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Aus: Ausgabe vom 26.02.2026, Seite 11 / Feuilleton
Kino

Haie der Pingponghalle

Ein wirklich sehr irrer Film über weit mehr als nur Tischtennis: Josh Safdies »Marty Supreme«
Von René Hamann
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Das Jahr 1952 lebt sehr stark von der Ausstattung: Timothée Chalamet mit Pingpongschläger

»Die Schrift ist unveränderlich und die Meinungen sind oft nur ein ­Ausdruck der Verzweiflung darüber«

Franz Kafka

Timo Boll habe ich erst einmal gar nicht erkannt. In der Nachbetrachtung habe ich gesehen, dass der beste deutsche Tischtennisspieler aller Zeiten, der gleichwohl nie Weltmeister geworden ist, hier beim ersten Turnier in London einen Tschechoslowaken spielt, Gegner des Marty Mauser in der zweiten Runde. Auch posiert er beim schönen, an Wes Anderson gemahnenden Gruppenbild aller Turnierteilnehmer. In der hiesigen PR-Kampagne zu diesem mehrfach oscarverdächtigen Film (Regie Josh Safdie) taucht Boll natürlich überall und allenthalben auf. Und, Weltmeister wurde auch Marty Reisman, das historische Vorbild der Titelfigur, des »Marty Supreme«, nie. Auch der hier gezeigte Marty wird, das suggeriert der Film sehr stark, an diesem Ziel scheitern.

»Marty Supreme« wird von manchen als einer der besten Filme des Oscarjahrgangs 2025 gehandelt, aber die erste Frage, die sich stellt, ist: Ist es denn auch ein Tischtennisfilm? Ist er besser oder noch dämlicher als »­Forrest Gump« (Robert Zemeckis, 1994)? Könnte Marty, wie die Hauptfigur hier im Folgenden einfachheitshalber genannt wird, auch ein Boxer sein, ein Billardspieler wie weiland Tom ­Cruise in »Die Farbe des Geldes« (Martin Scorsese, 1986) oder gar wie Paul Newman (ebenda und in »The Hustler«, Robert Rossen, 1961)? Das Tischtennis ist relativ unwesentlich, das zum einen. Es stellt gleichsam die eine äußere Welt, Martys Ideal dar. Theoretisch könnte es sich dabei wohl auch um Badminton handeln.

Aber das macht nichts. Der Film spielt in den frühen 50er Jahren und lebt, apropos Wes Anderson, sehr stark von der Ausstattung, die wirklich Bombe ist. Alles sieht schön aus, schön alt, Vintage in Vollendung. Das gilt auch für die Outfits der Spieler, für ihre Schläger. New York sieht wie New York auf alten Jazzplattencovern aus, und vermutlich hat auch Timo Boll nie so gut ausgesehen wie hier. In China – obwohl die Weltmacht des Pingpongs, im Gegensatz zum Erzrivalen Japan, hier gar nicht vorkommt – werden sie es lieben.

Boll hat auch Timothée Chalamet, den Hauptdarsteller, der, soviel sei vorweggenommen, brillant aufspielt, dessen Sexyness mir andere Menschen aber erst erklären müssen, trainiert, ihn ins heilige Spiel eingeführt. Der Film hat sich auch in diesem Punkt für eine Wes-Anderson-Kunst entschieden: Die Spiele am Tisch sehen zwar gut aus, aber auch sehr nach Trickshots. Und genauso werden sie produziert worden sein. Wer echtes Tischtennis sehen will, sollte eine Halle aufsuchen.

Soviel zum sportlichen Aspekt. Ist »Marty Supreme« aber darüber hinaus auch ein guter Film? Schauspielerisch, ich habe es schon gesagt, auf jeden Fall. Timothée Chalamet ist erstklassig, Gwyneth Paltrow war lange nicht mehr so präsent, auch die Nebenrollen (Abel Ferrara als mafiöser Schmierlappen) sind bestens besetzt. Wer, das nur nebenbei, einen Film über eine Tischtennisspielerin sehen möchte, wird hier natürlich herbe enttäuscht, sei aber auf den Zeitfaktor aufmerksam gemacht: Dieser Film spielt, wie gesagt, 1952, als die Welt eben noch eine »man’s world« war, auch darum geht es.

Marty ist zunächst auch alles andere als ein Sympathieträger. Er hat ein Ziel, dem er alles unterordnen will, und in der ersten Hälfte des Filmes scheint sich alles entsprechend zu fügen – du musst nur genug Chuzpe haben, eine große Klappe, ein Selbstbewusstsein bis zum Anschlag, dann gehört die Welt dir. Marty ist ein Arschloch, das viel riskiert, doch im Laufe dieses wirklich sehr irren Filmes schlägt die Welt doppelt und dreifach zurück: Denn nein, es ist nicht das Selbstbewusstsein, das Jungmännlichsein, das Emporkommenwollen, das die Welt regiert, sondern es sind immer noch die alten Kräfte, die alten Männer, das schnöde Geld, die schnöde Macht, die Gewalt. Marty Mauser wird eigentlich recht klein gemacht im Laufe der Handlung, die mit so vielen Drehungen und Wendungen versehen ist, dass man das Ergebnis eher für einen durchgeknallten Woody-Allen-Film halten muss als für ein neoliberales Heldenepos.

Die Frauenfiguren, auch das sei noch gesagt, haben sehr wohl viel Tiefe, auch wenn sie, wie Odessa A’Zion als Rachel, nicht unbedingt das große Glück versprühen, sondern im Gegenteil vieles, wenn nicht alles, für Marty eher noch schlimmer machen. Und das Ende vom Lied ist hier kein mit Glück verwandelter Matchball wie noch in Woody Allens »Matchpoint«, an den man auch denken muss, sondern fast schon ein wenig zu rührselig. Aber die Klammer, die am Anfang aufgemacht wird – sie wird geschlossen.

»Marty Supreme«, Regie: Josh Safdie, USA/Finnland 2006, 149 Min., Kinostart: heute

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