Auf den Hügeln
Von Hugo Braun
Es gibt Verfilmungen, die einen literarischen Stoff ins Heute ziehen. Und es gibt solche, die ihn so lange polieren, bis er politisch harmlos wirkt. Die neue Filmadaption von »Wuthering Heights« (deutsch: Sturmhöhe) durch Regisseurin Emerald Fennell gehört zu letzteren.
Denn Emily Brontës Roman von 1847 war nie bloß eine Liebestragödie im Nebel der Moore. Er ist ein Text über Herkunft und soziale Verwundbarkeit, über Besitz, Bildung, Aufstieg und die Gewalt der Ausgrenzung. Heathcliff ist kein romantischer »Dunkelmann«, sondern ein Fremder ohne Status, ein Entrechteter in einer Welt rigider Hierarchien. Dass seine Besetzung mit dem Aus-tralier Jacob Elordi in der britischen Presse als »Whitewashing« kritisiert wurde, kann man unerheblich finden. Doch es ist keine Empfindlichkeit, sondern eine sachliche Diagnose: Hier wird sozialer Konflikt in austauschbare Ästhetik übersetzt.
Und Cathy? Sie ist kein ätherisches Naturwesen, das aus reiner Leidenschaft handelt. Sie ist eine Figur, die zwischen Begehren und sozialem Kalkül zerrieben wird. Gerade darum ist das Casting der weiblichen Hauptrolle keine Nebensache, kein Detail. Es ist eine politische Entscheidung. Wenn eine global vermarktbare Schauspielerin wie Margot Robbie – ohne regionale, sprachliche oder milieuspezifische Erdung – Cathy spielt, verliert diese ihr spezifisches soziales Gepräge. Der Akzent wird neutralisiert, die Klassenherkunft unsichtbar gemacht, das Milieu geglättet. Was bleibt, ist große, schöne, konsumierbare Leidenschaft. Was verschwindet, ist der Hintergrund, aus dem sie kommt.
Die Moore von Yorkshire sind bei Brontë kein dekorativer Hintergrund. Sie sind sozialer Resonanzraum, Landschaft und Klasse sind verschränkt. Cathy weiß, dass ihre Heirat mit Edgar Linton auch ein ökonomischer Schritt ist. Sie sagt es offen. Liebe und Status sind nicht zu trennen. Wer diese Konstellation in eine ästhetische »Personal fantsy« verwandelt, wie Fennell es selbst nennt, verschiebt den Ton des Werks: Aus Klassenanalyse wird Gothic-Romantik. Aus sozialer Enge wird atmosphärische Weite.
Dabei lohnt der Blick auf den Ort, der im Film leicht zur Kulisse wird. Im Brontë-Parsonage-Museum in Haworth – dem Heimatort der Brontë-Geschwister – ist die Welt dokumentiert, in der deren Romane entstanden. Im Babbage-Report von 1850 steht, dass 41,6 Prozent der in Haworth Geborenen das sechste Lebensjahr nicht erreichten; das Durchschnittsalter lag bei 25,8 Jahren. Das ist nicht bloß Historie, das ist die soziale Temperatur einer frühen Industriegesellschaft, in der Kinderarbeit bis zu 14 Stunden täglich (außer sonntags) als Normalität galt. Und wer die Brontës nur als Privatmythos liest, übersieht, dass die Schwestern diese Konflikte kannten: Charlotte Brontë thematisiert in »Shirley« (1849) die sozialen Verwerfungen infolge der Mechanisierung, die Massenarbeitslosigkeit in den Tälern Yorkshires, das Aufbegehren einer jungen Arbeiterbewegung.
Und die Gegenwart? Der Guardian beschreibt die Region mit Zahlen, die mehr sind als Statistik, weil sie den langen Schatten der Herkunft markieren: »In der Stadt liegen einige der am stärksten benachteiligten Gebiete des Landes. Etwa 40 Prozent der Kinder in Bradford leben unterhalb der Armutsgrenze, während zwölf Prozent der Menschen im erwerbsfähigen Alter keine Qualifikationen haben.« Soziale Herkunft ist in Großbritannien bis heute entscheidend. Britische Filme erzählen gern von Armut und Reichtum, von Aufstieg und Abstieg. Doch wenn es um die Gesichter geht, die diese Geschichten tragen dürfen, bleibt das Milieu oft elitär: Fast ein Drittel der für den wichtigsten britischen Filmpreis, den der BAFTA, nominierten Schauspielerinnen und Schauspieler wurde in Eliteschulen erzogen. Nordenglische Frauen erscheinen überproportional häufig als komische Figuren, als Arbeiterinnen, als »Typen« – selten als komplexe, tragende, gesellschaftlich ambivalente Heldinnen, vermerkt die in Yorkshire geborene Schauspielerin Angelika May im Guardian. So entsteht eine doppelte Entpolitisierung: Der historische Klassenkonflikt des Romans wird ästhetisch überdeckt. Und die gegenwärtige Klassenstruktur der Branche reproduziert sich selbst – durch Casting, Zugang, Habitus.
Diese neue Verfilmung mag visuell überwältigend sein. Aber sie entzieht der Vorlage jene soziale Schärfe, die den Text bis heute relevant macht. Cathy sagt im Roman: »Wenn ich nur einmal in der Heide dort auf den Hügeln sein könnte, o gewiss, dann wäre ich wieder ich selbst!« Das ist kein romantischer Naturseufzer. Es ist ein Satz über Zugehörigkeit und soziale Verortung. Wer diese Verortung auflöst, macht aus einem Klassenroman eine Liebeslegende. Und aus Literaturgeschichte wird Eventkino.
»›Wuthering Heights‹ – Sturm-höhe«, Regie: Emerald Fennell, GB/USA 2026, 136 Min., bereits angelaufen
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