Gezeichnet von Konflikt und Armut
Von Karin Leukefeld, Tripoli
In der einst blühenden nordlibanesischen Hafenstadt Tripoli sind diesen Winter mindestens 15 Personen beim Einsturz ihrer Wohnhäuser ums Leben gekommen. Ende Januar starben ein Vater und seine Tochter, als zwei Gebäude zusammenbrachen. Am 8. Februar stürzten in Bab Al-Tabbana, einem der ärmsten Viertel von Tripoli, erneut zwei Häuser ein, 13 Menschen starben. Nach Angaben der Stadtverwaltung müssten 114 Wohngebäude geräumt werden, doch für die 600 davon betroffenen Familien gibt es bisher keinen alternativen Wohnraum.
Der Weg nach Bab Al-Tabbana führt über eine steile Straße vorbei an einem Kontrollposten der libanesischen Armee. Viele Jahre lang hatten sich in der Gegend Sunniten aus Bab Al-Tabbana und Alawiten aus dem höher gelegenen Dschabal Mohsen bekämpft. Der Konflikt zwischen ihnen war im Osmanischen Reich entstanden, als die herrschenden Sunniten die Alawiten unterdrückten. Die Alawiten sind eine Strömung des schiitischen Islam. Auslöser der jüngsten Auseinandersetzung war der seit 2011 andauernde Krieg in Syrien. Die Sunniten aus Tabbana unterstützten Dschihadisten gegen die Regierung von Baschar Al-Assad, der wiederum in den Alawiten von Dschabal Mohsen Verbündete hatte. Die Stabilität der Wohnhäuser in beiden Vierteln hat schwer unter den Kämpfen gelitten.
Vor der Einsturzstelle in Tabbana unterhalten sich einige Menschen. Sie gehören zu den 38 Personen, die in den beiden Häusern gewohnt hatten, oder sind Nachbarn. Unter ihnen ist die 78jährige Leila Mahmud Tischrin. Ganz in schwarz gekleidet, sitzt sie gegenüber den Trümmern und wischt sich Tränen aus den Augen. Hier habe sie seit ihrer Heirat vor 56 Jahren mit ihrem Mann gelebt. Dieser sei vor vier Jahren gestorben. Am Tag des Unglücks hatte sie das Haus verlassen, um eines ihrer Kinder zu besuchen. Dann habe sich die Nachricht von den einstürzenden Häusern wie ein Lauffeuer verbreitet. Voller Angst sei sie mit der Familie ihres Sohnes zurück zu ihrem Haus gelaufen. Doch sie hätten nur noch Trümmer vorgefunden.
Alle ihre Ersparnisse »für ein gutes Leben im Alter« seien verlorengegangen. Sie lebe jetzt bei ihrer Tochter, die eine Parterrewohnung habe. Ihr Sohn wohne auch nicht weit, doch im siebten Stock. Einen Aufzug gebe es nicht, die Treppen hinauf könne sie nicht mehr steigen. »Unser Haus ist auch einsturzgefährdet«, sagt ihr Sohn und zeigt auf seinem Handy Aufnahmen von tiefen Rissen in Boden, Decken und in den Wänden. Immer wieder habe er beim Stadtrat auf den schlechten Zustand der Häuser aufmerksam gemacht, nie sei etwas geschehen. »In unserem Haus leben 170 Menschen. Was soll werden, wenn es einstürzt?«
Lebhaft diskutieren die Menschen und tauschen aus, was ihnen der Stadtrat gesagt hat. Alle wurden registriert. Doch wisse man nicht, wann, wo und wie sie Hilfe erhalten würden. Er habe gehört, dass jeder 1.000 US-Dollar bekommen solle, wirft ein junger Mann namens Mahmud Saman ein. Er habe wie durch ein Wunder überlebt, weil er zufällig vor dem Einsturz rausgegangen sei. Sein Freund sei in der Wohnung gewesen: »Nun liegt er mit Brüchen und Quetschungen im Krankenhaus.« 1.000 US-Dollar seien zuwenig, so Saman. Wie könnte er dafür aufkommen, wenn seine Mutter jetzt sterben sollte und er sie beerdigen müsste? Er habe gespart, weil er heiraten wollte. Doch nun sei alles dahin. »Wir wollen doch nur, dass man sich um uns kümmert«, sagt ein Mann in staubiger Arbeitskleidung. »Wir sind arm. Wir brauchen eine Wohnung, wir brauchen Kleidung, Essen und Medizin.«
Im Zentrum von Tripoli hat Bürgermeister Abdul Hamid Kerima nur wenige Minuten Zeit für Fragen. Er ist erst seit sechs Monaten im Amt, sagt Kerima höflich. Er habe eine schwere Last übernommen. »Vor der Finanzkrise hatten wir 60 Millionen US-Dollar auf der Bank, zwei Millionen davon sind uns geblieben.« Die baufälligen Häuser seien nicht die einzige Herausforderung. Mit der Regierung in Beirut sei ein Notfallplan ausgearbeitet worden. Vorgesehen seien Nothilfen für ein Jahr, damit die Obdachlosen eine neue Wohnung finden könnten. Das Gesundheitsministerium habe zugesagt, die Kosten für die medizinische Behandlung der Verletzten zu übernehmen. Zwar werde der Wiederaufbau vermutlich erst in zwei Jahren richtig beginnen, sagt Karima. Aber in jedem Fall habe er Hoffnung. Zumal in Tripoli wieder mehr investiert werde. Der Hafen werde stärker frequentiert, eine neue Freihandelszone eröffnet, auch ein nahegelegener Flughafen werde renoviert.
Mittlerweile wurde bekannt, dass die Stiftung des französischen Logistikunternehmens CMA CGM zugesagt hat, einen Notfallfonds in Höhe von einer Million US-Dollar zur Unterstützung Tripolis aufzulegen. Tripoli ist die zweitgrößte und zugleich ärmste Stadt im Libanon. Söhne der Stadt sind der langjährige Ministerpräsident Nadschib Mikati und sein Bruder Taha, die laut Forbes 2026 mit jeweils 3,1 Milliarden US-Dollar die beiden reichsten Männer Libanons sind. Ihr auf Telekommunikationsfirmen beruhender Reichtum hat für Tripoli und seine Bewohner keinen Fortschritt gebracht.
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