Gegründet 1947 Mittwoch, 25. Februar 2026, Nr. 47
Die junge Welt wird von 3063 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 25.02.2026, Seite 7 / Ausland
Zionismus

Gottesgeschenk vom Nil bis zum Euphrat

US-Botschafter Huckabee legitimiert Israels Expansionismus mit Bibelverweis. Arabische Staaten kritisieren Äußerungen zwar – aber Washingtons Politik nicht grundsätzlich
Von Knut Mellenthin
7.JPG
Prominenter Vertreter des christlichen Zionismus: Mike Huckabee vor einem Gemälde Jerusalems (ebendort, 15.9.2025)

Äußerungen des US-amerikanischen Botschafters Mike Huckabee haben Schwung in die Debatte über Israels schrittweise, zeitlich langgestreckte, aber systematisch betriebene und anhaltende territoriale Expansion gebracht. Der frühere baptistische Pfarrer ist einer der prominentesten Vertreter des »christlichen Zionismus«, dem sich in den USA ein großer Teil der »Evangelikalen« zurechnet. In einem Interview mit dem Moderator und Journalisten Tucker Carlson, der zum israelkritischen Flügel der Kräfte um Donald Trump gehört, hatte Huckabee sich zur Ansicht bekannt, Gott habe den Juden das zwischen Nil und Euphrat liegende Gebiet für alle Zeit zum Geschenk gemacht.

Auf Carlsons Einwand, dass dieser Anspruch neben Israel selbst, Jordanien, Syrien und Libyen auch »große Teile Iraks und Saudien-Arabiens« einschließe, hatte der US-Botschafter sich zu dem freimütigen Spruch hinreißen lassen: »It would be fine if they took it all.« Welchen Grad der Zustimmung oder Begeisterung ein US-Amerikaner mit dem Wort »fine« ausdrücken will, ist individuell recht unterschiedlich. Huckabee ruderte kurz darauf zurück und bezeichnete seine Ausdrucksweise als »überschwänglich«.

Das Interview wurde vermutlich am vorigen Mittwoch in der VIP-Lounge des zwischen Jerusalem und Tel Aviv gelegenen Ben-Gurion-Flughafens aufgenommen. Am Freitag wurde es online gestellt. In den ersten Stunden sahen und hörten es mehr als eine Million Menschen auf Youtube.

Zuerst protestierten einzelne arabische Staaten wie Saudi-Arabien, Jordanien und Ägypten, die Friedensverträge mit Israel geschlossen haben. Dann folgte kollektive Ablehnung. Am Sonntag wurde eine Erklärung veröffentlicht, die neben mehr als einem Dutzend Staaten auch von der Arabischen Liga, der weltweiten Organisation für Islamische Kooperation (57 Mitgliedstaaten) und dem Golfkooperationsrat unterzeichnet war.

Iran verurteilte die Äußerungen des nicht eben diplomatischen US-Diplomaten separat. Angesichts einiger Textstellen der gemeinsamen Erklärung ist das nachvollziehbar. Darin werden zwar Huckabees »gefährliche und aufhetzende Bemerkungen kategorisch zurückgewiesen«. Die Unterzeichnenden warnen außerdem, dass »Israels expansionistische Politik und widerrechtliche Maßnahmen nur Gewalt und Konflikt in der Region entfachen und die Aussichten auf Frieden untergraben«. Sie verbeugen sich aber zugleich in Richtung Trumps, indem sie hervorheben, dass Huckabees Äußerungen direkt der »Vision« des US-Präsidenten und seinem Plan zur Beendigung des Gazakonflikts widersprächen.

Wie kam es zu diesem Interview und wie lief es ab? Die Initiative war, allen vorliegenden Berichten zufolge, von Huckabee und seinem Team ausgegangen. Er hatte erfahren, dass Carlson eine Reihe von Gesprächen über die Situation christlicher Minderheiten im Nahen Osten geführt hatte und hatte mehr oder weniger drängend angeregt, auch mit ihm als US-Botschafter ein Interview aufzunehmen und ihm Gelegenheit zur Darlegung seiner Positionen zu geben. Das geschah vermutlich auch mit dem Ziel, die Konfrontation in der Trump-Bewegung vor allem am Thema Israel aufzuweichen.

Zum besseren Verständnis der besonders spektakulären Szene ist anzumerken, dass Huckabee die Kontroverse um die Bibelstellen nicht von sich aus ausgelöst hatte, sondern der offensichtlich gut vorbereitete Carlson ihm die Zitate – drei Stellen in den Kapiteln 12, 15 und 17 der Genesis, hebräisch Bereschit – entgegenhielt, um ihn und damit auch die »religiösen«, in Wirklichkeit unethischen und völkerrechtswidrigen Grundlagen des israelischen Expansionismus bloßzustellen.

In diesem Zusammenhang ist daran zu erinnern, dass schon der Begründer der zionistischen Weltanschauung, Theodor Herzl (1860–1904), seine Kontakte zu britischen Politikern zu nutzen versuchte, um die Überlassung Zyperns und der Sinaihalbinsel zu erreichen. Zur Friedenskonferenz nach dem Ersten Weltkrieg erschienen die Delegierten der zionistischen Weltorganisation mit einem schriftlichen Entwurf, der in die Grenzziehung über das gegenwärtige Israel (einschließlich der besetzten Gebiete) hinaus auch den Süden Libanons bis in die Höhe von Sidon und den gesamten Westen des späteren Jordanien bis an die damals strategisch wichtige Hedschasbahn einschloss.

Zur Vervollständigung: Im vorigen Jahr ergab eine Pew-Studie, dass 70 Prozent der weißen Evangelikalen an die Gottesgeschenklegende aus der Bibel glauben. Die Gesamtzahl der Evangelikalen in den USA wird zwischen 40 und 70 Millionen geschätzt. Nicht alle sind Anhänger Israels.

links & bündig gegen rechte Bünde

Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.

Ähnliche:

  • Der vermeintliche Kampf Israels gegen den Terror richtet sich hi...
    29.10.2025

    Ringen um den Südlibanon

    Der Druck auf Beirut, die Hisbollah zu entwaffnen, steigt – vor allem aus Washington und Tel Aviv. Angriffe Israels haben trotz Waffenruhe nie aufgehört
  • Eindeutiger lässt sich die Verharmlosung von Kriegsverbrechen wo...
    09.09.2025

    Der Bumerang der Barbarei

    Fast zwei Jahre nach Beginn des Völkermords greifen Zionisten auch in Deutschland zunehmend zu Gewalt. Eine unvollständige Chronik
  • Ohne die Unterstützung aus der EU und den USA wäre der Völkermor...
    24.03.2025

    Träume vom Genozid

    Österreich: Heimliches Video von Treffen mit israelischem Botschafter offenbart Menschenverachtung der beteiligten Akteure

Regio:

Mehr aus: Ausland