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Aus: Ausgabe vom 26.02.2026, Seite 11 / Feuilleton
Kino

Alte Liebe rostet nicht

Die deutsche Komödienapparatur werkelt weiter: »Ein fast perfekter Antrag« von Marc Rothemund
Von Ronald Kohl
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Liebe geht durch den Magen: Die Feinschmeckerin und der Erbsenzähler

Das Zusammenspiel von Technik und Gefühl hat seine Tücken. Insbesondere, wenn die Zuneigung echt ist und die Apparatur Marke Eigenbau. Nur mit Glück überlebte Alice (Iris Berben) den mechanischen Knalleffekt, mit dessen Hilfe ­Walter (Heiner Lauterbach) vor 40 Jahren seinen an sie gerichteten Heiratsantrag aufgepeppt hatte. Vor manischen Heimwerkern nimmt sie sich seitdem in acht.

Walter hat aus seinen Fehlern gelernt, zumindest soweit es den technischen Bereich betrifft. Er wurde Ingenieur im Hauptberuf und Bastler im stillen Kämmerlein. Irgendwann fand er auch die passende Frau. Jetzt ist er Witwer, seine Vorliebe für innovative Gerätschaften hat damit jedoch nichts zu tun.

Auch wenn die Einsamkeit dem mittlerweile pensionierten Walter zu schaffen macht, versucht er doch, seine Tage sinnvoll zu füllen. Er besucht Restaurants. Nicht, um zu bechern und zu schlemmen. Es kommt ihm vielmehr auf die optische Erscheinung der Gerichte an, die Geometrie der Kreationen. Darüber lässt er sich lang und breit (und ziemlich denunziatorisch) im Netz aus.

Und so begegnen sie sich nun zufällig eines Tages in der gehobenen Gastronomie wieder: Alice, die Professorin für Kunstgeschichte, und Walter, der Erbsenzähler.

Alte Liebe rostet nicht, sagt man, jedenfalls nie so ganz. Doch war es damals überhaupt wahre Liebe? Oder ging es Walter allein darum, die Schönste von allen zu besitzen? Und will er jetzt nur das erobern, was er damals nicht bekommen konnte? So argumentiert jedenfalls Alice, die smarte Professorin, als sie ihn nach ihrem überraschenden Aufeinandertreffen gleich wieder abzuwimmeln versucht.

Wie die Dinge liegen, gibt es nur eine Möglichkeit für Walter, wenigstens ab und zu in ihrer Nähe zu sein. Er muss ihre Vorlesungen besuchen. Und so wird Walter noch einmal Student …

Regisseur Marc Rothemund und Drehbuchautor Richard Kropf waren sehr erfolgreich mit »Wochenendrebellen«, der Verfilmung einer wahren Begebenheit: Ein autistischer Junge auf der Suche nach dem passenden Verein, als Fan. Die Umsetzung stellte eine große Herausforderung hinsichtlich der Gewichtung von Ethik und Unterhaltung dar.

Da Regisseur Rothemund nun mit »Ein fast perfekter Antrag« eine Art »Feuerzangenbowle 2.0« gedreht hat, existiert dieses Problem diesmal ganz bestimmt nicht. Mit dem Projekt noch einmal einen großen Wurf zu landen, erscheint wiederum schwieriger.

Der Plot bietet auf den ersten Blick nichts wirklich Originelles, von Überraschungen ganz zu schweigen. Erschwerend kommt hinzu, dass sich nur eine der beiden Figuren entwickeln darf. Die Professorin wird schließlich so geliebt, wie sie ist. Also muss sie auch so bleiben, wie sie ist (in der Tat die große Stärke von Iris Berben). Bei einer interessanten Figur wäre dieses Statische ja noch in Ordnung. Aber Alice ist makellos, eine attraktive, selbstbewusste, unabhängige, allseits beliebte, intelligente und schlagfertige Frau: die leibhaftige Emanzipation. Abgerundet wird die Plattheit noch dadurch, dass ihr Chef ein absolutes Arschloch ist und Alice mitten im Verlauf der Handlung von ihm gefeuert wird, um Platz für irgendeinen Spinner (keine Spinnerin) zu machen. Ihre Hörerschaft, Kunststudentinnen und -studenten auf der Höhe der Zeit, stürmt, als sie davon erfährt, umgehend mit Spruchbändern und Sprechchören den Campus. Es gibt nur einen, der nicht mitbrüllt. Auf ihm ruht nun all unsere Hoffnung.

Ich schließe nicht aus, dass das Tandem Rothemund/Kropf schon beim Script alles auf diese eine Karte gesetzt hat: den Herzbuben, Heiner Lauterbach. Und er sticht!

Walter ist kein schlechter Kerl, aber eben auch mehr Pedant als Mensch. Er kann stundenlang ein Bild betrachten und wird am Ende nur über die Mängel oder die technischen Raffinessen des Rahmens sprechen. Mit anderen Worten: auch eine Art von Autismus. Um bei Alice landen zu können, muss er ein paar Macken ablegen, muss lernen, aus sich herauszugehen. Fraglos verstellt er sich dabei auch mitunter. Und je mehr er sich verstellt, um so deutlicher erkennt Alice das Unverstellte. Und es gefällt ihr.

Walter darf ihr also noch einmal einen Antrag machen. Unverstellt, wie er ist, setzt er als Verstärkung wieder eine selbstgebaute Apparatur ein, wenn auch eine deutlich kleinere. Funktioniert es dieses Mal? Ja und nein.

»Ein fast perfekter Antrag«, Regie: Marc Rothemund, BRD 2026, 100 Min., Kinostart: heute

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