten Jahr alle drei Rennen, beim diesjährigen Flèche wird er fehlen. Eine Chance immerhin für jene, die sonst um Platz zwei kämpfen. Wie wärs mal mit Ben Healy oder Tom Pidcock? Oder mit Julian Alaphilippe, der im Frühjahr seinen dritten Frühling erleben könnte.

links & bündig gegen rechte Bünde

Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.