Der Niedergeschlagene
Von Oliver Rast, Saarlouis
Er wirkt niedergeschlagen, und er ist es auch. Er steigt durch die Ringseile, müht sich auf, bleibt kurz stehen, hebt den Blick, schaut, geht in die Hocke, sinkt auf den vierstufigen Tritt und zieht die angewinkelten Beine an die Brust.
Sein kleiner Sohn stürmt heran, klammert sich an Hals und Nacken des geschlagenen Vaters. Die Familie rückt eng um Jürgen »Dobermann« Doberstein zusammen, den Profiboxer. Dahinter stehen zwei Dutzend Schaulustige, machen mit Smartphones Schnappschüsse. Es ist Sonnabend, wenige Minuten vor Mitternacht in der ausverkauften Stadtgartenhalle von Saarlouis.
»Ein Scheißtag, extrem bitter«, wird Doberstein nach dem Fight noch im Seilquadrat ins Mikro sagen. Das Gros der mehr als 2.000 Zuschauer applaudiert, muntert ihn auf. Das hilft. Ein bisschen jedenfalls. Der Unterlegene zum Publikum: »Fallen kann jeder, entscheidend ist, wie man wieder aufsteht.« Abermals Applaus. Und: »Ihr wisst, ich halte meine Versprechen, ich komme zurück.« Mehr noch, er werde Wunder vollbringen, »lasst euch überraschen«.
Doberstein ist nun Exweltmeister des Global Box-ing Council (GBC) im Supermittelgewicht, eines der kleinen der Weltverbände im Profizirkus. Der 37jährige hatte den 34jährigen Pierre Hubert Dibombe aus Frankreich vor den Fäusten – ein echtes Kaliber mit Durchschlagskraft. Dabei war alles für das Karrierehighlight Dobersteins arrangiert. Und dann das, in Runde sechs – klassischer Knockout.
Zuvor: Der Einmarsch des Athleten ist durch-inszeniert. Doberstein kommt nicht aus dem Kabinentrakt. Der Titelverteidiger schreitet die Tribünentreppe hinunter, paradiert samt Tross quer durch die Halle und klettert mit langem schwarz-güldenen Mantel ins Seilgeviert. Er ist stark angespannt, schiebt Ober- und Unterkiefer übereinander, reißt dann den Mund weit auf, prustet.
Gong zur ersten Runde des auf zwölf Runden je drei Minuten angesetzten WM-Fights. Dobersteins Taktik ist sofort klar: Dibombe auf Distanz halten, mit der linken Führhand, Reichweitenvorteile nutzen. Der wiederum sucht von Beginn an den Clinch, den Infight. Mitte der Runde die erste Attacke des Herausforderers: Überfallartig prescht Dibombe mit einem linken Kopfhaken vor, explosiv ist er – ein Raunen geht durch die Halle: »Woooah«. Runde zwei: Doberstein setzt weiter seinen Jab ein. Einmal, zweimal, dreimal. Dibombe schaltet wieder in den Angriffsmodus, der »Dobermann« kontert, trifft – und hebt triumphierend den rechten Schlagarm. Aus seiner Ecke folgt der Ruf: »Gut so, du weißt, was du machen musst!« Die dritten drei Minuten: Einzelne Zuschauer skandieren »Jürgen, Jürgen«, weitere stimmen mit ein, klatschen rhythmisch. Der Nochweltmeister will seinen kompakten Kontrahenten weiterhin mit der Führhand lang halten. Und: »Wachsam bleiben!« fordert Dobermanns Stab in der blauen Ecke. Verdammt: »Bumm!« Eine satte Rechte des Franzosen findet ihr Ziel. Runde vier: Das Duo ist in Lauerstellung, Doberstein setzt vereinzelt Akzente, aber ohne Wirkungstreffer. Dibombe hingegen bleibt brandgefährlich, antwortet mit Links-rechts-Kombinationen aus seiner stabilen Doppeldeckung.
Zwischenfazit nach dem ersten Drittel: ein enges Gefecht. Auf den Punktzetteln soll Doberstein vorne gelegen haben – wohl sein Weltmeisterbonus. Was auffällt: Doberstein lässt die Linke bisweilen tief an der Hüfte hängen, schiebt die Schulter vor, hält die Schlaghand an der Kinnspitze. Ein taktischer Move? Falls ja, kein guter.
Weiter geht›s, fünfte Runde: Der Franzose erhöht das Tempo, macht Druck – und punktet. Wieder rauscht ein Raunen von den Rängen. Runde sechs: Nach 1:08 Minuten ist Schluss. Doberstein kassiert einen linken Haken. Volltreffer am Unterkiefer. Der Getroffene fällt schlagartig zu Boden, rappelt sich auf, wackelt, rutscht zwischen die Seile. Ringrichter Mike Wissenbach zählt den Lokalmatador aus. Dibombe ist neuer GBC-Champion.
Und nun? Für den »Saar-Sportler 2025« Doberstein ist der Knockout ein heftiger Dämpfer. Der Deutsch-Kasache, der im Saarland aufgewachsen ist, ist ein »Regiohero«. Einer, den man im kleinsten Flächenland Deutschlands kennt – und schätzt. Sogar eine Langzeitdokumentation hatte kürzlich Kinopremiere in Saarlouis, der heimlichen Hauptstadt des Saarlandes, wie viele meinen.
Welche sportliche Perspektive bleibt? Mario Pokowietz ist skeptisch. »Wenn er nach oben will, muss er einen wie Dibombe schlagen«, sagte der GBC-Boss im Gespräch mit jW. Aber dafür fehle ihm der Punch. Ringrichter Wissenbach sieht das ähnlich – betont vor allem: »Meine Aufgabe ist es, die Boxer zu schützen.« Doberstein sei nach dem Niederschlag nicht mehr kampffähig gewesen, deshalb das KO-Urteil. Der Niedergeschlagene hadert mit dem Richterspruch – und verspricht nochmals: »Ich komme zurück!«
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