Gottesgeschenk vom Nil bis zum Euphrat
Von Knut Mellenthin
Äußerungen des US-amerikanischen Botschafters Mike Huckabee haben Schwung in die Debatte über Israels schrittweise, zeitlich langgestreckte, aber systematisch betriebene und anhaltende territoriale Expansion gebracht. Der frühere baptistische Pfarrer ist einer der prominentesten Vertreter des »christlichen Zionismus«, dem sich in den USA ein großer Teil der »Evangelikalen« zurechnet. In einem Interview mit dem Moderator und Journalisten Tucker Carlson, der zum israelkritischen Flügel der Kräfte um Donald Trump gehört, hatte Huckabee sich zur Ansicht bekannt, Gott habe den Juden das zwischen Nil und Euphrat liegende Gebiet für alle Zeit zum Geschenk gemacht.
Auf Carlsons Einwand, dass dieser Anspruch neben Israel selbst, Jordanien, Syrien und Libanon auch »große Teile Iraks und Saudien-Arabiens« einschließe, hatte der US-Botschafter sich zu dem freimütigen Spruch hinreißen lassen: »It would be fine if they took it all.« Welchen Grad der Zustimmung oder Begeisterung ein US-Amerikaner mit dem Wort »fine« ausdrücken will, ist individuell recht unterschiedlich. Huckabee ruderte kurz darauf zurück und bezeichnete seine Ausdrucksweise als »überschwänglich«.
Das Interview wurde vermutlich am vorigen Mittwoch in der VIP-Lounge des zwischen Jerusalem und Tel Aviv gelegenen Ben-Gurion-Flughafens aufgenommen. Am Freitag wurde es online gestellt. In den ersten Stunden sahen und hörten es mehr als eine Million Menschen auf Youtube.
Zuerst protestierten einzelne arabische Staaten wie Saudi-Arabien, Jordanien und Ägypten, die Friedensverträge mit Israel geschlossen haben. Dann folgte kollektive Ablehnung. Am Sonntag wurde eine Erklärung veröffentlicht, die neben mehr als einem Dutzend Staaten auch von der Arabischen Liga, der weltweiten Organisation für Islamische Kooperation (57 Mitgliedstaaten) und dem Golfkooperationsrat unterzeichnet war.
Iran verurteilte die Äußerungen des nicht eben diplomatischen US-Diplomaten separat. Angesichts einiger Textstellen der gemeinsamen Erklärung ist das nachvollziehbar. Darin werden zwar Huckabees »gefährliche und aufhetzende Bemerkungen kategorisch zurückgewiesen«. Die Unterzeichnenden warnen außerdem, dass »Israels expansionistische Politik und widerrechtliche Maßnahmen nur Gewalt und Konflikt in der Region entfachen und die Aussichten auf Frieden untergraben«. Sie verbeugen sich aber zugleich in Richtung Trumps, indem sie hervorheben, dass Huckabees Äußerungen direkt der »Vision« des US-Präsidenten und seinem Plan zur Beendigung des Gazakonflikts widersprächen.
Wie kam es zu diesem Interview und wie lief es ab? Die Initiative war, allen vorliegenden Berichten zufolge, von Huckabee und seinem Team ausgegangen. Er hatte erfahren, dass Carlson eine Reihe von Gesprächen über die Situation christlicher Minderheiten im Nahen Osten geführt hatte und hatte mehr oder weniger drängend angeregt, auch mit ihm als US-Botschafter ein Interview aufzunehmen und ihm Gelegenheit zur Darlegung seiner Positionen zu geben. Das geschah vermutlich auch mit dem Ziel, die Konfrontation in der Trump-Bewegung vor allem am Thema Israel aufzuweichen.
Zum besseren Verständnis der besonders spektakulären Szene ist anzumerken, dass Huckabee die Kontroverse um die Bibelstellen nicht von sich aus ausgelöst hatte, sondern der offensichtlich gut vorbereitete Carlson ihm die Zitate – drei Stellen in den Kapiteln 12, 15 und 17 der Genesis, hebräisch Bereschit – entgegenhielt, um ihn und damit auch die »religiösen«, in Wirklichkeit unethischen und völkerrechtswidrigen Grundlagen des israelischen Expansionismus bloßzustellen.
In diesem Zusammenhang ist daran zu erinnern, dass schon der Begründer der zionistischen Weltanschauung, Theodor Herzl (1860–1904), seine Kontakte zu britischen Politikern zu nutzen versuchte, um die Überlassung Zyperns und der Sinaihalbinsel zu erreichen. Zur Friedenskonferenz nach dem Ersten Weltkrieg erschienen die Delegierten der zionistischen Weltorganisation mit einem schriftlichen Entwurf, der in die Grenzziehung über das gegenwärtige Israel (einschließlich der besetzten Gebiete) hinaus auch den Süden Libanons bis in die Höhe von Sidon und den gesamten Westen des späteren Jordanien bis an die damals strategisch wichtige Hedschasbahn einschloss.
Zur Vervollständigung: Im vorigen Jahr ergab eine Pew-Studie, dass 70 Prozent der weißen Evangelikalen an die Gottesgeschenklegende aus der Bibel glauben. Die Gesamtzahl der Evangelikalen in den USA wird zwischen 40 und 70 Millionen geschätzt. Nicht alle sind Anhänger Israels.
Hinweis: In einer früheren Version des Artikels wurde zu Beginn des zweiten Absatzes fälschlicherweise Libyen statt Libanon aufgezählt. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Ulf G. aus Hannover (26. Februar 2026 um 12:26 Uhr)Religion hat unter anderem ihre Basis in der biologisch programmierten assoziativen Natur menschlichen Denkens, das unvermeidlich gern mal sozial-personale Denkstrukturen zweckentfremdend auf apersonale Sachverhalte anwendet. Ein Gottesbild im Herzen kann da real erfahrbar werden. Etwas oberflächlicher wird der Blitz einem hammerschwingenden Thor zugeschrieben, die reifen Kirschen »lachen« einem entgegen, im Werbeprospekt haben Äpfel und Bananen freundlich lächelnde Augen, und die Rabattpunkte spazieren mit menschlichen Armen und Füßen über die Seite. In Bildern zur Verkehrserziehung von Kindern werden die Scheinwerfer eines Autos zu Augen und der Kühlergrill zu einem freundlich lächelnden Mund. So können starke personale Denkstrukturen zur Erreichung von Verhaltensmustern auch in eher sozialfernen Lebensbereichen instrumentalisiert werden. Die Verkehrs-»Tauglichkeit« wird mit Personalisierung des apersonalen Autos erreicht. Ganz entsprechend dient die Personalisierung des Guten zu einem Gott (und des Bösen zum Teufel) dazu, sozialadäquates Verhalten zu fördern. Die Wörter »Tugend« und »Tauglichkeit« hängen nicht umsonst ethymologisch zusammen. Wenn in alter Zeit ein Gott einem Volk ein Stück Land zusprach, dann diente das natürlich auch der Festigung der psychologischen Bereitschaft zu gewaltsamer Machtverteidigung und -erweiterung, also der damals lebensnotwendigen Kriegsbereitschaft. Dass Völkermord vor tausenden Jahren an der Tagesordnung war, davon legt nicht nur die Bibel vielfach Zeugnis ab. Religion als emotionale Stütze kann gut sein. Sogar sehr gut. Sie kann aber auch sehr missbraucht werden, um Ziele abseits von Menschlichkeit zu erreichen. Völkermord gehört heute wirklich nicht mehr zu den erstrebenswerten Dingen. Und das einstmals überlebensfördernde göttliche Versprechen wird dann ganz schnell zu einem lebens- und menschlichkeitsvernichtenden Unwort. Juristisch wäre da in einer Gesetzesreligion wohl auf teleologische Bibel-Auslegung abzustellen!
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Torsten Andreas S. aus Berlin (25. Februar 2026 um 16:28 Uhr)Herr Ministerpräsident Bibi Netanjahu und auch einige seiner Verwandten und Vertrauten kommen in diesem Zusammenhang auf die Amalek zu sprechen und meinen damit nicht nur die Palästinensischen, da es zur Zeit der Amalek noch keine Palästinensischen gab. Diese Position meint die allgemein gültige Bannweihe, die ich von meiner Großtante Wladislawa kenne, die vor einiger Zeit friedlich verstarb. Ich rate dringend davon ab, sich mit der Bannweihe zu beschäftigen, denn dadurch entzaubert sich Erez Israel. Aber auf gar keinen Fall dieses Konstrukt Staatsraison.
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich H. aus Stadum (25. Februar 2026 um 18:04 Uhr)Im Gegenteil, Torsten Andreas S., frau sollte sich damit beschäftigen! Ich habe den Google nach »Bannweihe« gefragt und im Treffer »https://www.die-bibel.de/ressourcen/wibilex/altes-testament/bann-banngut« dieses Zitat gefunden: »Zusammen mit den Menschen soll nicht nur das Vieh einer solchen Ortschaft abgeschlachtet werden; vielmehr soll man alle Sachbeute auf einem Platz zusammentragen und zusammen mit dem ganzen Ort in Flammen aufgehen lassen. Die Bannkrieger dürfen keinerlei Beute machen! Dieser Gedanke taucht auch in Jos 6-7 anlässlich der Eroberung → Jerichos auf. Hatte es dort in einem deuteronomistischen Grundtext geheißen, in der Stadt seien, abgesehen vom Haus der → Rahab, alle Menschen und Tiere zu «bannen» (so Jos 6,17.21 in bereits überdehnter Aufnahme von Dtn 20,15-17), so handelt eine Erweiterung von der Sachbeute: Alle Wertgegenstände aus Jericho müssen dem «Schatz Jhwhs» zugeführt und dürfen nicht privat vereinnahmt werden (Jos 6,18-19).« Und weiter sgt die Google-KI auf die Frage nach »Erez Israel«: »Eretz Israel (hebräisch אֶרֶץ יִשְׂרָאֵל, «Land Israel») ist die hebräische Bezeichnung für das biblisch verheißene Land der Israeliten und Juden. Es gilt als religiöse und nationale Heimat des jüdischen Volkes. Der Begriff umfasst historisch und religiös ein Gebiet, das weit über die Grenzen des modernen Staates Israel (seit 1948) hinausgehen kann.«
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