Beweise für Massaker
Von Lara Glessen
Am Sonnabend, dem 14. Februar, tauchten acht Fotos auf der privaten Handelsplattform Ebay auf. Eingestellt hatte sie ein belgischer Händler. Über sie spricht seitdem ganz Griechenland. Die Fotos zeigen Ereignisse vom 1. Mai 1944, dem Tag, an dem 200 Kommunisten in Kesariani von der SS erschossen wurden. Dieses Massaker, obwohl eines der größten der faschistischen Besatzer in Griechenland, ist in Deutschland nur wenigen bekannt. Im kollektiven Gedächtnis der Griechen dagegen hat sich die Massenerschießung von antifaschistischen Widerstandskämpfern eingebrannt.
Es handelt sich um Fotos, von denen man nicht wusste, dass sie überhaupt existieren. Sie sind somit wahrscheinlich die einzigen Belege dieser Art, vermutlich aufgenommen von einem Wehrmachtsangehörigen namens Hermann Heuer. Laut griechischen Zeitungen wurden die Fotos von Historikern bereits als authentisch eingestuft, und die Athener Tageszeitung Ta Nea berichtete am darauffolgenden Montag, dass bereits zwei Personen identifiziert werden konnten.
In Chaidari, einem Vorort wenige Kilometer westlich von Athen, befand sich das größte Konzentrationslager im besetzten Griechenland, betrieben von SS und Wehrmacht ab September 1943, unter dem Kommando des SS-Sturmbannführers Paul Radomski. In dem Lager wurden vorwiegend die zahlreichen Gefangenen festgehalten, die bei den häufigen Razzien in und um Athen aufgegriffen wurden, um den Widerstand der Bevölkerung zu brechen.
»Sühnequote« eins zu 50
Chaidari entwickelte sich schnell zu einem zentralen Ort des faschistischen Terrors in Griechenland. Folter und Zwangsarbeit standen auf der Tagesordnung. Auf von Partisanen verübte Attentate auf Deutsche oder deutsche Einrichtungen folgten regelmäßig grausame Racheakte: Die Lagerhäftlinge dienten als eine Art »Geiselreservoir« für an verschiedenen Hinrichtungsstätten verübte Morde. Insgesamt, so schätzen Historiker, fielen diesen Exekutionen etwa 2.000 Menschen zum Opfer. Ferner diente das KZ Chaidari von Frühjahr bis Sommer 1944, nur wenige Monate vor der Befreiung Athens, als Durchgangslager für Juden aus verschiedenen Teilen Griechenlands – darunter Athen, Korfu und Rhodos –, um sie gesammelt nach Auschwitz zu deportieren.
Die Mehrheit der Internierten gehörte dem kommunistischen Widerstand an. Trotz der äußerst harten Haftbedingungen blieben viele ihren politischen Überzeugungen treu und stärkten dadurch den kollektiven Widerstandsgeist gegen die Besatzungsmacht. Nicht wenige der Exekutionen vollzog die SS am Schießstand des Arbeiterviertels Kesariani – jenem Ort, an dem auch die kürzlich auf Ebay aufgetauchten Fotografien entstanden: Am 1. Mai 1944, wenige Augenblicke vor den Erschießungen von 200 Kommunisten, als »Sühnemaßnahme« für ein Attentat, bei dem der deutsche General Franz Krech sowie drei weitere Soldaten von Partisanen getötet worden waren – vollzogen nach der zynischen »Sühnequote« eins zu 50.
Griechenland empört
Öffentlich gemacht wurden die Aufnahmen von einem Facebook-Profil, das regelmäßig Fotos aus der Besatzungszeit postet. Spätestens ab dem 15. Februar waren griechische soziale Medien und Presse dann überschwemmt mit Beiträgen und Artikeln. Die griechische Tageszeitung Efsyn beispielsweise veröffentlichte innerhalb von 48 Stunden 20 Artikel, die sich nur mit den Fotos befassten.
Was lässt sich da alles schreiben, mag sich mancher fragen. Einschätzungen von Historikern über die Echtheit, ausführliche Erläuterung der Geschichte, Aufforderungen von Politikern und allen Oppositionsparteien des Mitte-links-Spektrums an die Regierung, die Fotos zu erwerben, Preisentwicklung auf Ebay – zuletzt lag der Preis für eines der Fotos bei über 2.000 Euro –, Identifikationen von Hingerichteten, Interview mit dem Händler, Empörung über den Handel mit Dokumenten eines Massenverbrechens, biographische Hintergründe der »200«, Gedenkkundgebung der Kommunistischen Partei Griechenlands (KKE) in Kesariani, Stellungnahme des Premierministers; kurz: einiges. Die Reaktion ließ bedauerlicherweise auch nicht lange auf sich warten – Unbekannte beschädigten wenige Stunden nach Veröffentlichung der Fotos die Gedenktafel mit den Namen der Opfer am ehemaligen Schießstand von Kesariani, der 1984 zu einem historischen Gedenkort erklärt wurde.
Und die Fotos? Wer die Anzeigen auf Ebay suchte, tat dies vergeblich. Der Verkäufer zog sie zurück, erklärte sich jedoch offen für Gespräche über den Verbleib. Am Mittwoch vergangener Woche erklärte das griechische Kulturministerium die gesamte Sammlung mit insgesamt 262 Fotos offiziell zum Denkmal. Damit erhält der griechische Staat die gesetzliche Grundlage, die Sammlung einzufordern und zu erwerben. Experten des Kulturministeriums reisten am Freitag nach Belgien zum Sammler, um die Echtheit der Fotos vor Ort zu überprüfen und Verhandlungen aufzunehmen. Experten bestätigten vor Ort die Authentizität, und ein Vorvertrag wurde unterzeichnet.
Laut der griechischen Zeitung Proto Thema beläuft sich die vereinbarte Summe für das gesamte Album auf 100.000 Euro; ein absurder Preis, den der griechische Staat für den Kauf zahlen muss – für Beweise eines Verbrechens an seinen Bürgern. Und dann ist da noch die Frage, wo die Fotografien aufbewahrt werden sollen in Zukunft. Wenn es nach der Regierung geht, wäre das Parlament der richtige Aufbewahrungsort. Die Kommunistische Partei Griechenlands (KKE) hat verständlicherweise etwas anderes im Sinn: das Museum des nationalen Widerstands der EAM (Nationale Befreiungsfront, wichtigste Widerstandsorganisation im besetzten Griechenland 1941 bis 1944). Das – wohl nicht ganz zufällig – in Kesariani liegt. Diese und weitere Vorschläge stehen nun zur Debatte.
Im kollektiven Gedächtnis verankert
Wenn man von den »200 des 1. Mai« spricht, wissen die meisten Griechen, worum es geht. Denn nicht nur in die Geschichtsschreibung fanden die Ereignisse Eingang, sondern auch etliche Kunstschaffende haben sie aufgegriffen. Um nur einige Beispiele zu nennen: Der Kommunist und Schriftsteller Themos Kornaros überlebte Chaidari und verfasste 1945 ein Buch über seine dortige Haftzeit; der 1. Mai 1944 bildet den traurigen Höhepunkt seines historischen Romans. Das Werk erschien unter dem Titel »Leben auf Widerruf« ebenfalls in der DDR. Im heutigen Deutschland höchstens noch in der einen oder anderen Bibliothek zu finden, wird es in Griechenland hingegen immer wieder neu verlegt. Einige Jahrzehnte später – Mitte der 1970erJahre – erschien ein von Mikis Theodorakis komponiertes Lied, in dem die Erschießungen thematisiert werden. Dutzende weitere Lieder tun es ebenfalls, direkt oder indirekt. Und auch die jüngere Generation kennt dieses Kapitel der Geschichte. Dazu beigetragen haben mag auch der sehenswerte Spielfilm »Der Übersetzer« des renommierten Regisseurs Pantelis Voulgaris aus dem Jahr 2017 – in Athen aktuell wieder im Kinosaal zu sehen.
Es ist zugegebenermaßen keine Seltenheit, dass ein Fotoalbum auftaucht, das von einem Deutschen auf »Dienstreise« im Besatzungsgebiet zusammengestellt wurde und die von seiner Truppe begangenen mörderischen Verbrechen dokumentiert. Welche Motivationen dahinter steckten, darüber lässt sich meist nur spekulieren. So auch im Falle eines anderen in Griechenland entstandenen Fotoalbums: 2002 fand Andreas Assael, Sohn eines jüdischen Überlebenden aus Thessaloniki, auf einem Münchner Flohmarkt eine Fotosammlung mit mehr als 400 Aufnahmen aus der Besatzungszeit, darunter etwa 80 Fotografien aus Karya.
Der Ort war bis vor wenigen Jahren gänzlich unbekannt, selbst unter Historikern. Hier fand während der deutschen Besatzung ein grausames Verbrechen statt: Der »Vernichtung durch Arbeit« waren etwa 300 bis 500 jüdische Männer aus Thessaloniki ausgeliefert. Diejenigen, die diese Hölle überlebten, wurden nicht viel später nach Auschwitz deportiert. Aus dieser Fotosammlung hervorgegangen ist die Ausstellung »Karya 1943«, die im vergangenen Jahr in Athen, Berlin und Leipzig zu sehen war. So dürfte dieses nicht allzu bekannte Kapitel der deutschen Verbrechen doch wenigstens ein klein wenig der Vergessenheit entrissen worden sein.
Obwohl solche Fotofunde also nicht einzigartig sind, ist die öffentliche Aufmerksamkeit enorm. Denn die »200 des 1. Mai« sind durch Literatur, Musik, Film und bildende Kunst tief im kollektiven Gedächtnis Griechenlands verankert.
links & bündig gegen rechte Bünde
Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.
Ähnliche:
Wikimedia Commons27.09.2021Vereint gegen den Feind
imago images/Photo1207.04.2021»Wir wollen nicht zahlen«
imago/Becker&Bredel26.08.2020Beim Verdrängen gestört